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USA: Die Vergangenheit, die nicht vergehen will

Auf den Outer Banks in North Carolina gibt es einige der schönsten Sandstrände der nordamerikanischen Atlantikküste zu entdecken – und die Spuren der ersten Siedlung englischer Kolonialisten, deren Geschichte noch heute aktuell ist.
Renzo Ruf, Manteo (North Carolina)
Blick auf die Geburtsregion der englischen Kolonialgeschichte auf heutigem US-Boden: eine beflaggte Brücke in Manteo auf Roanoke Island. (Bild: Alamy Stock Photo)

Blick auf die Geburtsregion der englischen Kolonialgeschichte auf heutigem US-Boden: eine beflaggte Brücke in Manteo auf Roanoke Island. (Bild: Alamy Stock Photo)

Der Strand lockt an diesem herrlichen Sommertag auf den Outer Banks, einer lang gezogenen Inselkette in North Carolina. Die Luft ist angenehm warm, und am blauen Himmel ist keine Wolke zu sehen. Der kleinen Menschengruppe, die abseits der Dünen und Sandstrände am Atlantischen Ozean durch ein Wäldchen schlendert, ist es aber nicht nach Faulenzen zu Mute. Vielmehr wollen die Touristen die Überreste der sagenumwobenen ersten Kolonie begutachten, die vor 431 Jahren von englischen Siedlern in der Nähe des heutigen Dorfes Manteo gegründet worden war.

Bereits nach einigen wenigen Schritten zeigt sich aber, dass es im Nationalpark «Fort Raleigh» wenig zu sehen gibt – was angesichts des Beinamens «Lost Colony» (was sich mit «untergegangene» oder «verlorene» Kolonie übersetzen lässt) eigentlich auch nicht weiter erstaunen sollte. «Ich werde den Eindruck nicht los», sagt ein untersetzter Mann nach längerem Studium einer Informationstafel, dass die Park-Verantwortlichen «eine Vielzahl von Vermutungen» anstellen mussten.

Historiker und Archäologen tappen im Dunkeln

Andrew Lawler lacht auf, als er von der Episode erfährt. «Das bringt es auf den Punkt», sagt der Wissenschaftsjournalist, der «Fort Raleigh» auch schon als den wohl langweiligsten Nationalpark in den USA bezeichnet hat. Er mache dafür nicht die Park-Ranger verantwortlich, fügt er an. Die hätten schliesslich nicht Schuld daran, dass gar keine Überreste von «Fort Raleigh» vorhanden seien, sagt Lawler. In der Tat: Archäologen und Historiker tappen auch nach 400 Jahren immer noch weitgehend im Dunkeln, wenn die Rede auf das Schicksal der 117 Männer, Frauen und Kinder kommt, die im Juli 1587 auf Roanoke Island den Grundstein für die Besiedlung der heutigen USA durch Einwanderer aus England legten. Denn die Kolonisten verschwanden buchstäblich spurlos. Als im Sommer 1590 ein Versorgungsschiff in der Nähe von «Fort Raleigh» vor Anker ging, war die Siedlung ausgestorben.

Lawler ist ein gewinnend auftretender Wissenschaftsjournalist, der komplexe Zusammenhänge in einfachen Worten erzählt – und dem es mit der Publikation seines Buches «The Secret Token» gelungen ist, der eingeschlafenen Debatte über das Schicksal der ersten englischen Kolonisten neues Leben einzuhauchen. An diesem Sommerabend haben sich in einer Kirche in Southern Shores, einem Touristendörfchen auf den Outer Banks, gegen 100 Menschen versammelt. Sie hören dem Autor gebannt zu, wie er einen Ausflug in die Gründungsgeschichte der heutigen USA macht.

Lawler räumt ein, dass die Suche nach der Wahrheit hinter dem Schicksal der «Lost Colony» einer eigentlichen Obsession gleichkomme. Und dass er, nach einer drei Jahre dauernden Schnitzeljagd, die ihn kreuz und quer durch Amerika und Europa geführt habe, nicht mit letzter Sicherheit wisse, wohin es die ersten englischen Bewohner der amerikanischen Ostküste verschlagen habe. Denn manch interessante Spur endete früher oder später in einer Sackgasse. Zur Illustration über diese etwas frustrierende Suche erzählt Lawler eine Anekdote über einen mysteriösen Fund, der Auskunft über das Schicksal von Eleanor White Dare geben könnte. Die Kolonialistin ist in die Geschichtsbücher eingegangen, weil sie am 18. August 1587 Virginia Dare zur Welt brachte – das erste Kind englischer Eltern, das in der Neuen Welt geboren wurde.

Die historiografische Anekdote geht so: An einem Novembermorgen im Jahr 1937 tauchte in einer Universität in Atlanta (Georgia) ein Tourist auf. Im Gepäck hatte der Mann einen Stein, den er angeblich in der Nähe von Edenton (North Carolina) gefunden hatte. Rasch stellte sich heraus, dass sich auf der Vorder- und Rückseite des Steins eine Nachricht befand, verfasst durch Eleanor White Dare. EWD, wie sie sich selbst nannte, gab darin Auskunft über das dramatische Schicksal der Bewohner der «Lost Colony», die entweder an Hunger gestorben oder von den Ureinwohnern getötet worden seien.

Spektakuläre Fälschungen

Der Fund des «Dare Stone» schlug ein wie eine Bombe. Zeitungen im englischen Sprachraum behaupteten, das Rätselraten um die «Lost Colony» sei nun zu Ende. Dann tauchten plötzlich weitere Steine auf, die unter anderem Auskunft über das Grab einiger Kolonialisten und Eleanors Reise von North Carolina ins heutige Georgia gaben. Dies klang nicht nur fantastisch, die ganze Geschichte war schlicht und einfach frei erfunden. 1941 publizierte eine renommierte Wochenzeitung das Quasi-Geständnis eines Steinmetzes aus Georgia, der einem lokalen Historiker mehr als 40 steinerne Botschaften untergejubelt hatte. «Nach diesem Vorfall machten seriöse Wissenschafter einen grossen Bogen um die Steine», sagt Andrew Lawler.

Interessanterweise habe der Steinmetz aus Georgia aber nie behauptet, dass er auch für den «Dare Stone» verantwortlich sei, fügt der Autor dann an. Und noch interessanter sei es, dass dieses Fundstück nach dem Platzen der Affäre nie gemäss wissenschaftlichen Kriterien untersucht worden sei. Er habe sich deshalb in den vergangenen zwei Jahren mit einigen Fachleuten unterhalten, die ihm versichert hätten, der erste Stein könnte echt sein, erzählt Lawler seinem staunenden Publikum.

So habe die angebliche Autorin Wörter verwendet, wie sie im elisabethanischen England des 16. Jahrhunderts durchaus gebräuchlich gewesen seien. Natürlich sei er bei seinen Nachforschungen auch auf Skeptiker gestossen. Einige Fachleute seien überzeugt davon, dass auch der «Dare Stone» eine Fälschung sei, sagt Lawler, und sie erachteten weitere Ermittlungen über die Provenienz des Steines als Zeitverschwendung. «Es reicht jetzt», lautete die barsche Antwort eines renommierten englischen Historikers auf das x-te E-Mail des neugierigen Amerikaners. Lawler aber liess sich von solchen Zurückweisungen nicht abschrecken. Vielleicht, sagt er, spiele es gar keine Rolle, ob der «Dare Stone» und andere Sagen, die sich um die «Lost Colony» drehten, echt oder falsch seien. Denn vielleicht seien die Kolonialisten gar nicht als Märtyrer gestorben, so wie dies die populäre Geschichtsschreibung der amerikanischen Bevölkerung jahrzehntelang weisgemacht habe. Er jedenfalls sei zur Erkenntnis gekommen, dass sich am Beispiel der «Lost Colony» geradezu exemplarisch erklären lasse, was die eigentliche Stärke der heutigen USA ausmache.

Theorie der Assimilierung

Und wem dies nun zu abgehoben klingt, dem präsentiert Lawler eine einfache Theorie über das Schicksal der ersten Kolonialisten: Die Bewohner der «Lost Colony» seien nicht einfach spurlos verschwunden, sagt er. Vielmehr hätten sie die kluge Entscheidung getroffen, sich einem lokalen Indianerstamm anzuschliessen und damit (zum zweiten Mal innert kurzer Zeit) ein neues Leben zu beginnen. Sie taten, was Einwanderer gemeinhin tun, wenn sie im Schmelztiegel Amerika ankommen: «Sie assimilierten sich», sagt Lawler. Weil die amerikanischen Ureinwohner in England (und im restlichen Europa) damals aber als «Wilde» galten, hätten sich die nachfolgenden Generationen von Einwanderern dazu entschieden, über dieses Kapitel der amerikanischen Frühgeschichte den Mantel des Schweigens zu legen.

Und deshalb, sagt der Wissenschaftsjournalist, habe die Geschichte über das Schicksal der ersten englischen Kolonialisten nichts an ihrer Aktualität verloren. Anhand der «Lost Colony» lasse sich nämlich auch im Amerika von Präsident Donald Trump erklären, welche Erzählstränge seit Jahrzehnten die Einwanderungsdebatte beherrschten: hier die Anhänger der Schmelztiegel-Theorie, da die Verfechter der Vorstellung, dass die USA ewig ein Land sein werden, das in der Tradition des angelsächsischen Gedankengutes stehe. Und allein aus diesem Grund handle es sich um eine zeitlose Geschichte.

Geheimtipp unter Ausländern

Die Outer Banks sind eine gegen 200 Kilometer lange Inselkette in North Carolina, die von der Grenze zu Virginia im Norden bis zum Leuchtturm am Cape Hatteras im Süden reicht. Weite Teile des schmalen Landstreifens stehen unter Naturschutz. Dank der atemberaubenden Sandstrände sind die Outer Banks aber eine höchst beliebte Feriendestination. Interessanterweise stammen die meisten Touristen aus der unmittelbaren Umgebung. Unter Ausländern gelten die Outer Banks noch immer als Geheimtipp. Eine Umfrage des lokalen Tourismusbüros aus den Jahren 2014 und 2015 ergab, dass ausländische Touristen einen relativ kleinen Anteil an den Besucherzahlen ausmachen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass es in der Nähe keinen Flughafen mit Direktverbindungen nach Übersee gibt. (rr)

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