Die Wellenbrecher aus Ostasien: Was wir von Taiwan und Südkorea lernen können

Während Europa erneut dicht macht, meistern die beiden ostasiatischen Staaten Taiwan und Südkorea auch die zweite Welle scheinbar mühelos. Was machen sie besser?

Fabian Kretschmer aus Peking
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In Südkoreas Hauptstadt Seoul wird breitflächig desinfiziert.

In Südkoreas Hauptstadt Seoul wird breitflächig desinfiziert.

Yonhap / EPA

Im Inselstaat Taiwan scheint die Coronakrise bereits wie aus einer weit entfernten Vergangenheit: Seit Ende April haben die Gesundheitsbehörden nie mehr als zehn Fälle pro Tag gezählt, praktisch alle davon stammen von Einreisenden aus dem Ausland.

Der entscheidende Grund hat mit Erfahrung zu tun: Taiwan wurde bereits von der SARS-Epidemie zu Beginn der Nullerjahre heimgesucht. Seither hat sich das Bewusstsein um die Gefahr von Pandemien sowohl bei der Regierung als auch der Bevölkerung eingebrannt. Bereits wer Anfang Januar nach Taipeh einreiste, wurde noch im Flugzeug dazu aufgefordert, sich bei ungewöhnlichen Beschwerden zu melden. Warnschilder am Flughafen mahnen die Besucher zudem, keine Viren einzuschleppen.

Damals war der Lungenerreger nicht mehr als ein von der chinesischen Regierung abgetanes «Gerücht», über das auf sozialen Medien von Ärzten aus Wuhan debattiert wurde. Doch in Taiwan nahmen viele Leute schon damals die Situation ernst: Denn den offiziellen Informationen aus China, so die gängige Meinung, sei nicht zu trauen.

Handys ausgewertet und Grenzen geschlossen

Während der ersten Welle mit rund 450 Infektionen und sieben Toten begann ein aktives Contact-Tracing, für das die Regierung auch Handy-Daten auswertete. Noch ehe die Infektionskurve abgeflacht werden konnte, schloss das Land umgehend seine Grenzen. Wer seither einreisen möchte, muss eine strenge Quarantäne durchlaufen – meist in Hotelzimmern. Per Covid-App wird kontrolliert, dass niemand sein Zimmer verlässt. Zugegeben: Für einen Inselstaat ist es ungleich leichter, sich derart abzuschotten.

Auch Südkorea kommt seine geografische Lage zugute: Das Land am Han-Fluss bildet eine Halbinsel, die einzige Landesgrenze ist eine verminte Demarkationslinie zu Nordkorea. Doch im Vergleich zu Taiwan hatte Südkorea seit Ausbruch der Pandemie bereits mit mehreren grösseren Infektionsclustern zu kämpfen. Immer wieder konnte das Infektionsgeschehen unter Kontrolle gebracht werden. Seit Wochen pendeln sich die Fallzahlen auf etwa 100 pro Tag ein.

Respekt gegenüber dem Allgemeinwohl ist gross

Der Schlüssel des südkoreanischen Erfolgs basiert ebenfalls auf Contact-Tracing. Auch hier nutzt die Regierung – demokratisch über das Epidemiologie-Gesetz legitimiert – Ortungsdaten von Handys und Kreditkartenzahlungen, um mögliche Infizierte aufzuspüren. Gleichzeitig haben kollektivistisch geprägte Gesellschaften in Ostasien bei Pandemien durchaus einen kulturellen Vorteil: Der Respekt gegenüber dem Allgemeinwohl ist vergleichsweise stark entwickelt. Dass man eine Maske zum Schutze des Gegenübers trägt, wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

Dennoch gibt es im demokratischen Südkorea ebenfalls Proteste gegen die Massnahmen der Regierung, und lange Zeit haben sich viele christliche Gemeinden geweigert, Verbote von Gottesdiensten mit vielen Mitgliedern einzuhalten. Letztendlich kam es auf Demonstrationen und auch während Messen immer wieder zu Infektionsausbrüchen, die die epidemiologische Eindämmungsarbeit der Behörden um Wochen zurückgeworfen hat.

Die Regierung hat darauf immer wieder mit vereinzelten Schliessungen von Nachtclubs, Bars und Bibliotheken reagiert – bislang musste jedoch kein flächendeckender Lockdown verhängt werden. Der Erfolg gegen das Virus sorgt nicht zuletzt dafür, dass Südkorea wohl mit einem blauen Auge durch die Wirtschaftskrise kommt: Das Bruttoinlandsprodukt des Landes wächst bereits wieder, bis Ende des Kalenderjahres wird der Einbruch wohl nur etwas mehr als ein Prozent betragen.