Russland
Dieser Mann will Putin beerben und könnte im Gefängnis landen

Der Blogger Alexej Nawalny will russischer Präsident werden. Vorerst aber steht er vor Gericht – und könnte im Gefängnis landen. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft, weil er Geld veruntreut haben soll.

Inna Hartwich, Moskau
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Alexej Nawalny will im Gefängnis 100000 Bücher lesen.The Guardian

Alexej Nawalny will im Gefängnis 100000 Bücher lesen.The Guardian

Plötzlich sagt er Ja – ich will. Abends, in einer Fernsehsendung, zum ersten Mal so deutlich. Ja, er wolle Russlands Präsident werden. Weil er das Leben im Land verändern wolle, weil er dafür kämpfe, dass die Menschen nicht in Armut dahinvegetieren müssten. Zunächst einmal aber kämpft Alexej Nawalny für sich selbst. Für die Aufmerksamkeit, gegen eine Gefängnisstrafe.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb der 36-jährige Anwalt in der Sendung «Dsjadko-3» des kleinen Kremlkritischen TV-Senders «Doschd» (Regen) von seinen Präsidentschaftsplänen berichtet. Das beschert dem russischen Anti-Korruptions-Blogger das Interesse, das er braucht, um einen absurd anmutenden Prozess zu überstehen. «Die Worte Nawalnys verändern nicht den politischen Kontext, sie verändern das gesellschaftliche Klima», sagt der Moderator Philipp Dsjadko später.

Deutsch und Chinesisch lernen

Der umtriebige Putin-Kritiker soll sich am 17. April in Kirow, etwa 900 Kilometer östlich von Moskau, vor Gericht verantworten. Weil er, so die Ermittler, der Anführer einer Bande gewesen sein und fremdes Eigentum in besonders grosser Höhe veruntreut haben soll. Von 16 Millionen Rubel – umgerechnet etwa 400 000 Euro – ist die Rede. Zehn Jahre Haft drohen. «Kafkaesk», nennt Nawalny den Prozess und rechnet mit der Strafkolonie.

«Hausschuhe, eine Sporthose, Unterhosen, Socken und Turnschuhe mit Klett-Verschluss werde ich ins Täschchen fürs Gefängnis packen», schreibt er in der russischen Zeitschrift «The New Times». In der Zelle wolle er die Bibel aus dem Deutschen übersetzen und so Deutsch lernen, dazu Chinesisch pauken und 100 000 Bücher lesen. Es ist der reine Zynismus, der da aus dem Moskauer spricht.

Der Vorwurf gegen Nawalny ist nicht neu. Der Blogger, der Aktien an 30 russischen Staatskonzernen besitzt, Zugang zu internen Firmendaten fordert und auch mal gegen russische Staatsriesen vor Gericht zieht, war einst Berater des Gouverneurs von Kirow. Dort sollte er die Anti-Korruptions-Behörde auf Vordermann bringen. Nawalny kümmerte sich um den staatlichen Holzbetrieb Kirowles, der damals kurz vor der Pleite stand. Diesen soll er zu «ungünstigen Verträgen» mit einer Kapitalgesellschaft eines Bekannten gezwungen haben. So steht es in der Anklage. «Kirowles» sei dabei ein millionenfacher Schaden entstanden.

Nicht unumstrittener Exzentriker

«Seit ich die Kampagne ‹Stimme für jeden, nur nicht für die Partei von Gaunern und Dieben› (so bezeichnet Nawalny die Kreml-Partei Einiges Russland) gestartet habe, sagt man mir das alle zehn Sekunden, ich würde eingesperrt», schreibt er in der «New Times». Unumstritten ist der junge Anwalt nicht. Mehrmals fiel er vor allem mit seinen nationalistischen Äusserungen auf. Mit hoch erhobener Faust lief er früher auch gern bei den von Fremdenhass geleiteten «Russischen Märschen» mit und zog über Migranten aus dem Nordkaukasus und Zentralasien her. Nawalny gilt als Exzentriker und schafft es doch, viele für sich zu gewinnen.

«Der Prozess in Kirow», sagt Philipp Dsjadko, «wird kein Prozess gegen Nawalny allein sein. Es wird ein Prozess gegen die Agenten des Wandels, gegen alle, die im Land etwas verändern wollen.»