Schuldenkrise
Die Staatspleite kam in Raten

Ist der Bankrott Argentiniens ein Lehrstück für das, was in Griechenland kommt?

Sandra Weiss und Marcel Speiser
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In Argentinien kam die Pleite auf Raten. Schon seit Anfang 2001 hatte es Anzeichen gegeben, dass den ausländischen Gläubigern die Verschuldung des südamerikanischen Landes unheimlich geworden war.

Kapital wurde abgezogen, die Börsen purzelten, der Risikoaufschlag auf argentinische Staatsanleihen kletterte. Doch der Internationale Währungsfonds (IWF), der das Land bis dahin wegen seiner neoliberalen Wirtschaftspolitik als Musterschüler gelobt hatte, sprang mit Stützungskrediten ein und schickte Experten vor, um der Welt zu erklären, die Schwierigkeiten seien vorübergehend. Das Haushaltsdefizit lag bei 6,5 Milliarden Dollar, das Land steckte seit drei Jahren in einer Rezession, ein Fünftel der Argentinier war arbeitslos.
All das klingt, als wäre vom Griechenland der Gegenwart die Rede.

Genau wie das: Argentiniens Präsident Fernando de la Rúa verkündete einen Sparplan nach dem anderen. In einem Verzweiflungsakt holte er im März 2001 den eigentlich der peronistischen Opposition angehörenden Ökonomen Domingo Cavallo ins Wirtschaftsministerium. Der war der Vater der Währungsparität von Dollar und Peso und hatte damit dem Land 1991 nach einer Phase der Hyperinflation die ersehnte Stabilität verschafft. Alle Hoffnungen auf ein neuerliches Wunder lagen auf einem Mann. Er zündete ein Feuerwerk von Massnahmen, doch die Anleger beruhigten sich nicht.

Das Geld fliesst ab

Nicht nur Ausländer, auch wohlhabende Argentinier zogen in Massen ihre Einlagen ab, als Cavallo im Oktober begann, von einer Restrukturierung der Schulden zu reden. Ähnliches passiert derzeit in Griechenland (siehe Grafik). Es ein schleichender Bankensturm im Gange.

Die Schulden Argentiniens beliefen sie sich damals auf 132 Milliarden US-Dollar. Es war die Zeit, in der täglich mehrere Schiffs- und Flugzeugladungen voller beunruhigter Argentinier im benachbarten Uruguay landeten. «Sie hatten Koffer voller Dollars dabei, die sie hier einzahlten», erinnert sich eine Angestellte der staatlichen uruguayischen Bank. Noch konnten die Argentinier ihre Währung 1:1 zum Dollar wechseln.

Die Parität hatte den reicheren Argentiniern zwar über Nacht eine enorme Kaufkraft beschert, doch die reale Wirtschaft litt. Firmen waren nicht mehr konkurrenzfähig und machten dicht, dazu kam die neoliberale Privatisierungspolitik, in deren Rahmen die staatlichen Unternehmen wie Telekom, Energie und Transport verscherbelt wurden. Zehntausende von Arbeitsplätzen gingen verloren. Eines der reichsten Länder nach dem Zweiten Weltkrieg verarmte, die Regierung verschuldete sich, die Wirtschaft stockte. Doch die Elite drückte beiden Augen zu, während die sozialen Proteste und der Sturm auf die Banken zunahmen.

Im Dezember 2001 verhängte Cavallo die als «corralito» in die Geschichtsbücher eingegangene Bankenschliessung. Plötzlich hatte niemand mehr Zugriff auf sein Geld, man durfte nur noch 250 Pesos (gleich 250 Dollar) wöchentlich abheben. Dann froren IWF und Weltbank Kredite ein, weil Argentinien seine Einsparungen im Staatshaushalt nicht erfüllt habe.
Nun griff auch die Mittelschicht zu den Topfdeckeln und machte ihrem Missfallen lärmend Luft - auf die gleiche Art hatten die Argentinier einst gegen die Diktatur demonstriert. Und auf die gleiche Art machen jetzt die Griechen ihrem Unmut Luft.

In Argentinien kam es zu Plünderungen, Banken wurden angegriffen, Politiker konnten sich nicht mehr in die Öffentlichkeit wagen, ohne ausgebuht oder tätlich angegriffen zu werden. Die Gewerkschaften riefen zum Generalstreik auf. Das gesamte Kabinett trat zurück. Bei Polizeieinsätzen starben fünf Menschen. Der Ausnahmezustand wurde verhängt.
Trotzdem begannen die Menschen, auf die zentrale Plaza de Mayo zu strömen und sich vor dem Präsidentenpalast zu versammeln. Zuerst einige hundert, dann Tausende, dann Zehntausende. Der Lärm war ohrenbetäubend, die Stimmung gereizt. Die Argentinier forderten den Rücktritt der Regierung und drohten, nicht vorher abzuziehen. Polizei und Militär weigerten sich, gegen die Menge vorzugehen, die gesamte politische Elite, einschliesslich seiner eigenen Partei, zeigte de la Rúa die kalte Schulter. In der Nacht schliesslich gab er auf, unterzeichnete seine Rücktrittserklärung und liess sich mit einem Helikopter aus dem umlagerten Präsidentenpalast fliegen.

Es folgten unruhige Tage mit drei Übergangspräsidenten zwischen Weihnachten und Neujahr. Einer von ihnen erklärte in einer turbulenten Kongresssitzung am 23.Dezember die Zahlungsunfähigkeit des Landes - und wurde bejubelt, als habe er gerade den Sieg der bei einer Fussball-WM verkündet.

Die Wirtschaft brach völlig ein

Die Wirtschaft brach völlig zusammen. Die meisten Geschäfte in der Innenstadt waren pleite oder geschlossen. Wohnungen in bester Lage in Buenos Aires waren zu Schnäppchenpreisen zu haben, bankrotte Firmen wurden von den verzweifelten, arbeitslosen Arbeitern übernommen und als Kooperativen weitergeführt. Durch die Pleite verringerte sich das Pro-Kopf-Einkommen von 7400 auf 3300 Dollar jährlich. Die Fluglinie Aerolineas Argentinas stand vor der Pleite. Tausende Argentinier überlebten als Müllsammler, viele Dinge waren nur noch auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Oder im Tausch. Auch ausländische Firmen mussten mit dem Chaos zurechtkommen. «Ich habe damals Landmaschinen gegen Sojaladungen getauscht», erinnert sich ein Manager des Fabrikanten Deutz.

Erst Interimspräsident Eduardo Duhalde brachte Ende Januar etwa Ruhe in die erhitzten Gemüter. Der Peso wurde abgewertet und verlor mehr als zwei Drittel seines Wertes gegenüber dem Dollar. Eine Option, die Griechenland wegen dem Euro nicht zur Verfügung steht.

Nach und nach konnten die Banken ihre Arbeit wieder aufnehmen. Im März 2003 fanden Wahlen statt, die der damalige peronistische Gouverneur der patagonischen Provinz Santa Cruz, Nestor Kirchner, für sich entscheiden konnte. Ein bis dahin eher unscheinbarer Provinzpolitiker, der lispelte und schielte, dessen Provinz finanziell aber besser dastand als der Rest des Landes. Vor allem war er den meisten Argentiniern unbekannt. Kirchner erhielt 22 Prozent der Stimmen in der ersten Runde - zur zweiten kam es nicht mehr, da sein Gegner, Expräsident Carlos Menem, angesichts der ihm drohenden überwältigenden Niederlage auf eine Stichwahl verzichtete.

Mit der politischen Stabilität und der Sanierung des Wechselkurses begann auch die langsame wirtschaftliche Erholung. Während auf politischer Ebene ein zähes Tauziehen mit den Gläubigern begann. Ihnen konnte Kirchner schliesslich in beinharten Verhandlungen einen in der Finanzgeschichte bis heute einmaligen Kapitalschnitt von durchschnittlich 65 Prozent abringen.
Die chinesische Nachfrage nach Soja und Rohstoffen kurbelte die Wirtschaft an, die zwischen 5 und 8 Prozent jedes Jahr zulegte. Der vergleichsweise billige Wechselkurs liess die Exporte in die Höhe schnellen und lockte Touristen an. 2005 erreichte die Wirtschaft wieder das Vor-Krisen-Niveau. Und Buenos Aires strahlte in neuem Glanz.