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«Diesen Staat zusammenhalten»

Nachgefragt
Rudolf Gruber

Wäre Mladen Ivanic Präsident der serbischen Teilrepublik Republika Srpska (RS), müsste man um die Einheit Bosnien-Herzegowinas weit weniger besorgt sein. 2007 scheiterte er allerdings mit seiner Kandidatur. Ivanic ist ein Mann des Konsenses und hegt, anders als viele seiner Landsleute, keinerlei Feindschaft gegen andere Völker. Der 1958 in Sanski Most geborene studierte Ökonom und Ex-Aussenminister ist seit 2014 Repräsentant der serbischen Volksgruppe im dreiköpfigen gemischten Staatspräsidium. In dieser Position stellt sich Ivanic gegen RS-Präsident Milorad Dodik, dessen separatistischen Kurs er offen ablehnt. Allerdings liess er es bislang nicht zum Bruch kommen.

Herr Präsident, 22 Jahre nach Kriegsende ist Bosnien immer noch ethnisch geteilt. Sehen Sie die Einigkeit gefährdet?

Eine sehr schwierige Frage. Wenn Sie Vertreter der drei Volksgruppen fragen, wie sie die Zukunft sehen, erhalten Sie drei widersprüchliche Perspektiven. Die muslimische Mehrheit will die Teilrepubliken abschaffen, einen gemeinsamen Staat, ein Parlament und eine Regierung. Die Serben wollen kein Bosnien, nur die Republika Srpska; und die Kroaten wollen jetzt auch wieder ihren eigenen Teilstaat.

Hat Ihr Land mit dem komplizierten politischen System, das der Dayton-Friedensvertrag hinterlassen hat, überhaupt eine Zukunft?

Dayton ist nicht das Problem. Wir haben mit diesen Strukturen schon öfter Einigkeit erzielt. Wir haben eine gemeinsame Armee, ein einheitliches Zollsystem und auch eine einheitliche Mehrwertsteuer. Aber da ist immer eine Seite, die fürchtet, von einer Mehrheit überstimmt zu werden und als Verliererin dazustehen. Diese blockiert dann. Das ist überhaupt das Kernproblem: Es fehlt seit dem Krieg an wechselseitigem Vertrauen, so kommt auch kein gemeinsames Grundverständnis über die Zukunft des Landes zu Stande.

Wie soll es denn weitergehen?

Die gegenwärtige Politikergeneration wird vermutlich keinen Ausweg mehr finden, da bin ich sehr pessimistisch. Wir müssen auf eine neue Generation warten, die durch den Krieg weniger belastet ist.

Was sagen Sie ihrem Landsmann Milorad Dodik, dem Präsidenten der serbischen Teilrepublik, der mit einem Unabhängigkeitsreferendum droht?

Das ist nur ein politisches Spiel, das er für seine Macht nutzt. Nach meiner Erfahrung gibt es in den nächsten 20 Jahren weder für die Auflösung der Teilstaaten noch für deren Unabhängigkeit eine Möglichkeit. Die einzige Perspektive ist, diesen Staat zusammenzuhalten, und die Dayton-Verfassung ist und bleibt das einzige Instrument dazu.

Braucht Bosnien noch einen Gouverneur der internationalen Gemeinschaft (OHR) als Vormund oder soll er das Land verlassen?

Bosnien kann auf eigenen Beinen stehen, aber eine gewisse internationale Präsenz ist noch vonnöten. Aus zwei Gründen: Man vergisst uns nicht, und wenn es wirklich ein grosses Problem gibt, ist es nicht schlecht, internationalen Rückhalt zu haben. Aber die direkte Einmischung des OHR-Repräsentanten in die Regierungen und die Gesetzgebung, wie dies früher der Fall war, ist nicht wirklich intelligent.

Russland und die Türkei zeigen starkes geopolitisches Interesse am Balkan. Verliert Europa in Ihrem Land an Einfluss und Attraktivität?

Ich denke nicht, dass das Interesse der EU nachlässt. Brüssel drängt sehr stark auf Reformen. Und die Parteien sind sich ja in dem Punkt einig, dass Bosnien-Herzegowina Mitglied der EU werden soll. Darum bewerben wir uns ja schon. Gewiss, da ist mehr sichtbare Präsenz Russlands als früher, aber das geschieht ­immer noch im Rahmen des Dayton-­Abkommens.

Das heisst, Russland unterstützt Dodiks Separatismus nicht?

Was ich weiss, nein. Nach der Rückkehr seines letzten Besuchs in Moskau hat Dodik nur noch sehr vage über die Unabhängigkeit gesprochen. Im Gespräch mit Aussenminister Lawrow erhielt er offenbar eine andere Botschaft als er ­erwartet hatte.

Und wie sehen Sie die Rolle der Türkei in Bosnien?

Die Türkei fühlt sich natürlich als wichtiges Land in der Region, die jahrhundertelang unter osmanischer Herrschaft stand. Der Einfluss auf die muslimische Gemeinde ist sehr gross, aber mit Investitionen hält sich die Türkei doch eher zurück.

Interview: Rudolf Gruber

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