Donald Trumps Eigentor im Irak

Im Irak kippt nach der Tötung des iranischen Generals Soleimani die Stimmung wieder gegen Amerika.

Michael Wrase aus Limassol
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Eigentlich lief für die Amerikaner im Irak alles nach Plan: Fast zehn Wochen lang hatten Zehntausende Iraker gegen die Misswirtschaft und unerträgliche Korruption ihrer Regierung demonstriert und dabei auch den massiven Einfluss der Iraner in ihrem Land angeprangert. Aufgebrachte Mitglieder der Protestbewegung setzten sogar die iranischen Konsulate in den für Schiiten heiligen Städten Kerbala und Nadschaf in Brand. Eine derart heftige Demonstration des Unmuts gegenüber dem Regime in Teheran hatte es im Irak zuletzt unter Saddam Hussein gegeben.

Zwei Millionen Iraner nahmen gestern an der Trauerfeier für den getöteten General Qassem Soleimani im Zentrum von Teheran teil.

Zwei Millionen Iraner nahmen gestern an der Trauerfeier für den getöteten General Qassem Soleimani im Zentrum von Teheran teil.

Bild: Getty, Teheran,
6. Januar 2020)

Was die amerikanische Politik bis zu diesem Zeitpunkt nicht geschafft hatte, nämlich den Einfluss des Iran im Nahen Osten zurückzudrängen, schien auf einmal der irakischen Bevölkerung zu gelingen, analysierte der Nahost-Korrespondent der BBC. Doch es kam bekanntlich anders: Nach der Ermordung von Qassem Soleimani am letzten Freitag «schwingt die Stimmung wieder in Richtung Antiamerikanismus», hat nicht nur der deutsche Irak-Experte Wilfred Buchta festgestellt. Mit dem aggressiven Vorgehen der Amerikaner seien auch «die schwarzen Erinnerungen an die ersten Jahre der Besatzung (nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003) zurückgekommen», sagt Renad Mansour vom Londoner Think Tank Chatam House.

Trump droht mit Sanktionen gegen Irak

Viele dachten, die Flügel der Iraner im Irak seien gestutzt worden. «Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil der Fall», glaubt Fanar Haddad vom «Middle East Center» der Universität von Singapur. Kaum jemand hätte es noch vor Wochen für möglich gehalten, dass das irakische Parlament am Sonntag den Rauswurf der knapp 6000 US-Truppen im Irak beschliessen würde.

Dass die politisch geschwächte irakische Regierung die Resolution der Abgeordneten umsetzt, bezweifeln Landeskenner. Dennoch stehen die Zeichen auf Konfrontation, zu der in der Nacht auf Montag erneut Donald Trump beitragen hatte. Der US-Präsident drohte dem Irak mit Sanktionen «wie nie zuvor», sollte sich Bagdad nicht an seine Bedingungen für einen Abzug halten. Diese beinhalten offenbar Milliardenzahlungen für den Bau von US-Luftwaffenstützpunkten im West- und Zentralirak. «Wir werden nicht gehen, bevor sie uns bezahlen», so Trump.

Die irakische Bevölkerung hatte unter der nach der Kuwait-Invasion von 1990 von der UNO verhängten Wirtschaftsblockade sowie zusätzlichen Sanktionen der US-Regierung entsetzlich gelitten. Auch im Iran werden die Folgen der von den USA verhängten Sanktionen, etwa bei überlebenswichtigen Medikamenten, von der internationalen Staatengemeinschaft überwiegend ignoriert. Auch dort war es noch im November zu einem landesweiten Volksaufstand gekommen, der, wie im Irak, blutig niedergeschlagen wurde. Daran beteiligt waren die Revolutionsgardisten von Qassem Soleimani.

Zwei Millionen Menschen an Trauerfeier

Trotzdem nahmen an der hochemotionalen Trauerfeier für den von den USA getöteten General in Teheran gestern über zwei Millionen Menschen teil. Landesweit sollen fast zehn Millionen Menschen auf den Strassen gewesen sein. Mit der Fähigkeit der Mullahs allein, die Massen in Krisenzeiten zu mobilisieren, sind die gewaltigen Aufmärsche nicht zu erklären. Es sind die tiefen religiösen Gefühle der iranischen und irakischen Schiiten, die gerade in Zeiten der tiefen Trauer und Verwundbarkeit zum Tragen kommen.

Diese Gefühle wurden von den USA bereits während der islamischen Revolution vor 41 Jahren unterschätzt, falsch interpretiert oder, wie jetzt unter Donald Trump, schlichtweg ­ignoriert. Wie borniert und völlig ahnungslos der amerikanische Präsident gegenwärtig agiert, zeigen auch seine gestern noch einmal bekräftigten Angriffsdrohungen auf iranische Kulturstätten. Trump stärke damit die «überwältigende nationale Solidarität im Iran», berichtet die «Al Jazeera»-­Korrespondentin aus Teheran.

Seit Ayatollah Chomeini sind die USA «der Satan Amerika»

Warum sind sich die USA und der Iran so spinnefeind? Der Hauptgrund ist sicher, dass die Sympathien der USA bei den sunnitischen Öl-Scheichtümern am Persischen Golf liegen. Aber die Aversion hat auch historische Gründe.
Christoph Bopp