Kommentar

Die Wahl des Komikers Selenski zum ukrainischen Präsidenten ist wie ein erneuter Maidan an der Urne

Selenskis Wähler hat die Hoffnung auf bessere Zeiten vereinigt. Doch ob der «ehrliche, normale Bürger», als der sich der beliebte TV-Komiker im Wahlkampf gab, etwas verändern kann, muss sich erst noch zeigen.

Paul Flückiger, Kiew
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Wolodimir Selenskis Wahlsieg ist ein radikaler Schritt. Er symbolisiert einen Mut zum Aufbruch, den die Ukraine zum letzten Mal bei der Maidan-Revolution von 2014 gesehen hat. Und erneut wurde er von den Jungen herbeigeführt, hat jedoch das ganze Land ergriffen, alle Regionen von der russischsprachigen Ostukraine bis zur ukrainischsprachigen Westukraine. Vereinigt hat Selenskis Wähler die Hoffnung auf bessere Zeiten, auf Politiker als Diener des Volkes. Das hat über die Angst gesiegt, mit der Petro Poroschenko auf Stimmenfang gegangen war. Die Angst vor Russland, gegen das er eine moderne Armee aufbauen wollte. Die Angst vor dem unerfahrenen Selenski, der die Ukraine wieder zu einer leichten Beute Putins mache.

Doch das überzeugte die Ukrainer nicht mehr. Schon lange gaben sie Poroschenko die Schuld für ihren sinkenden Lebensstandard. Dazu kam sein halbherziger Kampf gegen Korruption, der die eigenen Geschäftsfreunde immer ausnahm. Und eine Vetternwirtschaft, die wie eine Krake um sich griff, so als hätte es keinen Maidan gegeben. Zur Last gelegt wurde ihm auch der Krieg im Donbass.

Damit geht Putins Rechnung auf. Die russische Aggression ist eine grosse Hypothek für die Ukraine, die sich gegen jeden Präsidenten wenden kann – auch Selenski. Es wird sich zeigen, ob der «ehrliche, normale Bürger», als der sich der beliebte TV-Komiker im Wahlkampf gab, etwas verändern kann. Dass er abhängig von Oligarchen ist, ist klar. Eine Wiederholung des Poroschenko-Szenarios wird er sich indes nicht leisten können. Denn seine Wahl zeigt vor allem eines: Mehr Schein als Sein lassen sich die Ukrainer nicht mehr gefallen.