Die Russen haben einen ersten Corona-Impfstoff entwickelt – aber es gibt Zweifel

Im Rennen um einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 scheint Russland die Nase vorn zu haben – jedenfalls, wenn man den Verlautbarungen der involvierten russischen Wissenschaftler Vertrauen schenkt.

Daniel Huber, watson
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Die russischen Behörden wollen bereits am 10. August einen Impfstoff gegen das Corona-Virus zulassen. Der Impfstoff «Gam-COVID-Vac» wurde in Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium am Moskauer Gamaleja-Institut, dem Nationalen Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie, entwickelt, wie CNN berichtet.

Alle 38 Testpersonen hätten Antikörper gegen SARS-CoV-2 entwickelt. Sie würden nun aus dem Spital entlassen, aber unter ärztlicher Aufsicht bleiben.

Der Impfstoff basiere auf menschlichen Adenovirus-Vektoren, in die Teile des SARS-CoV-2-Gens integriert wurden. Es handelt sich um ein Verfahren, bei dem nicht eine inaktivierte Form des Erregers injiziert wird, sondern ein Mittel, das eine ähnliche Reaktion des Immunsystems hervorruft wie das Coronavirus. «Weder der Impfstoff noch das Protein, das nach dem Eindringen des Antigens in die Zellen erzeugt wird, können Covid-19 verursachen», sagte Elena Smoljartschuk, Leiterin des Zentrums für die klinische Untersuchung von Arzneimitteln an der Setschenow-Universität in Moskau.

Wadim Tarasow, Direktor an der Setschenow-Universität, sagte, man werde Zeit brauchen, um die langfristige Wirksamkeit des Impfstoffs zu untersuchen. Er sagte mit Stolz: «Die Sowjetunion war schon immer stark bei der Impfstoffentwicklung.»

Stolz ist laut dem Bericht von CNN auch Kirill Dmitriev, Leiter des russischen Staatsfonds, der die nationale Impfstoffforschung finanziert. «Es ist ein Sputnik-Moment», sagte Dmitriev, der damit auf den Vorsprung der sowjetischen Raumfahrt-Technik in den 50er-Jahren anspielte, als der Start des ersten Satelliten den Westen schockierte.

Noch keine unabhängige Überprüfung

Da die russischen Forscher ihre Daten bisher nicht mit unabhängigen Wissenschaftlern geteilt haben, konnten ihre Ergebnisse nicht überprüft werden. Es ist also unklar, wie wirksam der Impfstoff ist – und wie sicher. Phase-III-Tests sollen ab 3. August mit Tausenden von Probanden in Russland, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten durchgeführt werden.

Der Impfstoff könnte gemäss Dmitriev Anfang September in Massenproduktion gehen. Zuerst sollen ihn Mitarbeiter im Gesundheitswesen erhalten. Bereits hätten fünf Länder Interesse daran bekundet, den Impfstoff herzustellen.

Doch es gibt auch Kritik: Bei den klinischen Studien seien medizinische Standards missachtet worden. So hiess es, der Impfstoff sei an medizinischen und militärischen Freiwilligen getestet worden, also an zwei Personengruppen, die von ihren Vorgesetzten abhängig seien.

Tarasow wies diese Vorwürfe zurück und betonte, alle Testpersonen seien Zivilisten. Laut CNN hat das russische Verteidigungsministerium jedoch selbst mitgeteilt, dass Soldaten sich als Testpersonen zur Verfügung gestellt hätten. Eine Testperson, die an der Medienkonferenz anwesend war, erklärte, man habe ihnen 100000 Rubel (rund 1266 Franken) für die Teilnahme versprochen. Sie hätten das Geld jedoch noch nicht erhalten.

Das in Moskau entwickelte Vakzin ist nur einer von vielen potenziellen Impfstoffen, die derzeit weltweit getestet werden. Laut der WHO werden 23 bereits an Menschen getestet, fünf davon in grossen Studien mit tausenden Probanden.