Porträt

Die NPD bleibt legal – ein Aussteiger hatte sich für ein Verbot der rechtsextremen Partei eingesetzt

Die rechtsextreme NPD wird auch beim zweiten Versuch nicht verboten. Matthias Adrian war bei der NPD ganz oben mit dabei – heute sagt der Nazi-Aussteiger, dass die Partei dringend verboten werden muss.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Ex-Nazi Matthias Adrian.

Ex-Nazi Matthias Adrian.

Rudi Renoir-Appold

Es gibt dieses Foto von Matthias Adrian, das in der «Bild am Sonntag» erschienen ist: Darauf ist ein junger Mann zu sehen, das Haar gescheitelt, kleiner Schnauz, Braunhemd, schwarze Hose, hohe Stiefel. Damals war Adrian ein führendes Mitglied der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der rechtsextremen NPD. In seinem Aufnahmeantrag an die Partei gab er an, er wolle sich mit «Rassenhygiene und Eugenik» beschäftigen.

«Ich wollte völkisch auftreten, sah mich als einen Vertreter der germanischen Herrenrasse», erinnert sich der 39-Jährige. Zu jener Zeit waren die Wände seines Zimmers tapeziert mit Postern von Adolf Hitler, in seinem Bücherregal lag «Mein Kampf», er sammelte Schriften über die Waffen-SS, sein Idol war Heinrich Himmler. Adrian hasste Ausländer und Juden. Seine Gedankenwelt war klein: «Warum hat es in dieser Strasse fünf verdammte Dönerbuden, aber keinen einzigen deutschen Bratwurststand?» Heute sagt Adrian: «Die NPD muss verboten werden.»

Matthias Adrian sitzt in seinem wegen des spärlichen Lichts düster wirkenden Wohnzimmer einer Dreizimmerwohnung im Berliner Bezirk Pankow. Erst um 23 Uhr muss er zur Arbeit – die ganze Nacht hindurch. Er ist Türsteher bei einem hippen Berliner Club. Adrian spricht schnell, gestikuliert wild, beugt sich nach vorne, wenn er von seiner braunen Vergangenheit erzählt. Seine Haare sind seitlich auf Millimeterlänge geschoren, er trägt ein weisses Hemd, darüber eine dunkle ärmellose Weste. Ein bisschen stutzig wird man bei seinem Anblick; das erinnert doch allzu sehr an die Zeit von damals, Zwanziger-, Dreissigerjahre. An der einen Wand sind Waffen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg aufgehängt. Adrian lächelt. «Ich bin verrückt nach Rockabilly.»

Verbotsverfahren gegen NPD

Deutschland diskutiert erneut darüber, ob die rechtsradikale NPD verboten werden soll. Das Bundesverfassungsgericht lehnte am Dienstag in Karlsruhe den 2013 eingereichten Verbotsantrag der Bundesländer ab.

«Das Weltbild der NPD ist mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar», sagt Adrian. Die NPD strebe eine Volksherrschaft an, die von der Volksgemeinschaft getragen werde. «Für die NPD kann aber nur Volksgenosse sein, wer deutschen oder artverwandten Blutes ist. Ausländer und Juden sind davon ausgeschlossen.»

Udo Pastörs, bis November 2014 NPD-Bundesvorsitzender, machte aus dem volksverhetzenden Weltbild nicht einmal einen Hehl. 2009 schrie er gestenreich von einem Podium, das «Finanzgebäude dieser Judenrepublik» werde in den nächsten zwei Jahren zusammenbrechen. Vor ein paar Jahren wäre Adrian aufgesprungen und hätte gejubelt. Endlich mal einer, der es auf den Punkt bringt. Heute meint Adrian: Ein Verbot entziehe der NPD die finanzielle Grundlage, ihre Infrastruktur würde zerschlagen. Denn der Staat subventioniert die Partei mit – so will es das Gesetz.

Die «gute, alte Zeit»

Adrian muss es wissen. Er steckte tief drin im rechtsextremen Milieu. Aufgewachsen ist Adrian in der konservativ-katholischen Mittelschicht der hessischen Provinz als ältester von drei Söhnen. Der Vater hat einen gut laufenden Mechanikerbetrieb, ist patriotischer CDU-Wähler. Matthias ist noch ein Kind, als er die Faszination für das Dritte Reich entwickelt. Bei Familienfeiern sitzen Opa, Onkel und die Jagdfreunde des Vaters am Abend bei Bier und Wein zusammen. Die ehemaligen Wehrmachtsoldaten erzählen sich Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg. Panzerschlachten, Soldatenromantik, Zusammenhalt.

«Die haben über den Krieg geredet, als hätten sie eine Fussball-Weltmeisterschaft mit Panzern gespielt, die sie gerne gewonnen hätten.» Die «gute alte Zeit», in der nicht alles so schlimm war, wie es später immer hiess. Und der «Adolf» habe doch auch Gutes getan, Arbeitsplätze geschaffen, und Kriminalität gab es damals nicht. «Nie war die Rede von Verbrechen.» Matthias findet Krieg irgendwie cool.

Die Lehrer in der Schule erzählen anderes: Auschwitz, SS, Pogromnacht, Gaskammern. «Glaub nicht alles, was du hörst», sagen Vaters Jagdfreunde. Einer von ihnen drückt dem Jugendlichen – er ist gerade 12 – eine Ausgabe der rechtsextremen «National Zeitung» in die Hand. Den Holocaust hat es nicht gegeben, liest er da, und die Amerikaner versuchen, das deutsche Volk seit Kriegsende umzuerziehen.

Mit 13 knüpft er erste Kontakte zur neonazistischen Wiking-Jugend. Pfadfinder-Romantik, schleichende Indoktrinierung. Mit 17 kennt er sämtliche rechte Kameradschaften in der Region, er schliesst sich der Jugendorganisation der NPD in Südhessen an. Matthias besucht Kameradschaftsabende, der Ablauf ist stets derselbe: eine Dreiviertelstunde Schulung, über die «Rolle der Frau im Nationalsozialismus» zum Beispiel. Danach Nazi-Lieder singen. Am 20. April, Hitlers Geburtstag, werden Hakenkreuzflaggen gehisst. Alles im Verborgenen. «Die Partei wollte nach aussen hin moderat erscheinen.»

Keine Kartoffeln von Afrikanern

Adrian ist wie elektrisiert von der Ideologie der SS, er glaubt den Verschwörungstheorien über das «Weltjudentum», das die «germanische Rasse» zu vernichten versuche. Adrian sieht sich nie als Schläger; die Glatzköpfe, die johlenden und saufenden Nazis mit den Springerstiefeln, denen fühlt er sich überlegen. Die Glatzen brauchen wir, um unseren Sieg zu erringen, danach können wir sie entsorgen, denkt er. «Herrenmenschen pöbeln nicht.» Er schlägt nicht zu, aber er hätte niemals eine Kartoffel an einem Gemüsestand gekauft, an dem ein Afrikaner arbeitet.

Adrian schaut auch nicht fern, weil das gesamte Programm von Juden gesteuert ist, wie er glaubt. Seine Kategorien sind simpel und gefährlich. Es gibt Herrenmenschen und Untermenschen. Und er ist felsenfest überzeugt: Der Sieg der «Nationalen» führt über «Umvolkung und Massenvernichtung». «Ein notwendiges Übel auf dem Weg zum Ziel.»

Adrian glaubt, die Dinge in die Hand nehmen zu müssen. «Ich suchte nach neuen Ansatzpunkten, um unserer Idee schneller zum Durchbruch zu verhelfen.» Er knüpft Kontakte zu «echten» Nazis wie dem Holocaust-Leugner Jürgen Rieger und beschafft sich die Schrift des NS-Ideologen Alfred Rosenberg, «Der Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts».

Die ersten Zweifel

Doch nun kommen Zweifel in Adrian hoch. Die Theorie über Atlantis als Ursprung einer nordischen Rasse klingt so hanebüchen, dass sie nicht aufgehen kann. Der damals 23-Jährige sucht weitere Quellen, surft im Internet. Er stösst auf immer mehr Widersprüche, über die «feigen Juden», wie es doch immer hiess. Nun liest Adrian, dass die Juden in Deutschland tapfer für das Kaiserreich gekämpft hatten. Er forscht über den Holocaust, erfährt von den Verbrechen an der Zivilbevölkerung. «Wenn wir schon radikale Ideen umsetzen wollen», sagt er sich, «dann müssen sie aber auch zu hundert Prozent richtig sein.»

Der gelernte Bäcker zieht sich mehr und mehr aus der Szene zurück. Den Kameraden sagt er, er sei krank. Adrian weiss jetzt nicht mehr, woran er glauben soll. «Ich hatte meine Basis verloren. Ich kannte nichts anderes als meine Ideologie, mein gesamtes Umfeld glaubte daran.» In Internet-Foren tauscht er sich mit Nazi-Aussteigern aus. Und erkennt: Die Theorie ist falsch, an die ich glaubte.

«Die NPD ist gefährlich»

Seine Nazi-Freunde toben. Adrian bekommt Morddrohungen, in Foren werden seine Adresse und Telefonnummer angegeben. Einer ruft an: «Die Kugel für deinen Schädel ist schon gegossen.» Adrian zieht aus der Provinz nach Berlin. Hier ist er sicherer. Das war im Jahr 2000. Zehn Jahre lang hat sich Adrian für die Nazi-Aussteiger-Plattform Exit engagiert. Doch die Arbeit ist noch nicht getan. Die rechte Szene ist gut vernetzt, es gibt neben der NPD die noch radikalere Bewegung «Der dritte Weg». Adrian sagt: «Die NPD ist gefährlich. Denn sie ist die Speerspitze eines sehr gewaltbereiten, nationalen Widerstands.»

Ist Adrian stolz, dass er den Ausstieg allein schaffte? «Wenn man sich mit dem Auto verfährt und wendet, ist man auch nicht stolz auf sich», sagt er. Er schämt sich spürbar für seine Vergangenheit: «Mit der Person, die ich einmal war, hätte ich heute höchstens Mitleid.»

Dieser Artikel wurde von uns erstmals am 29. Februar 2016 publiziert. Er wurde aktualisiert.