Syrien-Krieg
Die Tage von Ost-Aleppo sind gezählt

Eine Analyse von Atur K. Vogel über die brutale Eroberung der von den Rebellen gehaltenen Teile durch das syrische Regime.

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Ein Mädchen wird Opfer von Kämpfen in der nordsyrischen Metropole Aleppo.

Ein Mädchen wird Opfer von Kämpfen in der nordsyrischen Metropole Aleppo.

Keystone

Guernica kommt einem in den Sinn, von Picasso monumental verewigt als Mahnung an die Nachgeborenen: Mit dem Luftangriff auf das baskische Städtchen 1937 unterstützte Nazi-Deutschland den spanischen Putschgeneral Franco. In der Stadt, die zerstört wurde, kamen je nach Schätzung 300 bis 1600 Menschen ums Leben.

Natürlich kann man die Millionenstadt Aleppo nicht mit dem Städtchen Guernica und seinen damals rund 5000 Einwohnern vergleichen, die Vorgänge hingegen schon: Wie im Baskenland greifen auch in Syrien in erster Linie ausländische Truppen an: Russen mit ihren Kampfjets und der schweren Artillerie, schiitische Milizionäre aus dem Irak, dem Libanon, aus Afghanistan und dem Iran. In den vergangenen Tagen hat die zusammengewürfelte Truppe mehr als ein Drittel des von Rebellen gehaltenen Ostteils von Aleppo erobert. Von dort sind inzwischen erneut 50 000 Menschen auf der Flucht.

Skrupellos

Seit Monaten versucht das syrische Regime, die Bevölkerung auszuhungern. Die Strategie sei «so offensichtlich wie skrupellos», sagte der Leiter des UN-Nothilfebüros, Stephen O’Brien, schon vor einem Monat: «Die Menschen vom Hunger in die Verzweiflung und in die Unterwerfung treiben.» Gleichzeitig hat das Regime auf Flugblättern die Offensive angekündigt: «Wenn Ihr diese Gebiete nicht sofort verlasst, werdet Ihr vernichtet.»

Krieg in Syrien
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Zerstörung in weiten Teilen des Landes
Proteste, die nichts bewirken
Ein Ende des Syrien-Krieges ist auch nach drei Jahren nicht abzusehen

Krieg in Syrien

Keystone

Neben Fassbomben und bunkerbrechenden Waffen der Syrer und Russen soll, so wird vermutet, auch wieder Chlorgas eingesetzt worden sein. Kliniken, in denen solche Diagnosen gestellt und Opfer behandelt werden könnten, gibt es aber keine mehr: Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind die letzten Spitäler in Ost-Aleppo zerstört. Auch die Weisshelme gaben gestern bekannt, dass sie sich nicht mehr nach Ost-Aleppo wagen; viele der Katastrophenhelfer sind getötet oder verwundet worden. Bis Weihnachten «wird es kein Ost-Aleppo mehr geben», warnt der Uno-Unterhändler Staffan de Mistura.

Vor Trumps Amtsantritt vollendete Tatsachen schaffen

Die militärischen Erfolge des Regimes gehen vor allem auf die Intensivierung der Bombenangriffe zurück. Russlands Präsident Putin will offenbar vor dem Amtsantritt Donald Trumps vollendete Tatsachen schaffen. Trump hatte zwar in einigen seiner wirren Statements angekündigt, er betrachte den syrischen Diktator als Verbündeten im Kampf gegen den «Islamischen Staat» und werde die syrischen Rebellen nicht weiter unterstützen. Doch Demokraten und einige Republikaner weigern sich, sich mit dem Diktator einzulassen, und haben im Kongress ein Gesetz lanciert, mit dem die Sanktionen gegen das Assad-Regime verschärft werden sollen.

Dass Ost-Aleppo so rasch fällt, ist auch auf die Zerstrittenheit der Rebellen zurückzuführen. Moderatere Gruppierungen sind zwischen dem sogenannten Islamischen Staat und dem Regime zerrieben worden; Extremisten, zum Beispiel die Al Kaida-nahe Djabhat Fatah al-Scham (ehemals Al-Nusra-Front), gewinnen die Oberhand und liefern dem Regime und seinen russischen Helfern gleichzeitig das Argument, man kämpfe nicht gegen Oppositionelle, sondern gegen «Terroristen».

Bricht der Widerstand zusammen?

Es ist unwahrscheinlich, dass der Widerstand gegen Assad sofort zusammenbricht. Teile der Provinzen Idlib und Aleppo sowie Regionen im Süden werden noch immer von Rebellen kontrolliert. Was aber weiter schwindet, ist die Aussicht auf eine politische Lösung. Seitdem Russland in den Krieg eingreift, setzt Assad voll auf militärische Gewalt, um das Land wieder unter Kontrolle zu bringen. Hundertprozentig gelingen wird ihm das jedoch kaum: Nachdem die mehrheitlich sunnitische Bevölkerung furchtbaren Repressalien und Kriegsverbrechen ausgesetzt war, treiben Wut und Verzweiflung genügend Nachwuchs in die Arme der immer radikaleren Rebellen. Der Krieg mit bisher einer halben Million Toten und mehreren Millionen auf der Flucht wird weitergehen.

Und die Welt glotzt gebannt und tatenlos zu

Noch nicht einmal auf einen Waffenstillstand hat sich der Weltsicherheitsrat gestern an einer Dringlichkeitssitzung einigen können; er scheiterte am Einspruch Russlands. Eines aber ist gewiss: In Aleppo öffnet sich ein weiterer «gigantischer Friedhof», wie es gestern bei der UNO hiess.

Und niemand scheint eine Lösung zu kennen. Wie bei Guernica, bei Srebrenica, in Ruanda und bei unzähligen weiteren Kriegsgräueln der jüngeren Geschichte glotzt die Welt gebannt und tatenlos zu.