US-Wahlen
Die TV-Debatte ist ein mysteriöses Ritual

Die TV-Debatte beschwört eine historische Realität, ist aber ein Mythos.

Christoph Bopp
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Hillary Clinton und Donald Trump vor dem Beginn ihrer ersten TV-Debatte.

Hillary Clinton und Donald Trump vor dem Beginn ihrer ersten TV-Debatte.

KEYSTONE

Der 23. Dezember 1783 war ein bemerkenswerter Tag. Bemerkenswert genug, um eine Szene in einem Gemälde festzuhalten. Es war der Tag, an dem George Washington zurücktrat. Als Oberbefehlshaber der Armee, nicht als Präsident. Diesen (zweiten) Rücktritt kündete er damals in einem Zeitungsartikel, der berühmten «Farewell Address», zuvor an. 1783 war Washington aber eher noch mehr als ein Präsident, der er später werden sollte.

Rücktritt? Für das Publikum des 18. Jahrhunderts unerhört. Dass ein Mensch freiwillig von der Macht zurücktreten würde, war zu den Zeiten der Könige sicher nicht üblich, ja kaum denkbar. Eher üblich war, sich den Weg zur Macht frei- und dann die Konkurrenz wegzumorden. Im ältesten Altertum hatte es ein Vorbild gegeben, 458 und 439 vor Chr. soll der römische Bauer Cincinnatus freiwillig als Diktator zurückgetreten und zum Pflug zurückgekehrt sein. Aber das war erstens lange her und dass römische Tugend nichts mehr mit dem Polit-Alltag zu tun hatte, glaubte man auch nicht mehr.

Heute redet man zwar gern vom «mächtigsten Mann der Welt», weiss aber immer, dass der Mann gar nicht so mächtig ist, sondern vom Kongress kontrolliert wird. Seit den Tagen von 1797, als Washington vom Präsidenten wieder zum Bürger wurde, ist aber klar, dass der Umgang mit der Macht auch zivilisiert gestaltet werden kann. Der Rücktritt von Washington bestärkte zugleich das Wahlvolk, das jetzt sicher sein konnte, jeweils keinen Tyrannen zu wählen, sondern ... – ja, was denn?

Eigentlich wählt das amerikanische Volk keinen Präsidenten X, sondern jedes Mal George Washington. Eine Person, die in schwierigen Zeiten das Ruder in die Hand nimmt, die Nerven nicht verliert, mutig, klug, weise, kühn, bedachtsam handelt, aber unbeirrt das Nötige und Richtige tut. Es mag abgedroschen klingen – und nach dem Irak-Kriegauch fürchterlich falsch –, aber das amerikanische Volk wählt eine Figur, hinter die es sich scharen kann, wenn es will und muss. Im 18. Jahrhundert fragte sich die Welt, ob es möglich wäre, dass eine solche Person kein König oder etwas Ähnliches sein müsste. Und erfuhr 1783/1797, dass dem nicht so war.

Die TV-Debatte ist nicht Politik

Max Weber hat den Begriff des «charismatischen Führers» geprägt. Das ist es aber – trotz allem Charisma, das einem Präsidenten nicht schadet – nicht, was die Amerikaner wählen. Es wäre ein Missverständnis. Die Politik, das wissen sie auch, ist – auch da steht Weber Pate – eher «das Bohren dicker Bretter» und nicht der charismatische Schwertschlag, der einen Knoten löst.

Deshalb sind die TV-Debatten keine politischen Veranstaltungen. Wofür die Kandidaten stehen, was sie vertreten, das weiss man mehr oder weniger schon. Es ist auch nicht der Moment, wo der bessere Showman oder Rhetoriker gekürt wird. Aber es ist ein Moment der Bewährung. Man will sehen, wie sich der Kandidat schlägt. Es ist eine Veranstaltung auf Entscheidung, eine Veranstaltung, welche eine komplexe Situation vereinfacht, aus einer komplizierten Rechnung ein Ergebnis produziert.

Darin gleicht sie dem Sport. Und der moderne Zeitgenosse spürt wenigstens die Faszination, bei der Entscheidung «dabei gewesen» zu sein. Wer lockte Europäer zu nachtschlafender Zeit morgens um 3 Uhr vor die Mattscheibe? Es war Muhammed Ali, paradoxerweise erst dann, als sein boxerisches Können nicht mehr auf einsamer Höhe war.

Die Demokratie entstand in den USA zu einer Zeit, als die Wahlmänner noch drei Wochen brauchten, bis sie den Besammlungsort erreicht hatten und einen Präsidenten wählen konnten. Die Diskussion der Verfassungsväter und der interessierten Kreise war lang gewesen und zuweilen fast quälend, bis man sich einig war, dass es ein solches Amt brauchte. Und George Washington war damals nicht nur die Wunschbesetzung, sondern wahrscheinlich auch die einzig mögliche.

Kennedy, Nixon und die Raketenlücke

Diesem Umstand trägt die TV-Debatte Rechnung. Es ist eine Illusion einer Wahl, nicht einfach eine Show. Erfunden wurde sie natürlich zur politischen Profilierung. Damals als John F. Kennedy seinem schlecht rasierten Konkurrenten Nixon die Raketenlücke vorhielt. Diesen «missile gap» gab es nicht, aber dafür den Wahlsieger Kennedy.

«Authentizität» ist ein verführerisches Zauberwort. Heute, wo einer desto ehrlicher ist – oder dafür gilt, je dümmer er redet, «weil er sagt, was er denkt». Hillary Clinton steht fürs ehrliche Bohren dicker Bretter, Donald Trump für Bombast: «Make America great again!» Beide liegen irgendwie nicht auf der Linie von George Washington. Aber es gibt ja auch keine Könige mehr.