Deutschland
Die Verteidigungsministerin, die nicht einmal die Dienstgrade kennt

Ursula von der Leyen wird erste deutsche Verteidigungsministerin. Die Mutter von sieben Kindern hat als frühere Familienministerin ein paar alte Zöpfe abgeschnitten. Schafft die 55-Jährige das auch als Verteidigungsministerin?

Birgit Baumann, Berlin
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«Mordsrespekt»: Ursula von der Leyen, die neue Verteidigungsministerin.

«Mordsrespekt»: Ursula von der Leyen, die neue Verteidigungsministerin.

KEYSTONE

So freimütig hat noch kaum eine künftige Ministerin Ahnungslosigkeit gezeigt. Sie habe «Mordsrespekt» vor dem Amt, kenne die Dienstgrade nicht, habe – kleiner Scherz – «nie gedient» und müsse sich erst einarbeiten, bekannte Deutschlands künftige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nach ihrer Nominierung.

Das erinnert an den ehemaligen Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), der beim Amtsantritt erst einmal fragen musste, wo sein neues Ministerium in der deutschen Hauptstadt überhaupt zu finden sei. Doch damit dürften die Gemeinsamkeiten schon wieder enden.

Während der glücklose Glos bald in der Versenkung verschwand, rechnet man in Berlin damit, dass «Super-Uschi» ihren Mann stehen wird und die wahrhaftige «IBuK» sein wird: die «Inhaberin der Befehls- und Kommando-Gewalt», wie ihr militärisches Kürzel nun lauten wird. Die 55-Jährige ist die grosse Überraschung und die eindeutige Gewinnerin im neuen Kabinett. Eine bemerkenswerte Erscheinung war sie schon zuvor – manchmal wegen ihrer eisernen Disziplin sogar ein wenig unheimlich.

Ursula von der Leyen 2005: Die Ärztin und siebenfache Mutter wird Familienministerin.
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Ursula von der Leyen 2005: Die Ärztin und siebenfache Mutter wird Familienministerin.

Keystone

Ursula von der Leyen wächst in Brüssel auf, studiert in London und Hannover, lebt eine Zeit lang in den USA und beginnt nach der Rückkehr in ihre niedersächsische Heimat, sich in der CDU zu engagieren. Als sie 2001 in den Stadtrat von Sehnde einzieht, wird sie von den meisten noch als «die Tochter vom Albrecht» gesehen – dem ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU). Doch «Röschen», wie sie genannt wird, fällt bald dem aufstrebenden CDU-Politiker Christian Wulff auf. Als dieser 2003 Ministerpräsident von Niedersachsen wird, macht er von der Leyen zur Gesundheits- und Sozialministerin.

Es gibt keine Homestorys mehr

In dieser Zeit interessiert man sich nicht alleine für ihre Politik. Die ausgebildete Ärztin hat nämlich sieben Kinder (geboren zwischen 1987 und 1999), und sie muss sich ständig rechtfertigen, wie sie dies denn alles schaffe. Geduldig erklärt sie, wie sie mit den Kindern betet und über Alkohol diskutiert, auch Homestorys gibt es und den Hinweis, dass ihr Ehemann, der Medizin-Dozent Heiko von der Leyen, ein «leidenschaftlicher Vater» sei.

Doch irgendwann reicht es von der Leyen. Sie findet, Männer müssten doch auch nicht dauernd ihr berufliches Fortkommen erklären. Also keine Homestorys mehr, nicht einmal, wenn sie im Bundestag auf der Besuchertribüne sitzen, dürfen ihre Kinder fotografiert werden. Das Haus in Niedersachsen ist ohnehin tabu, erst recht, seitdem dort auch noch ihr demenzkranker Vater lebt.

2005 holt Angela Merkel sie als Familienministerin nach Berlin, wo sie die Konservativen das Fürchten lehrt. Elterngeld, mehr Kindergärten – von der Leyen will, dass Mütter nach der Geburt rasch wieder arbeiten können, und gibt selbst das beste Beispiel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ab. Auf die Frage, wann Gleichberechtigung erreicht sei, antwortet sie einmal: «Wenn durchschnittliche Frauen in Führungspositionen sind.» Merkel lässt sie gewähren, denn schnell wird klar: Beim Volk kommt von der Leyen recht gut an. Sie schneidet in dieser Zeit nicht nur politisch ein paar alte Zöpfe ab, sondern auch im Wortsinn: Eines Tages muss ihre strenge Hochsteck-Frisur einer etwas flotteren und kürzeren Variante weichen.

Das Verhältnis zu Merkel

Als sie 2009 das Arbeitsministerium übernimmt, sind die Erfolge nicht mehr so spektakulär. Doch da hat von der Leyen ihren Status schon zementiert: freundlich, fleissig, eloquent, absolut talkshowtauglich – eine unermüdliche Kämpferin für die Verbesserung der Situation von Frauen. Damit steht sie mehr als einmal im krassen Gegensatz zur jetzt abtretenden Familienministerin Kristina Schröder (CDU). Im Ministerium sind ihre Effizienz und ihre Disziplin legendär. Schliesslich will sie oft auch nach Niedersachsen zur Familie fahren.

Gerne und ausführlich preist von der Leyen auch Merkels Politik. Und dennoch ist ihr Verhältnis zur Chefin nicht immer friktionsfrei. Der Kanzlerin missfällt von der Leyens Kampf für eine gesetzliche Frauenquote so sehr, dass sie sie im Bundestag einmal demonstrativ schneidet.

Doch jetzt sind Merkel und von der Leyen wieder sehr eng. Es ist offensichtlich, was Merkel mit dieser Personalie bezweckt: Die zierliche Niedersächsin, die sich hauptsächlich von Obst, Gemüse und Kaffee ernährt, könnte ihr als Kanzlerin nachfolgen – wenn sie sich denn im Verteidigungsressort bewährt. Dort allerdings gibt es viele Fallstricke: Rüstungsprojekte, die teurer werden als geplant, die Umstrukturierung der Bundeswehr zur Freiwilligenarmee. Erste Pläne, wie sie das anpacken will, hat von der Leyen schon: Die 180'000 Soldaten und 70'000 Zivilbeschäftigten sollen Beruf und Familie künftig besser vereinbaren können.