Grossbritannien
«Doofer Dominic» übernimmt die Regierungsgeschäfte von Boris Johnson

Der britische Premierminister befindet sich weiterhin auf einer Londoner Intensivstation. Seinem Stellvertreter Dominic Raab traut kaum jemand zu, dass er das Land regieren kann.

Sebastian Borger aus London
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Ready? Nicht wirklich, glauben viele seiner konservativen Wegbegleiter. Trotzdem ist der britische Aussenminister Dominic Raab seit gestern vorübergehender Regierungschef in Grossbritannien. (Bild: Keystone)

Ready? Nicht wirklich, glauben viele seiner konservativen Wegbegleiter. Trotzdem ist der britische Aussenminister Dominic Raab seit gestern vorübergehender Regierungschef in Grossbritannien. (Bild: Keystone)

CH Media

Boris Johnson ist in stabilem Zustand. Das hat ein Regierungssprecher gestern bestätigt. Der 55-jährige britische Premierminister liegt seit Montagabend auf der Intensivstation des St.Thomas Spitals in London. Ihm werde zwar Sauerstoff zugeführt, aber er «atmet selbstständig», betonte der Sprecher.

Regieren kann Johnson das Land allerdings nicht mehr. Er hat das Zepter – vorübergehend – an seinen Aussenminister Dominic Raab übergeben. Der 46-Jährige hat allerdings einen schweren Stand. Seine Regierungskollegen machen keinen Hehl daraus, dass sie Raab als Übergangspremier für ungeeignet halten.

Tatsächlich ist der Anwalt in seiner einjährigen Kabinettszugehörigkeit bislang durch keinerlei nennenswerte Initiativen aufgefallen. Im Aussenministerium haftet ihm der wenig schmeichelhafte Spitzname «Dim Dom», doofer Dominic, an. Und so hielt das politische London bei seiner Einsetzung am Dienstag den Atem an und sandte Stossgebete für Johnsons Genesung gen Himmel.

Seinen raschen Aufstieg verdankt Raab dem Brexit. Johnsons Vorgängerin Theresa May (2016–19) machte den erklärten EU-Feind Raab erst zum Staatssekretär und berief ihn im Sommer 2018 als Brexitminister ins Kabinett.

Vor seiner Politkarriere jagte er Kriegsverbrecher

Aus Protest gegen Mays Kompromisskurs trat Raab vier Monate später zurück und hielt fortan den Parteifreunden Reden darüber, man müsse «den grossartigen britischen Underdog» von der Leine lassen. Dass der Fanclub des Ehrgeizlings wenig Mitglieder zählte, zeigte sich im Rennen um Mays Nachfolge, die der zweifache Familienvater Raab gerne angetreten hätte: Bereits in der zweiten Runde der Fraktionsabstimmungen schied er aus. Dass er fortan loyal zu Johnson hielt, belohnte dieser mit der Ernennung zu seinem De-facto-Vizepremier.

Raab hatte zuvor als Wirtschaftsanwalt gearbeitet und war an der Strafverfolgung von Kriegsverbrechern beteiligt, ehe er 2010 für einen Wahlkreis im Londoner Speckgürtel ins Unterhaus einzog.