DIESEL-AFFÄRE: Trotz Abgasskandal: Die Deutschen lieben ihre Autos

Der Abgasskandal hat die Welt erschüttert, nicht aber die Beziehung der Deutschen zu ihrem Fahrzeug. Das Auto sei als deutsches Kulturgut so identitätsstiftend wie Goethe, sagt Ulrich Op de Hipt. Von dieser besonderen Liebe profitiert die Autolobby.

Isabelle Daniel
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Seit dem «deutschen Wirtschaftswunder» tritt das Auto in der deutschen Werbeindustrie als Symbol der Freiheit auf. (Bild: Interfoto/Keystone (Hamburg, um 1958))

Seit dem «deutschen Wirtschaftswunder» tritt das Auto in der deutschen Werbeindustrie als Symbol der Freiheit auf. (Bild: Interfoto/Keystone (Hamburg, um 1958))

Isabelle Daniel

Am 26. Juli 2015 machten sich die Schwester des deutschen Satirikers Thomas Gsella und ihre 14-jährige Tochter auf den Weg in die Ferien. Doch an ihrem Ziel, der Ostsee, kamen die beiden nie an. Mutter und Tochter starben auf einer deutschen Autobahn. Ein Audi war mit einer Geschwindigkeit von rund 200 Stundenkilometern von hinten in ihr Auto gekracht. Gsella spricht von «speziell deutschen Bedingungen» für einen solchen tödlichen Auffahrunfall und wirbt öffentlich für ein Tempolimit.

Der Satiriker steht damit auf der Seite von 56 Prozent der Deutschen, die einer Studie des Instituts YouGov zufolge eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung befürworten. Die Befürworter des Tempolimits verweisen auf Statistiken: Auf die jährlich mehr als 3000 Verkehrstoten in Deutschland, auf die 42 Prozent der tödlichen Autounfälle auf deutschen Autobahnen, die als «Geschwindigkeitsunfälle» bewertet werden. Darauf, dass 70 Prozent dieser Unfälle auf Autobahnabschnitten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung geschehen.

«Freie Fahrt für freie Bürger»

Bei den Gegnern eines Tempolimits stossen diese Zahlen jedoch auf taube Ohren. Der gesellschaftlichen Stimmung zum Trotz ist das Tempolimit in Deutschland politisch nicht durchsetzbar. Das geht auf einen Marketing-Erfolg der Autolobby zurück, die es geschafft hat, die Debatte über das Tempolimit von Sicherheitsfragen zu entkoppeln und sie als liberale Frage zu inszenieren. Die Autonation Deutschland erscheint dann als letzte Bastion gegen Verbote. «Freie Fahrt für freie Bürger» heisst der entsprechende Slogan der Autofahrer-Lobbyorganisation ADAC, der als Aufkleber in Deutschland auf vielen Autos klebt und der von Politikern mitunter wie ein Prinzip deutscher Leitkultur hochgehalten wird.

Die Debatte um das Tempolimit auf deutschen Autobahnen ist von Emotionalität und einer Symbolik geprägt, die bisweilen nur so vor Pathos trieft, aber auch vor Zynismus nicht halt macht. Die Autobahn stelle einen «Raum maximaler Freiheit» dar, schreibt etwa Ulf Poschardt, Chefredaktor der «Welt». Unter den Freunden des Tempolimits, so Poschardt, finde sich «jener Teil des Moralestablishments, der mit seinen armseligen Kisten schon heute auf der Über- holspur auf Einhaltung der Richtgeschwindigkeit dringt, auch um ungeduldigere Menschen auf das eigene, mittelmässige Tempo einzubremsen». Die Forderung nach einem Tempolimit hält der «Welt»-Chef für populistisch, als Ausgeburt eines «eifernden Gegenwarts-Pietismus», der den Weg in die Entmündigung des Bürgers ebne. Dieses Szenario ist irrational und erinnert an jene Argumente, mit denen die US-Waffenlobby das Recht auf das Tragen von Schusswaffen propagiert. Dass sie in Deutschland trotzdem funktionieren, hat auch kulturhistorische Gründe.

Die Überhöhung des Autos zum Freiheitssymbol ist tief im kulturellen Gedächtnis der Deutschen verankert. Darauf macht Ulrich Op de Hipt aufmerksam, der die Ausstellung «Geliebt. Gebraucht. Gehasst. Die Deutschen und ihre Autos» im Bonner «Haus der Geschichte» kuratiert hat. Die besondere Beziehung zum Auto gehöre zum «Kern der deutschen Identität», sagt Op de Hipt. «Bis in die Sechzigerjahre können wir eine geradezu bedingungslose Liebe der Deutschen zu ihrem Auto beobachten», konstatiert er. Noch heute geben 69 Prozent der Deutschen an, ihr Auto zu «lieben».

Dass die Beziehung zwischen deutschem Autofahrer und seinem Fahrzeug emotional dieselbe Bedeutung habe wie eine zwischenmenschliche Liebschaft, belegen etliche wissenschaftliche Studien. Obwohl kritische Stimmen, etwa aus der Umweltbewegung, in den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen hätten, sei das Auto für eine Mehrheit der Deutschen bis heute ein Kulturgut, das ähnlich identitätsstiftend wirke wie Goethe, sagt Op de Hipt. «Das Auto ist in Deutschland nicht nur Statussymbol, sondern dient auch als ‹Litfasssäule›, um persönliche Botschaften, etwa durch Aufkleber, zu vermitteln.»