Interview
«Die Syrien-Konferenz ist abgekoppelt von der Realität»

Die Islamwissenschafterin Friederike Stolleis über die Chancen der Syriengespräche in Montreux. Auch wenn sie sich keine Illusionen macht: «Montreux muss stattfinden.»

Michael Wrase, Beirut
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Zerstörte Gebäude in Aleppo.

Zerstörte Gebäude in Aleppo.

Keystone

Frau Stolleis, Sie arbeiten zurzeit mit syrischen Intellektuellen in der Süd-Türkei, die ihr Land verlassen haben. Was erwarten diese Leute von der Friedenskonferenz?

Friederike Stolleis: Diese Syrer konnten soeben dem Terror der Kaida-Milizen entfliehen und sind sichtlich gezeichnet vom Terror des sogenannten Islamischen Staats für Irak und Syrien (ISIS). Montreux liegt für sie in ganz weiter Ferne. Fragt man sie nach der Friedenskonferenz, wird man zynische Reaktionen bekommen. Die Schweiz ist für diese Leute weit weg.

Wie reagieren Syrer in anderen Landesteilen – ohne Kaida-Terror. Werden sie am nächsten Mittwoch in die Schweiz blicken oder haben sie begonnen, zu resignieren?

Beides. Niemand erwartet besonders viel von dieser Konferenz. Aber allen ist auch klar, dass die Veranstaltung alternativlos ist. Es gibt ja kein anderes politisches Angebot. Und dass der Konflikt militärisch zu lösen ist, glauben nur noch die wenigsten. Seit dem vergangenen August weiss man, dass es keine militärische Lösung geben wird.

Nachdem die USA nach den Giftgasmassakern auf eine militärische Intervention verzichteten.

Richtig. Da gab es die kurze Hoffnung, dass ein Militärschlag das Kräfteverhältnis zugunsten der Opposition verschieben würde. Inzwischen macht sich aber niemand mehr Illusionen über eine militärische Lösung.

Die amerikanische Weigerung, in Syrien zu intervenieren, führte dann auch zu einer Radikalisierung der Opposition?

Ja. Die Enttäuschung war wirklich enorm. Erst der Schock der C-Waffen-Angriffe und dann das Ausbleiben westlicher Reaktionen. Das hat die letzte Hoffnung auf westliche Unterstützung begraben. Es kam zu einer gewissen Radikalisierung, bei der verschiedene Formen zu beobachten sind. Die extremste ist die von Tschetschenen, Libyern und Irakern dominierte ISIS, die sofort einen islamischen Staat errichten will. Ein anderer Kaida-Ableger, die Nusra-Front, will damit bis nach dem Sturz von Assad warten.

Erwarten Sie, dass in Montreux eine Oppositionsdelegation am Verhandlungstisch sitzt, die im syrischen Volk Gewicht hat?

Eher nicht. Die Konferenz in Montreux ist abgekoppelt von der syrischen Realität. Aber sie ist trotzdem die einzige Möglichkeit, die es gibt. Und das ist auch die Gefahr. Denn wenn diese Konferenz nicht das bringt, was sie bringen soll – und die Wahrscheinlichkeit ist gross –, dann gibt es keinen anderen Plan.

Die grosse Mehrheit der syrischen Rebellen hat die Ergebnisse der Friedenskonferenz bereits abgelehnt. Warum sind diese Leute so halsstarrig und verstehen nicht, dass nur eine politische Lösung möglich ist?

Was für einen grossen Teil der Syrer unvorstellbar ist, ist eine Zukunft unter der Beteiligung Assads. Auch in Form einer Übergangsregierung. Solange Assad an der Macht ist, wird auch weiter gekämpft werden. Die Leute, die seit fast drei Jahren gekämpft haben, werden sein Regime niemals akzeptieren.

Zur Person Friederike Stolleis leitet das Syrien-Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Islamwissenschafterin betreut ein Programm zur zivilen Konflikttransformation in Syrien.

Zur Person Friederike Stolleis leitet das Syrien-Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Islamwissenschafterin betreut ein Programm zur zivilen Konflikttransformation in Syrien.

Zur Verfügung gestellt

Unter den syrischen Rebellen tobt ein Bruderkrieg, bei dem Kaida-Milizen die Oberhand gewinnen. Was hat der Westen in Syrien falsch gemacht?

Der Westen hat nichts falsch, sondern fast gar nichts gemacht. Nichts Konkretes ausser ein bisschen humanitärer Hilfe und vielen Erklärungen. Man hat den Islamisten das Feld überlassen und die ersten Opfer sind die Syrer. Es sind gar nicht so sehr die einfachen Syrer, die sich radikalisieren, sondern ausländische Kämpfer, die reinkommen und denen sich dann Syrer anschliessen, weil sie gut bezahlt werden. Die Kaida-Milizen sind reich.

Kann man die verheerende Entwicklung noch rückgängig machen?

Es gibt verschiedene Ebenen. Auf internationaler Ebene sollte man Druck auf Russland, Iran, aber auch die arabischen Golfstaaten ausüben. Die Annäherung zwischen Teheran und Washington könnte sich positiv auf den Konflikt in Syrien auswirken.

Betrachtet man die Teilnehmerliste für Montreux, dann fällt auf, dass Staaten wie Dänemark und Indonesien am Verhandlungstisch sitzen. Können Sie uns erklären, warum die syrische Opposition mit Dänemark verhandeln soll?

Das macht natürlich überhaupt keinen Sinn. Neben der internationalen Ebene gibt es aber auch eine syrische Ebene, auf der an der Lösung des Konfliktes gearbeitet werden muss. Die gesamte Zivilverwaltung in den befreiten Gebieten, Krankenhäuser, Schulen ist in den Händen von Bürgern. Das sind sehr moderate Kräfte. Leider werden sie wegen der Islamisten kaum wahrgenommen. Die Syrer sind kein Volk von Fanatikern geworden.

Wie reagieren die Syrer auf die Kaida-Milizen?

Diese Milizen sind sicherlich eine Art Heilkur für all diejenigen, die mit dem fundamentalistischen Islam sympathisiert haben. Die Kaida-Leute sind so grauenvoll, dass sie inzwischen regelrecht verhasst sind. Die Tatsache, dass es Islamisten gibt, ist natürlich Wasser auf die Mühlen des Regimes. Al-Kaida stärkt die Furcht vor dem, was kommt, falls es keinen Assad mehr gibt.

Das heisst, die Islamisten stärken das Regime?

Die Fronten der Assad-Anhänger und Assad-Gegner sind seit zwei Jahren unverändert. International gewinnt Assad aber neue Legitimität, wenn er sich als Kämpfer gegen al-Kaida präsentiert. Anderseits muss man auch festhalten, dass je länger Assad an der Macht bleibt, desto länger wird auch dieser Islamismus gedeihen. Beide Seiten spielen sich gegenseitig in die Hände. Die Islamisten sind da, weil es das Chaos gibt. Und Assad gewinnt neue Legitimität, weil al-Kaida da ist.

Und wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?

Die Lage ist verfahren. Dennoch darf man nicht aufgeben. Montreux muss stattfinden. Auch wenn es nahezu hoffnungslos ist. Es ist schon ein guter Schritt, dass die Konfliktparteien jetzt anerkennen, dass sie sich an einen Tisch setzen müssen. Damit akzeptieren sie ja auch, dass es den anderen gibt.