Leitartikel
Donald Trump als neuer Präsident? – Jetzt können wir nur noch hoffen

Entgegen (fast) aller Erwartungen und Prognosen konnte sich der republikanische Kandidat Donald Trump gegen Favoritin Hillary Clinton durchsetzen. Vielleicht wird er ein grosser Präsident, oder vielleicht entwickelt er sich zur Katastrophe für die Welt – der Leitartikel dazu.

Christian Dorer
Christian Dorer
Merken
Drucken
Teilen
Donald Trump wurde zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

Donald Trump wurde zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

AP/Keystone

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist eines jener raren Ereignisse, bei dem man sich sein ganzes Leben lang exakt an den Moment erinnern wird, wie und wann man davon erfahren hat – vergleichbar mit der Ermordung von John F. Kennedy, der ersten Mondlandung, 9/11.

Bei jeder früheren Präsidentschaftswahl gab es ebenfalls einen Gewinner und einen Verlierer. Doch stets vertraten beide dieselben Grundwerte. Und so ging man nach der Wahl rasch zur Tagesordnung über. Das ist dieses Mal anders: Nie zuvor in der neueren Geschichte der USA wurde ein Präsident gewählt, bei dem es derart unberechenbar ist, wie er sein Amt ausführen wird. Bisher jedenfalls haben sich alle geirrt mit ihren Prognosen: Niemals werde er die Nomination der republikanischen Partei schaffen! Und als er sie doch hatte: Jetzt wird er sich mässigen! Und als er weiter Hass schürte: Er hat keine Chance, Präsident zu werden.

Trump war nie Politiker und funktioniert nicht wie ein Politiker. Er denkt nicht taktisch, sondern agiert aus dem Bauch heraus. Er mässigte sich auch dann nicht, als es klüger gewesen wäre, um Wechselwähler zu überzeugen. Er gibt sich keine Mühe, anständig zu sein. Trump ist Trump, Trump bleibt Trump, Trump glaubt an Trump. Und Trump wird ab dem 20. Januar 2017 der mächtigste Mann der Welt sein.

Das ist ein enormer Triumph für den Quereinsteiger. Und es ist ein gewaltiges Misstrauensvotum gegen die herrschende Politik, gegen die Eliten, gegen die Medien. Das ist derzeit nicht nur in den USA zu beobachten: In Russland schwebt Wladimir Putin auf einem Popularitätshoch, in Deutschland fährt die AfD Sieg um Sieg ein, in Frankreich könnte Marine Le Pen Präsidentin werden, in Holland hat Geert Wilders Erfolg. Historisch gesehen geht es der Menschheit so gut wie noch nie. Gleichzeitig haben viele Angst wie noch nie, weil Globalisierung und digitale Revolution alles umpflügen. Das führt zu Sehnsucht nach dem starken Mann.

Vielleicht wird Trump ein grosser Präsident ...

Es ist verstörend genug, dass jemand an der Spitze der einzig verbleibenden Weltmacht steht, der unanständig ist, der lügt, der Frauen, Ausländer und Behinderte beleidigt. Und es ist geradezu erschreckend, dass der US-Präsident als einer der wenigen Menschen auf der Welt den Lauf der Geschichte beeinflussen kann. Da fragt sich: Was bringt Trump? Wird er zur «politischen Katastrophe – für Amerika und für die Welt», wie der «Spiegel» gestern schrieb?

Die Katastrophe kann, muss er aber nicht eintreffen. Im guten Fall erleben wir in den kommenden Jahren einen Präsidenten Trump, dem heute wenige Grosses zutrauen und der alle eines Besseren belehrt – wie in den 1980er-Jahren Ronald Reagan, der belächelt wurde, weil er zuvor Schauspieler war, und dann ein grosser Präsident wurde. Im guten Fall handelt Trump so, wie er es in seiner starken und staatsmännischen Antrittsrede gestern versprochen hat: «Jetzt ist es Zeit für Amerika, die Wunden der Trennung zu schliessen, wieder zusammenzukommen. Ich schwöre jedem Bürger in diesem Land, dass ich Präsident sein werde für alle Amerikaner.»

... vielleicht wird er zur Katastrophe für die Welt

Im schlechten Fall hingegen führt Trump seinen hässlichen Wahlkampf im Oval Office weiter. Dann hätten die USA einen unberechenbaren, rüpelhaften und fahrlässigen Präsidenten. Im schlechten Fall tut er tatsächlich all das, was er im Wahlkampf angekündigt hat: eine Mauer zu Mexiko errichten, Schutzzölle auf Importgüter einführen, das Klimaabkommen aufkünden, Iran-Atomabkommen sistieren, Obamas Gesundheitsversicherung abschaffen, sein Land abschotten. Trump kann jetzt auch in alleiniger Kompetenz Atombomben zünden. Zu diesem Thema hat er mal gesagt: «Wenn wir atomare Waffen haben, warum können wir sie dann nicht einsetzen?»

Im Moment können wir nur hoffen, dass es gut kommt!

christian.dorer@azmedien.ch

Clinton spricht zu ihren Anhängern, am Tag nach ihrer Niederlage.
27 Bilder
Clinton spricht zu ihren Anhängern, ein Tag nach ihrer Niederlage.
Barack Obama rief die Amerikaner dazu auf, nun alle an einem gemeinsamen Strang zu ziehen.
Trump spricht zu seinen Anhängern und zum amerikanischen Volk.
Trump tritt nach seinem Wahlsieg vor seine Anhänger.
Mike Pence und Donald Trump, der neue Vizepräsident und der neue Präsident, nachdem ihr Wahlsieg feststeht.
Hillary Clinton muss ihre Niederlage eingestehen
Trump gewinnt in Ohio - seine Anhänger in New York jubeln.
Sie ahnen die Niederlage: Anhänger der Demokraten haben sich an einer Wahlveranstaltung in Dallas auf den Boden gesetzt und starren gebannt auf ihre Smartphones.
Sie jubeln über Trumps Sieg in Florida, einem der entscheidenden Swing States. Damit wird immer wahrscheinlicher, dass Trump die Wahl gewinnt.
Clinton und Trump am Dienstag.
Die Freiwillige Mary Lou Flayhan hilft in Biloxi, Mississippi.
Cait Hodge hat ihren Hund Tippy in Raleigh, North Caroline dabei. Sein Anblick soll den Wählern einen stressfreien Moment bescheren.
Wahltag in Amerika.
Die Ägypter verfolgen das Geschehen in den USA.
Wahltag in Amerika.
Donald Trump und seine Frau Melania geben ihre Stimme ab
Eric Trump und sein Wahlzettel: Weil er ein Foto von diesem auf Twitter postete (was illegal ist), ist dieser ungültig.
Donald Trump hat gemäss eigener Aussage über 100 Millionen Dollar in seine Kampagne investiert.
Der Tweet von Eric Trump macht seine Stimme ungültig
Hillary Clinton begleitet von ihrem Mann und Ex-Präsident Bill grüsst Fans nachdem sie in Chappaqua NY gewählt hat
Vor vielen Wahllokalen stehen die Wähler Schlange.
Vor vielen Wahllokalen stehen die Wähler Schlange.
Häufig dienen Feuerwehr-Magazine als Wahllokal, so wie hier in Indiana.
Ein Selfie von der Wahl.
Tim Kaine, Clintons Vizepräsident-Kandidat, nach der Stimmabgabe.
Schlange Stehen für die Wahl in New Jersey

Clinton spricht zu ihren Anhängern, am Tag nach ihrer Niederlage.

AP