Politik im Zug
Diktatoren im Eisenbahnwagon: Nicht nur Kim Jong Un reiste mit dem Zuge

Kims Visite in Peking mit dem Zug hat berühmte historische Vorbilder: Auch Hitler hatte ein Faible fürs Rollmaterial.

christoph bopp
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Politik im Eisenbahnwaggon
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April 1940, Salzburg Hitler verabschiedet sich von Mussolini. Ihr nächstes Zusammentreffen in Ostpreussen im Juli 1944 wird ihr letztes sein.
Hendaye 1940 Spanien sagt «Nein» und will nicht an Hitlers Seite Krieg führen. Der Führer tobt, muss aber den Caudillo nett am Bahnsteig verabschieden.
Rethondes, Wald von Compiègne 1918 Foch (stehend) empfängt die deutsche Delegation mit Erzberger «Es gibt nichts zu verhandeln.»

Politik im Eisenbahnwaggon

KEYSTONE

Nicht nur der Kluge reist im Zuge. In den Zeiten, als die Eisenbahn noch das Verkehrsmittel an sich war, hatten die Potentaten ihre Sonderzüge. Die Diktatoren der Ära vor 1945 trafen sich mit ihren Zügen gerne in Grenzbahnhöfen.

Diesem Vorbild eiferte offenbar auch Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un nach, der für seinen Besuch in China den Sonderzug des Grossvaters – munkelte man – reaktivierte.

Das hat in der Familie Tradition. Nicht nur Grossvater Kim Jong Sun reiste im Zug, auch der Vater des aktuellen Machthabers benutzte das Verkehrsmittel. Im schusssicheren Eisenbahnwagen soll er sogar seine letzte Herzattacke erlitten haben.

In einem Eisenbahnwagen fand allerdings auch eine weitere Sitzung statt, die Weltgeschichte machte. In den ersten Novembertagen 1918 reist eine deutsche Delegation unter der Führung des Zentrumspolitikers Matthias Erzberger nach Frankreich zu Marschall Foch (das spreche man «Fosch» aus, lässt sich Erzberger belehren). Ferdinand Foch war der Oberbefehlshaber des französischen Heeres und die Deutschen wollen einen Waffenstillstand aushandeln. Geschickt hat sie offiziell die deutsche Regierung. Das Sagen im Kaiserreich hat aber die militärische Führung mit Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Die halten sich weise zurück. Sie lassen die Zivilisten um Frieden bitten. Dass der Krieg verloren ist, wissen aber beide. Deshalb haben sie Erzberger geschickt. Sonst könnte man dann später nicht mehr die Parole von «Im Felde unbesiegt» ausgeben.

Gleicher Waggon, gleicher Ort

Im Bahnhof von Tergnier müssen die Deutschen einen abgedunkelten Zug besteigen. Schliesslich hält er in einer Lichtung im Wald von Compiègne, knapp 100 Kilometer von Paris entfernt, an. In der Rethondes-Lichtung steht bereits ein anderer Zug, dort warten die französische und die englische Delegation. Den Deutschen werden harte Bedingungen gestellt. Unter anderem soll die englische Blockade weiterbestehen, das lässt einen weiteren Hungerwinter befürchten. Erzberger versucht, die Bedingungen etwas abzumildern. Es gebe nichts zu verhandeln, sagt Foch, «c’est à prendre ou à laisser». Hindenburg teilt mit, man solle auf jeden Fall unterschreiben.

Am 11. November 1918 wurde so in einem umgebauten Eisenbahnwagen das bisher blutigste Völkerringen beendet. Erzberger gibt noch eine Erklärung ab: Ein Volk von 70 Millionen leidet, aber es stirbt nicht.» – «Très bien», sagt Foch. Man erhebt sich und dann fahren die Deutschen durch das zerstörte Frankreich wieder zurück. Es folgte der Friedensvertrag von Versailles, der – wie viele wussten – keiner auf Dauer war. Der «Novemberverräter» Erzberger wurde 1921 von Angehörigen der nationalistischen Terrororganisation «Operation Consul» ermordet.

Adolf Hitler war ein Fan des Reenactment avant la lettre. Um den Frankreichfeldzug 1940 abzuschliessen, lässt er den Waggon aus dem Museum holen, in dem Foch Erzberger demütigte. Am 22. Juni 1940 müssen die Franzosen das deutsche Diktat unterschreiben. Eisenbahn-Fetischist Hitler lässt den geschichtsträchtigen Waggon (eigentlich sind es zwei) ins Reich abtransportieren. Von Berlin gerät er nach Thüringen, dort hatte Hitler seinen letzten Befehlsstand geplant. Die Russen waren schneller. Im April 1945 beging Hitler Selbstmord im belagerten Berlin und der berühmteste Eisenbahnwaggon wurde in einem thüringischen Wald zerstört.

Hitler hatte es mit den Zügen. Im Roman «München» von Robert Harris wird geschildert, wie Hitlers Entourage im Sonderzug des Führers 1938 vom Obersalzberg nach München fährt.

Diktatorentreff auf dem Perron

Seine faschistischen Kollegen begrüsste und verabschiedete Hitler gerne auf Bahnhöfen. Auch Benito Mussolini reiste mit dem Zuge. Das war so, als er den gerade dem Bombenattentat vom 20. Juli 1944 entronnenen Hitler auf der Wolfsschanze besuchte. In Ostpreussen fand das letzte von 17 Treffen zwischen Hitler und Mussolini statt.

Ebenfalls in Hitlers Salonwagen im Pyrenäen-Bahnhof Hendaye sitzen sich im Oktober 1940 der Führer und der spanische Diktator Francisco Franco gegenüber. Hitler lockt mit Gibraltar, denn er möchte Franco als Partner gegen England. Franco hat den Sieg im Bürgerkrieg der deutschen Hilfe zu verdanken. Aber der Spanier lehnt höflich ab. Hitler bleibt nichts anderes, als das Spiel mitzumachen und Franco höflich auf dem Bahnsteig zu verabschieden.