US-Wahlkampf
Die Schweizer Wurzeln von Michele Bachmanns Weltbild

Michele Bachmanns Sieg bei der Probeabstimmung vom vergangenen Wochenende in Iowa ist zwar unverbindlich. Doch er zeigt: Die Tea-Party-Ikone ist aktuell die Favoritin unter den republikanischen Möchtegern-Präsidenten.

Karen Schärer
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Michele Bachmann und ihr Mann Marcus verdanken ihr «biblisches Weltbild» Francis Schaeffer. (Foto: Keystone)

Michele Bachmann und ihr Mann Marcus verdanken ihr «biblisches Weltbild» Francis Schaeffer. (Foto: Keystone)

Was man nicht weiss: Die Ansichten der radikalen Ideologin wurden massgeblich durch einen Theologen geprägt, der jahrzehntelang in der Schweiz gewirkt hat – und dessen Ausstrahlung noch heute so gross ist, dass Menschen aus aller Welt ins Waadtland reisen, um seine Schriften zu studieren: Francis Schaeffer.

In den 1970er-Jahren hatte die Filmreihe «Wie können wir denn leben?» des amerikanischen Evangelikalen Schaeffer in den USA grossen Erfolg. 1977 sahen sich auch die damals 21-jährige Michele Bachmann und ihr Mann Marcus die Filme an – und waren tief beeindruckt.

Gegenüber der Zeitschrift «The New Yorker» sagte Bachmann: «Die Filme hatten einen tief greifenden Einfluss auf unser Leben, denn wir erkannten, dass es beim Gott der Bibel nicht nur um Bibelgeschichten oder um den sonntäglichen Kirchgang geht.

Er ist der Gott jedes bisschens Lebens, einschliesslich der Soziologie, Theologie, Biologie, Politik.» Sie fährt fort: «Der Film öffnete uns die Augen, und von da an verstanden wir das Leben aus einer biblischen Weltanschauung.»

Bibelstudium in den Alpen

Francis Schaeffer und seine Frau Edith liessen sich Ende der 1940er-Jahre in der Schweiz nieder – aufgrund der zentralen Lage in Europa, wie Schaeffers Schwiegersohn Udo Middelmann gegenüber der az erklärt.

Pfarrer Schaeffer arbeitete damals in verschiedenen kriegsgebeutelten Städten Europas mit jungen Leuten. 1955 gründeten Francis und Edith Schaeffer die Gemeinschaft «l’Abri» – französisch für «Schutz, Obdach».

In ihrem Chalet im waadtländischen Huemoz treffen sich seither Menschen aus aller Welt zum Studium der Bibel und der Schriften und Filme Schaeffers. Das Interesse an einer «ehrlichen und intensiven Auseinandersetzung mit zentralen Lebens- und Weltanschauungsfragen» (Zitat Website) ist so gross, dass für die Unterbringung der Gäste heute sieben Chalets im Dorf zur Verfügung stehen. Die Studenten bleiben wenige Tage oder einige Monate, und es wird erwartet, dass sie sich – im Sinne christlicher Gemeinschaft – auch an der Haus- und Gartenarbeit beteiligen.

Edith Schaeffer und ihre Tochter Deborah haben sich nach Schaeffers Tod im Jahr 1984 von l’Abri distanziert. Dort werde heute mehr Wert darauf gelegt, den Suchenden psychologisch und persönlich zu helfen, sagt Udo Middelmann, der Ehemann von Deborah.

1988 gründeten Witwe und Tochter in Gryon VD deshalb die Francis Schaeffer Foundation. Hier soll Schaeffers Erbe in seinem Sinn weitergeführt werden. «Wir ermöglichen hier weiterhin einen biblischen Zugang zum Leben und zur Wirklichkeit», sagt Middelmann, der die Stiftung präsidiert. Die mittlerweile 96-jährige Edith Schaeffer lebt mit Deborah und Udo Middelmann nach wie vor in Gryon.

Schaeffer sah in der Bibel «die absolute Wahrheit». Und nur Menschen mit der richtigen Weltanschauung – sprich: christlichem Glauben – können die wahre Natur der Dinge erkennen. Um eine Einschätzung der Person und des Einflusses Schaeffers gebeten, erklärt der freie Journalist Christopher Findlay, der Amerikas religiöse Rechte studiert hat: «Schaeffer hielt den Pluralismus in der demokratischen Gesellschaft für gefährlich.

Der allzu freizügige Säkularismus war seiner Meinung nach Ursache für einen allgemeinen Sittenzerfall.» Schaeffer gelte als einer der wichtigsten Begründer der modernen christlichen Rechten in den USA, denn: «Er argumentierte für ein stärkeres politisches Engagement der Christen, um den verabscheuten Staat zurück zu den jüdisch-christlichen Wurzeln zurückzuführen, auf denen seiner Meinung nach die USA gegründet worden waren», sagt Findlay.

Keine Freude an Bachmann

Amerikaexperte Findlay hält fest: «Schaeffer war sicherlich ein differenzierterer Denker als manche derer, die sich heute auf ihn berufen.» Auf Michele Bachmann angesprochen, distanziert sich Schaeffers Familie von der bibeltreuen Republikanerin: «Was wir über Michele Bachmann lesen, macht uns Sorgen», sagt Schwiegersohn Middelmann, der Bachmann an einem Anlass in Minnesota auch schon persönlich getroffen hat. «Sie reisst ein Zitat aus dem Zusammenhang, vereinfacht es und verwendet es für eigene Zwecke.»

Laut Middelmann wird Schaeffer von Bachmann und in den amerikanischen Medien falsch dargestellt. So habe Schaeffer nicht etwa zu einer gewaltsamen Revolution gegen die Regierung aufgerufen.

Im Gegenteil: Er habe immer vor Extremismus gewarnt. Auch Christopher Findlay sagt, Schaeffer sei kein politischer Extremist gewesen. Er weist aber darauf hin, dass Schaeffers Rhetorik einen Unterton von Schwarz-Weiss-Denken habe.

«So postulierte er ein Recht auf zivilen Widerstand gegen vermeintlich staatlich sanktioniertes Unrecht wie Abtreibungen. Hier zog er einen Vergleich zum Widerstand in von den Nazis besetzten europäischen Staaten. Es ist nicht verwunderlich, wenn gewalttätige Extremisten dies als Freibrief für Angriffe auf Abtreibungskliniken auffassen.»