Multimedia-Reportage
Die Revolution, die Zensur, die Miss – drei Monate auf einer Redaktion in Nicaragua

Unser Redaktor arbeitete drei Monate lang als Journalist in Nicaragua, einem so widersprüchlichen wie faszinierenden Land. Ein Einblick in Episoden.

Antonio Fumagalli
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AZ-Inlandredaktor Antonio Fumagalli arbeitete Anfang 2016 während knapp drei Monaten für die nicaraguanische Tageszeitung "El Nuevo Diario". Im Folgenden ein paar persönliche Foto-Einblicke:
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Das Land wird von Daniel Ortega regiert - einem Caudillo, der sich und seine Familienmitglieder mit aller Kraft an der Macht zu halten versucht.
Im November 2016 finden Präsidentschaftswahlen statt. Alles andere als ein Sieg Ortegas wäre eine grosse Überraschung.
Die einflussreichste Person im Land ist allerdings Ortegas Ehefrau Rosario Murillo. Offiziell ist sie "nur" Kommunikationsbeauftragte der Regierung, in Wirklichkeit hat sie aber viel grössere Entscheidungskompetenzen.
In der Hauptstadt stehen hunderte sogenannte "Lebensbäume" – für die Bevölkerung Ausdruck staatlicher Geldverschwendung
Ein Grossteil der Bevölkerung lebt in bescheidenen Verhältnissen.
Gemäss Weltbank beträgt das Durchschnittseinkommen in Nicaragua umgerechnet knapp 1800 Franken pro Jahr.
Diese Kaffeepflücker in Matagalpa dürften nicht viel mehr verdienen.
So wird der Kaffee getrocknet, bevor er zum Rösten exportiert wird.
Eine Goldschürferin in Siuna.
Die Arbeit ist anstrengend und gesundheitsschädigend.
Um überhaupt ins "Gold-Dreieck" zu gelangen muss man ein Kleinflugzeug nehmen - oder einen Bus, der auf Schotterpisten über zwölf Stunden unterwegs ist.
Die nicaraguanische Tageszeitung "El Nuevo Diario"
Dafür passieren immer wieder lustige Dinge: Zum Beispiel standen plötzlich die Kandidatinnen für "Miss Carnaval 2016" in den Redaktionsräumlichkeiten.
Die Missen und der Betreuer: Eine Szene kurz vor dem Photoshooting.
Am Poesiefestival in Granada wurde der Reporter für einen Dichter gehalten.
Nicaragua ist aber auch ein vorzügliches Reiseland - zum Beispiel wegen der vielen Vulkane (hier der Concepción auf der Insel Ometepe).
Eindrücke aus Nicaragua
Von einem Vulkan (dem "Cerro Negro") kann man gar herunterschlitteln.
Die Altstadt von León.
Und das wunderbare Dach der Kathedrale.
Strassenszene in Granada.
Nicaragua kann auch mit Stränden auftrumpfen.
Teilweise sind diese noch ziemlich unberührt.
Sonnenuntergang bei "Las Peñitas".
Die schönsten Strände finden sich an der Karibikküste - wie zum Beispiel auf Corn Island.
So sieht ein traditionelles Frühstück in Nicaragua aus.

AZ-Inlandredaktor Antonio Fumagalli arbeitete Anfang 2016 während knapp drei Monaten für die nicaraguanische Tageszeitung "El Nuevo Diario". Im Folgenden ein paar persönliche Foto-Einblicke:

Antonio Fumagalli

Bevor man länger irgendwo hingeht, fragen fast alle, ob man sich freue. Und was man erwarte. Kurz vor meiner Abreise nach Zentralamerika schrieb ich also in meinen Blog: «Nicaragua. Ein kleines Land in Zentralamerika, das die Sandinisten-Revolution erlebte, bald den Panama-Kanal konkurrieren möchte und Bananen exportiert. Doch das ist mit Sicherheit nur die halbe Wahrheit. Die andere kenne ich noch nicht – und bin überaus motiviert, dies zu ändern.»

Seit einer Woche bin ich nun zurück. Zurück aus einem Land, das so widersprüchlich, so faszinierend, so nepotistisch, so polarisiert, so liebenswürdig, und so verstörend ist wie wenige andere Länder, die ich kenne. Nach drei Monaten die «ganze Wahrheit» zu kennen, wäre vermessen – wer kann dies schon? Und doch habe ich einen tieferen Einblick als die meisten Touristen gehabt, die Nicaragua in immer grösserer Anzahl bereisen.

Die nicaraguanische Tageszeitung "El Nuevo Diario"

Die nicaraguanische Tageszeitung "El Nuevo Diario"

Antonio Fumagalli

Die fristlose Kündigung

«Wer im Ausland ist, hat Ferien» – so denken wir insgeheim doch alle. Gegenüber Freunden, Familienmitgliedern und Redaktionskollegen musste ich jedenfalls ständig wiederholen, dass der Hauptgrund meines Nicaragua-Aufenthalts beruflicher Natur war: Im Rahmen eines von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und des Medienausbildungszentrums (MAZ) organisierten Programms konnte ich auf der Redaktion des «El Nuevo Diario», der zweitgrössten Tageszeitung Nicaraguas, mitarbeiten. Auf Spanisch. Das jedoch war nicht mal das grösste Problem, meine Artikel wurden vor der Publikation allesamt noch lektoriert. Viel gewöhnungsbedürftiger, um nicht zu sagen schockierender, war der Redaktionsalltag in einer Medienlandschaft, die alles andere als frei ist. Der «Nuevo Diario» gehört einer Bank, die ihrerseits engste Verbindungen zur Regierung hat. Das merkt man an praktisch jedem politischen Artikel im Blatt: Die Redaktoren – Stichwort «Selbstzensur» – getrauen sich nicht, Kritik an den Behörden zu üben, obwohl sie persönlich durchaus so denken. Zuerst dachte ich an Übertreibung und moralische Feigheit. Bis ich hautnah miterlebte, was bei «Zuwiderhandlung» die Konsequenz ist: die fristlose Kündigung. Während eines Sonntagsdienstes schaltete eine Redaktionskollegin auf der Zeitungshomepage eine ausländische Agenturmeldung auf, in der eine Person zitiert wurde, welche die offizielle Regierungsversion eines Schiffsunglücks in Frage stellte. Das war zuviel für den Mittelsmann der Bank: Er setzte die sofortige Absetzung der «fehlbaren» Redaktorin durch – und verlangte vom Chefredaktor eine Kopie des Kündigungsschreibens. Am nächsten Morgen war das Pult der Kollegin leer. Zurück blieben höchstens ein paar getrocknete Spuren ihrer Tränen.

Daniel Ortega kandidiert immer und immer wieder.

Daniel Ortega kandidiert immer und immer wieder.

Antonio Fumagalli

Der nepotistische Revolutionär

Der Präsident Nicaraguas heisst Daniel Ortega. Ortega? Stimmt, da war doch mal was! Das ist der gleiche Herr, der 1979 zusammen mit seinen Mitstreitern der jahrzehntelangen, überaus blutigen Diktatur der Somoza-Familie ein Ende setzte und danach als Präsident amtete. Seine Abwahl 1990 liess er nicht auf sich sitzen und kandidierte bei jeder Gelegenheit, bis er 2006 unter zweifelhaften Umständen wiedergewählt wurde. Die alten Revolutionsfreunde haben sich fast alle längst abgewandt und geisseln Ortega des Verrats einstiger Werte. Doch der 70-jährige Caudillo lässt sich davon nicht beeindrucken und klammert sich mit aller Kraft an seinem Amt: Verfassungsänderungen, Erneuerung der Wahlbehörden durch gehorsame Leute, Beeinflussung der Justiz, massiver Druck auf die Medien, Einsetzung seiner Verwandten in wichtige Ämter und, wie man in der Bevölkerung munkelt, womöglich gar die Ausschaltung von politischen Gegnern – kein Mittel ist Ortega zu verwegen, um sich an der Macht zu halten. Wobei: Die eigentlich einflussreichste Person im Lande ist seine Frau, Rosario Murillo.

In der Hauptstadt stehen hunderte sogenannte "Lebensbäume" – für die Bevölkerung Ausdruck staatlicher Geldverschwendung

In der Hauptstadt stehen hunderte sogenannte "Lebensbäume" – für die Bevölkerung Ausdruck staatlicher Geldverschwendung

Nordwestschweiz

Die «Hexe»

Ihr muss man ein eigenes Kapitel widmen, denn Rosario Murillo oder «la bruja» (die Hexe), wie sie wahlweise genannt wird, ist im öffentlichen Leben präsenter als ihr Ehemann – nicht nur wegen der zahlreichen Plakate, von denen sie herunterlächelt. Jeden (!) Mittag spricht sie über die von der Regierung kontrollierten TV-Stationen zur Bevölkerung. Die thematische Vielfalt reicht dabei von Regierungsdekreten über Gesundheitsprävention bis hin zur Warnung von Vulkaneruptionen. Hinzu kommt, dass die esoterisch angehauchte Frau weitreichende Kompetenzen hat, obwohl sie nie gewählt wurde. Ihr surrealstes «Werk» zeigt sich in der Hauptstadt Managua an jeder Hauptstrasse: Hunderte «Lebensbäume» aus Metall leuchten dort in den Nachthimmel. Was sie als Verschönerung des Stadtbildes lobt, ist für die meisten nichts anderes als ein obszöner Ausdruck von staatlicher Geldverschwendung. Zu besonderen Ehren ist auch der verstorbene Ex-Präsident Venezuelas Hugo Chavez gekommen: Seine kostenlosen Öllieferungen hat die nicaraguanische Regierung mit einem riesigen Leucht-Porträt auf einem Kreisel verdankt – umrahmt von Murillos «Lebensbäumen».

Am Poesiefestival in Granada wurde der Reporter für einen Dichter gehalten.

Am Poesiefestival in Granada wurde der Reporter für einen Dichter gehalten.

Antonio Fumagalli

Der falsche Dichter

Einmal im Jahr putzt sich Granada, die schönste Stadt des Landes, so richtig heraus: wenn das internationale Poesiefestival stattfindet. Dazu muss man wissen, dass Nicaraguaner für die Dichtkunst besonders viel Liebe empfinden. Ruben Darío, der Begründer des «Modernismo», wird als Nationalheld verehrt und beim Festival lauschen den Dichtern jeweils Tausende auf dem Platz vor der Kathedrale, obwohl diese in ihrer Muttersprache rezitieren. Ich durfte das Ereignis als Korrespondent für den «Nuevo Diario» abdecken und lief während dieser Woche mit einer Akkreditierung auf der Brust herum. Schnell merkte ich, dass die Leute auf der Strasse noch wohlwollender als ohnehin schon mit mir umgingen – denn der Badge sah demjenigen der Dichter zum Verwechseln ähnlich. Weisse Hautfarbe plus weinroter Brustschmuck gleich Poet, so lautete die Gleichung. Eine Gruppe von Kommunikationsstudenten wollte kurzerhand ein Videointerview mit mir machen, den Vogel schoss aber eine Gruppe von vielleicht 14-jährigen Schülern ab, die unbedingt eine Unterschrift von mir wollte. Selbstverständlich erklärte ich allen Bittstellern, dass ich Journalist und keinesfalls Dichter sei – aber das war ihnen egal. Und so prangt nun meine Unterschrift im Notizheft von nicaraguanischen Gymnasiasten, neben derjenigen von echten Dichtern.

Die Miss-Kandidatinnen spazierten einfach ins Büro.

Die Miss-Kandidatinnen spazierten einfach ins Büro.

Nordwestschweiz

Die Missen kommen

Auch abgesehen von der politischen Schlagseite des Blattes war die Arbeit auf der Redaktion des «Nuevo Diario» in vielerlei Hinsicht anders als in der Schweiz – nicht nur, weil es im gesamten Redaktionsgebäude kein einziges Fenster gab und der persönliche Computer noch ein Diskettenlaufwerk hatte. Recherchen gestalteten sich überaus schwierig, weil nur wenige Informationen online zugängig sind und die Behörden – obwohl die Zeitung ihnen ja wohlgesinnt ist – konsequent auf Informationsverweigerung setzen. Ein Beispiel: Für einen Artikel über ein Spital brauchte ich ein paar simple Zahlen und Fakten. Mangels Homepage ging ich persönlich vorbei, wurde von der Direktion aber ans Gesundheitsministerium verwiesen. Dieses wiederum schaffte es in zwei Wochen (!) trotz dutzenden Anrufen und Emails nicht, mir etwa die Anzahl Betten mitzuteilen. Also schrieb ich halt in meinen Text, dass diese Info nicht zu kriegen war – doch, welch Wunder, die Redaktionsleitung löschte den Abschnitt kurzerhand heraus. Lustiger war, als eines Mittags plötzlich zwölf Kandidatinnen für die «Miss Carnaval 2016» ins Büro stolzierten, allesamt mit der obligaten Schärpe um Schulter und Hüfte. Der männliche Teil der Redaktion brachte natürlich den Mund kaum mehr zu. Doch das war noch nichts: Wenig später posierten die Missen fürs Fotoshooting – im Bikini.

Manchmal vereinen Handys Hund und Frauchen.

Manchmal vereinen Handys Hund und Frauchen.

Nordwestschweiz

Die Handy-Sucht

Nicaragua ist ein armes Land, gemäss Weltbank beträgt das Durchschnittseinkommen knapp 1800 Franken pro Jahr. Das merkt man an allen Ecken und Enden, die öffentliche Infrastruktur ist stark ausbaufähig, die Gesundheitsversorgung zwar kostenlos, aber ineffizient, die Natur wird ausgebeutet und in den grossen Städten haust ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in Hütten aus Wellblech. Wo man es hingegen nicht merkt, ist bei der mobilen Kommunikation: Jeder hat ein Smartphone und es wird eingesetzt, als gäbe es kein morgen. Es ist keine Ausnahme, wenn am Esstisch vier von sechs Personen gleichzeitig am Handy herumdrücken – aber nicht etwa, um eine wichtige Nachricht abzuschicken, sondern um auf Facebook und Instagram die neusten Posts zu lesen. Eigentlich eine Unsitte, aber es kann manchmal auch positive Effekte haben: Als bei einer Redaktionskollegin eingebrochen wurde, haben die Eindringlinge neben den Wertsachen auch den Hund mitgenommen. Sie startete danach eine beispiellose Suchaktion über die sozialen Medien – und fand ihre geliebte «Luna» nach 17 Tagen tatsächlich wieder.

Die drei Monate in der Grosstadt Managua verliefen ohne Zwischenfall.

Die drei Monate in der Grosstadt Managua verliefen ohne Zwischenfall.

Haakon S. Krohn

Die (nicht) gefährliche Grossstadt

Was wurde ich nicht gewarnt, bevor ich nach Managua aufbrach. Die Stadt sei weltweit eine der gefährlicheren und nach dem Lesen der EDA-Reisehinweise («Express-Entführungen», «Raubüberfälle von Taxifahrern») will man sich am liebsten im Berner Oberland einbunkern. Nun, passiert ist in diesen drei Monaten: nichts. Natürlich bin ich nachts nicht zu Fuss durch ein Armenviertel gegangen. Natürlich habe ich mein iPhone nicht jedem unter die Nase gestreckt. Eingeigelt habe ich mich jedoch nicht – und ja, ein bisschen Glück gehörte wohl auch dazu. Ironie der Geschichte: Während meiner Abwesenheit wurde in meine Berner Wohnung eingebrochen.

Film-Szenen aus Nicaragua