Fernsehduell
Diese fünf Momente in den Fernsehduellen schrieben Geschichte

Am Mittwoch findet im US-Wahlkampf das erste Fernsehduell zwischen Amtsinhaber Barack Obama und Herausforderer Mitt Romney statt. Der Republikaner steht dabei unter enormem Druck. Ein Blick zurück in die Geschichte der Fernsehdebatten.

Renzi Ruf, Washington
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Am Mittwoch gibt es das erste Fernsehduell zwischen Barack Obama (links) und Mitt Romney.

Am Mittwoch gibt es das erste Fernsehduell zwischen Barack Obama (links) und Mitt Romney.

Keystone

1960: Der Bartschatten des Richard Nixon
Das Ereignis: Präsidentschaftsdebatte, 26. September 1960, Chicago - Ein Stück Fernsehgeschichte wird geschrieben: Erstmals debattieren zwei Kandidaten fürs Weisse Haus im Abendprogramm.
Der Hintergrund: Eigentlich galt Richard Nixon - US-Vizepräsident seit 1953 - als talentierter Rhetoriker: Ein Mann, der stets aggressiv auftrat, und ein gutes Gespür für die Ängste des sprichwörtlichen Durschnitts-Amerikaner hatte. Doch dann unterlief Nixon im Spätsommer 1960 ein geradezu historischer Fehler: Er willigte in insgesamt vier Fernsehdebatten mit seinem Kontrahenten John F. Kennedy ein. Bereits in der ersten Auseinandersetzung zeigte sich, dass Nixon gegen den jung-dynamischen JFK keine Chance haben würde. Während JFK zur ersten Fernsehdebatte sonnengebräunt aufkreuzte, laborierte Nixon an einer Krankheit. Zudem verzichtete er auf Makeup, angeblich weil ihm die Kennedys versichert hatten, dass JFK nicht geschminkt werde. (Eine Lüge.) Für die Fernsehzuschauer zu Hause konnte der Kontrast deshalb nicht grösser sein: Dem ausgeruhten Kennedy stand ein blasser, schwitzender Nixon gegenüber, der dank seinem Bartschatten aussah wie ein Bestattungsunternehmer.
Die Folgen: Obwohl sich Nixon in den folgenden drei Debatten wieder fing, konnte er den Rückstand auf Kennedy nicht mehr einholen. Der Demokrat gewann die Präsidentenwahl hauchdünn. Nixon zog daraus eine Lehre: Weder 1968 noch 1972 willigte er in ein TV-Duell gegen seine demokratischen Kontrahenten ein. Beide Wahlen gewann der Republikaner
mit klarem Vorsprung.

1976: Der Versprecher des Gerald Ford
Das Ereignis: Präsidentschaftsdebatte, 6. Oktober 1976, San Francisco - Präsident Gerald Ford: «Es gibt keine sowjetische Vorherrschaft in Osteuropa, und es wird unter einer Regierung Ford nie eine geben.» - Moderator: «Habe ich richtig verstanden, dass Sie gesagt haben, dass die Russen Osteuropa nicht als ihre Einflusssphäre nutzen, um die meisten Länder dort zu besetzen?» - Ford: «Ich glaube nicht, dass sich die Polen von der Sowjetunion dominiert sehen.»
Der Hintergrund: Gerald Ford begann den Wahlkampf ums Weisse Haus mit dem Rücken zur Wand. Seine Republikaner befanden sich zwei Jahre nach dem erzwungenen Rücktritt von Präsident Richard Nixon in einem desolaten Zustand. Und sein demokratischer Herausforderer - der ehemalige Gouverneur Jimmy Carter aus Georgia - gab den Reformer, der den Augiasstall in Washington ausmisten wollte. Fords einzige Trumpfkarte: seine langjährige Erfahrungen in innen- und aussenpolitischen Belangen. Doch mit seiner Behauptung in der TV-Debatte mit Carter, dass die Länder hinter dem Eisernen Vorhang nicht von der UdSSR dominiert würden, büsste er diesen Kompetenzvorsprung mit einem Schlag ein. Nicht ganz unschuldig daran waren die Medien: Erst als diese den «Schnitzer» Fords auswälzten, dämmerte es den Wählern. Ford sah sich schliesslich gezwungen, seine Position öffentlich klarzustellen. Privat allerdings blieb er dabei, die Wahrheit gesagt zu haben: «Subjektiv sehen sich die Länder in Mitteleuropa immer noch als unabhängige Völker an.»
Die Folgen: Gerald Ford verlor die Wahl hauchdünn.

1988: Die Replik des Lloyd Bentsen
Das Ereignis: Vizepräsidentschaftsdebatte, 5. Oktober 1988, Omaha (Nebraska) - Dan Quayle : «Ich habe genau gleich viel Erfahrung wie Jack Kennedy, als er sich um die Präsidentschaft bewarb.» - Lloyd Bentsen: «Ich diente mit Jack Kennedy. Ich kannte Jack Kennedy. Jack Kennedy war mein Freund. Senator, Sie sind kein Jack Kennedy.» - Quayle: «Das war nun wirklich unangebracht.»
Der Hintergrund: Senator Dan Quayle aus Indiana war 1988 überraschend von George Bush zum republikanischen Kandidaten fürs Vizepräsidium ernannt worden - um etwas Farbe in den Wahlkampf zu bringen. Die Demokraten, dank Schützenhilfe der Medien, reagierten mit Häme auf den Entscheid. Sie bezeichneten Quayle als politisches Leichtgewicht. Um diese Kritik zu kontern, ging der 41-Jährige im Wahlkampf dazu über, Parallelen zu Präsident John F. Kennedy zu ziehen. Tatsächlich hatte der Demokrat vor seiner Kandidatur fürs Weisse Haus im Jahr 1960 weniger lang im US-Senat gedient als Quayle im Jahr 1988. Dennoch beknieten Quayles Berater ihn, den Vergleich bleiben zu lassen. Sein Kontrahent Lloyd Bentsen bekam trotzdem Wind davon und ging vorbereitet in die Fernsehdebatte.
Die Folgen: Bentsen wurde zum Sieger der Debatte erkoren, weil er Quayle in den Senkel gestellt hatte. Einige Tage lang war der Senator aus Texas danach der Star des Wahlkampfs, und Quayle das Gespött. Es zirkulierten Witze wie: Was sagt Dan Quayles Ehefrau, nachdem die beiden Liebe gemacht haben? «Senator, Sie sind kein Jack Kennedy.» Die Republikaner gewannen die Wahl trotzdem haushoch.

1992: Die Ungeduld des George Bush
Das Ereignis: Präsidentschaftsdebatte, 15. Oktober 1992, Richmond (Virginia) - Präsident George Bush kontrolliert seine Uhr, bevor er langfädig eine Frage einer besorgten Wählerin beantwortet. Herausforderer Bill Clinton hingegen spricht direkt zur Frau im Publikum, und sagt: «Ich glaube, wir müssen in Jobs, in Bildung investieren, die Gesundheitskosten in den Griff bekommen und die Amerikaner versöhnen.»
Der Hintergrund: Als das Wahljahr 1992 begann, galt Präsident George Bush als unschlagbar: Die erfolgreiche Rückeroberung von Kuwait im Golfkrieg hatte seine Popularitätswerte in die Höhe schnellen lassen. Doch dann sackten die USA in eine Rezession. Und Bush wurde davon auf dem falschen Fuss erwischt. Er wirkte in der Öffentlichkeit seltsam teilnahmslos - als interessiere ihn die Wirtschaftskrise nicht. Geradezu entlarvend wirkte deshalb sein Verhalten in der Fernsehdebatte mit den Herausforderern Bill Clinton und Ross Perot. Auf die Frage, wie die Krise ihn denn persönlich treffe, druckste Bush lang herum, bevor er eingestand: «Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie verstehe - helfen Sie mir.» Noch schlimmer aber war, dass Bush auf seine Uhr schaute, bevor er antwortete - als zählte er die Minuten bis zum Ende der Fernsehübertragung. Clinton hingegen ging auf die schwarze Frau zu, die die Frage gestellt hatte, und sprach direkt mit ihr.
Die Folgen: Der Blick zur Uhr zementierten das (unzutreffende) Bild von Präsident Bush als einem Aristokraten ohne Gespür für Normalsterbliche. Obwohl sich die Wirtschaft im Herbst 1992 wieder erholte, gewann Clinton den Dreikampf.

2008: Die Bissigkeit des John McCain
Das Ereignis: Präsidentschaftsdebatte, 7. Oktober 2008, Nashville (Tennessee) - Der republikanische Senator John McCain spricht über ein Energiegesetz, das 2005 durch den Senat verabschiedet worden war. «Es wurde unterstützt von Bush und Cheney», sagt er, «und voller Annehmlichkeiten» für die Öl-Multis. «Wissen Sie, wer für das Gesetz stimmte?» fragt McCain und liefert die Antwort gleich selber: «Dieser da», sagt er, und zeigt mit dem Finger auf seinen Kontrahenten Barack Obama, ohne ihn eines Blicks zu würdigen.
Der Hintergrund: Je länger der Wahlkampf 2008 andauerte, desto verzweifelter wirkten die Republikaner. Sämtliche Angriffe gegen Barack Obama prallten am jungen Senator aus Illinois ab. Der Demokrat, gefeiert wie ein Popstar, schien spätestens nach dem Ausbruch der Finanzkrise auf einen mühelosen Wahlsieg zuzusteuern. John McCain, ein altes politisches Schlachtross, sah seine Felle davon schwimmen, und reagierte zunehmend gereizt auf seinen Herausforderer. (Und die begeisterte Medienberichterstattung über Obama.) Deutlich zeigte sich dies während der zweiten Fernsehdebatte. McCain wirkte mürrisch, geradezu wütend, während er vor den Kameras hin und her tigerte. Dass er schliesslich seinen Kontrahenten auch noch «That one» nannte - als sei der schwarze Senator ein Emporkömmling - war sozusagen das Tüpfchen auf dem I. Obama aber liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Er verzog keine Miene angesichts der Tiraden seines Gegners und zementierte damit das Bild des coolen Politikers.

Die Folgen: Obama gewann mühelos.

Quelle Videos: youtube