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DIPLOMATIE: Warum das Verständnis für dieses Regime?

Als die DDR zusammenbrach, war ein Luzerner Botschafter der Schweiz in der DDR. Jetzt weiss man, was der Vertreter unseres Landes über diesen weltpolitischen Umbruch dachte. Wir suchten das persönliche Gespräch mit dem pensionierten Botschafter.
Thomas Bornhauser
Die Stimmung schien gelöst: Botschafter Birrer (vorne rechts) bei seinem Antrittsbesuch 1987 bei Erich Honecker (vorne links). (Bild: PD)

Die Stimmung schien gelöst: Botschafter Birrer (vorne rechts) bei seinem Antrittsbesuch 1987 bei Erich Honecker (vorne links). (Bild: PD)

Interview: Thomas Bornhauser

Als der heute 85-jährige Franz Birrer am 13. November 1987 als Schweizer Botschafter Erich Honecker in Ostberlin sein Beglaubigungsschreiben überreichte, da ahnte wohl niemand, dass er der letzte Schweizer Vertreter auf sozialistischem Boden in Deutschland sein würde. Was folgte, waren drei Jahre an deutschland- und weltpolitischen Umstürzen. Dank einer jetzt erschienenen Publikation zu politischen Berichten aus Ostberlin (siehe Box) erfährt die Öffentlichkeit, wie sehr die revolutionären Geschehnisse die Schweizer Vertretung überforderten. Und wie gross das Verständnis des letzten offiziellen Vertreters der Schweiz für die Verhältnisse dieser sozialistischen Diktatur war.

Franz Birrer, die Informationsbeschaffung im sozialistischen Ostberlin war speziell. Was waren Ihre Hauptquellen?

Als deutschsprachiger Schweizer hatte ich sowohl zu Regierungskreisen als auch zum so genannten Mann auf der Strasse relativ leicht Kontakt. Als Hauptquellen gab es die Kontakte zur Regierung – selten zu Mitgliedern des Politbüros –, sodann die Beziehungen zu Botschafterkollegen, zu Korrespondenten westlicher Medien, zu Mitgliedern der protestantischen Kirche und der Bürgerbewegungen, zu Schriftstellern und anderen mehr. So hatte ich schon vor der Wende zahlreiche Personen kennen gelernt, die nachher eine führende Rolle spielten: Manfred Stolpe, Bischof Gottfried Forck, Lothar de Maizière, Rainer Eppelmann und andere. Mit vielen DDR-Bürgern von damals bin ich noch heute befreundet.

Hatten Sie auch mit Erich Honecker persönlich Kontakt?

Eigentlich nur bei der Überreichung des Beglaubigungsschreibens. Flüchtigen oder zufälligen Kontakt hatte ich höchstens an offiziellen Anlässen, am 1. Mai, am Jahrestag der DDR oder an der alljährlichen Hasenjagd. Es herrschte ein preussisch-sozialistisches Protokoll, die «Oberen», namentlich die Mitglieder des Politbüros und des Staatsrates, blieben unter sich. Beim Festakt zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 sassen meine Frau und ich zwar ganz in der Nähe von Honecker und all den Grössen der kommunistischen Welt wie Gorbatschow oder Jaruzelski oder auch Raúl Castro. Aber es blieb bei einem kurzen Blick; kein Händeschütteln, kein Wortwechsel.

Ihre persönliche Erinnerung an Honecker?

Im öffentlichen Auftritt wirkte er steif, seine Stimme war gepresst und kam nicht wirklich an. Persönlich aber erlebte ich ihn als freundlich und jovial.

Unmittelbar nach diesem Festakt musste Honecker zurücktreten. Auch Sie wurden vom Tempo der Veränderung überrollt.

Das stimmt, aber da war ich nicht allein. Niemand hat diese rasche Veränderung erwartet. Da wurde die Trennung der Welt, Europas, Deutschlands und Berlins in «Ost» und «West» innert kürzester Zeit hinweggefegt.

Ihre damalige Einschätzung von Helmut Kohl wirkt nicht schmeichelhaft. Wie beurteilen Sie heute sein Lebenswerk?

Damals dachte ich, dass vieles in seinem Handeln persönlich oder wahltaktisch motiviert sei. Auch Lothar de Maizière, CDU-Politiker und damals stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates, äusserte sich mir gegenüber in diesem Sinne. Im Endeffekt aber hatte Kohl Erfolg. Und das zählt. Allerdings mit hohen Kosten für Ost- und für Westdeutschland.

Auf diese Kosten verweisen Sie in Ihren Berichten immer wieder. Aber immerhin wurden die Menschen im Osten Deutschlands wieder zu freien Menschen, nachdem sie zuvor jahrzehntelang von der Staatssicherheit drangsaliert worden waren.

Natürlich gab es die Stasi. Massgeblich aber war für mich die Tatsache, dass die DDR in ihren letzten Jahren eindeutig liberaler wurde. Ich kam 1987 als Botschafter nach Ostberlin. Von da weg bis Anfang 1989 gab es an der Mauer keinen einzigen Toten.

Und doch schwingt in Ihren Berichten viel Verständnis für die Diktatur mit, welche die DDR ja faktisch war. War es die Angst vor einem dominanten Grossdeutschland in Europa, welche zu dieser Parteilichkeit führte?

Ich glaube nicht, dass ich Partei für die DDR und gegen die Bundesrepublik ergriff. Dafür gab es ja auch keine persönliche Voraussetzung: Ich hatte in Bonn studiert. Ich war sechs Jahre lang auf der Schweizer Botschaft in Bonn tätig. Es gab für mich keinen Grund für ein gebrochenes Verhältnis zur Bundesrepublik.

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