Fukushima
Drei Jahre nach der Stunde Null kehrt Japan zur Atomenergie zurück

Seit dem Tsunami und der dadurch ausgelösten Reaktorkatastrophe in Fukushima sind drei Jahre vergangen. Zwischen 30 und 40 Jahre wird es noch dauern, bis der zerstörte Reaktor richtig gesichert ist. Derweil kehrt Japan zur Atomenergie zurück.

Daniel Kestenholz, Bangkok
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Mitarbeiter des AKW-Betreibers Tepco messen die Radioaktivität im Innern des Reaktors Fukushima Daiichi.

Mitarbeiter des AKW-Betreibers Tepco messen die Radioaktivität im Innern des Reaktors Fukushima Daiichi.

Keystone

Japan gedenkt am Dienstag der Opfer der Tsunami-Katastrophe vor drei Jahren. In zahlreichen Städten im Katastrophengebiet versammelten sich tausende Menschen zu einer Schweigeminute, um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 MEZ) gaben die Sirenen Tsunami-Alarm.

Schweigeminute für die Opfer des Erdbebens und des Taifuns vom 11. März 2011

Schweigeminute für die Opfer des Erdbebens und des Taifuns vom 11. März 2011

Keystone

Am 11. März 2011 übertrugen die Fernsehstationen weltweit Livebilder des Monster-Tsunami, der die nordöstliche Küste Japans zerstörte. In diesen tragischen Stunden nahm eine weitere Katastrophe ihren Lauf, an deren Folgen Japan noch jahrzehntelang lang leiden wird: Fukushima.

Die Zerstörungen der Springfluten sind in den vergangenen drei Jahren weitgehend weggeräumt worden. Weite Küstenstriche bleiben zwar öde Flächen, doch die Schutt- und Trümmerberge sind verschwunden.

Allgegenwärtig bleibt dagegen das Atomunglück von Fukushima Daiichi, wo die Wassermassen das Kühlsystem mitsamt Notaggregaten zerstörten. In den überhitzten Meilern kam es daraufhin zu unkontrollierten Kernschmelzen. Mit Glück wurde die Millionenmetropole Tokio von Massenpanik verschont. Saisonale Winde trugen den Grossteil der radioaktiven Gifte über den Pazifik hinaus.

Drei Jahre nach der Stunde null sind die Dörfer innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone am Verfallen. Unkraut überwuchert Strassen und Felder, während der AKW-Betreiber Tepco nur mässige Fortschritte bei der von Rückschlägen geplagten Sicherung der verseuchten Anlagen melden kann. Über Lecks und Grundwasser gelangt immer wieder verstrahltes Kühlwasser in die Umwelt. Und die Technologie, um mittels Robotern zu den zerstörten Reaktorkernen zu gelangen, muss zuerst noch entwickelt werden.

Die Riesenwelle rollt an
8 Bilder
Die Dämme können die Wassermassen nicht aufhalten
Hier treffen die Wellen des Tsunamis auf das Atomkraftwerk Fukushima
Die Tanks versinken in den Fluten des Tsunamis
Das Wasser dringt ins Reaktorgebäude ein
Innert Sekunden steigt der Pegel an
Der Tsunami hat Fukushima erreicht
Das Gelände des Atomkraftwerks ist geflutet

Die Riesenwelle rollt an

Keystone

Im Februar wies ein vor Fukushima gefangener Fisch Strahlenwerte auf, die weit über der legal zulässigen Grenze lag. Trotzdem erwägt Japan, das nach Fukushima sämtliche Meiler stilllegte, die Rückkehr zur Nuklearenergie. Als hätte Japan nichts gelernt, sieht heute fast so aus, als ob das schlimmste Atomunglück seit Tschernobyl eher eine kurzzeitige «Betriebsstörung» war. Statt die Chance zur Energiewende zu packen, deuten alle Zeichen eher auf eine baldige Rückkehr zur Abhängigkeit vom Atomstrom.

Auf fossile Brennstoffe angewiesen

Die Regierung von Premier Shinzo Abe, dessen Liberaldemokraten der Atomlobby schon immer nahestanden, argumentiert unter anderem mit dem Anstieg der Rohölimporte in der Höhe von 16 Prozent, was Japan nicht nur ein Rekordhandelsdefizit beschert, sondern auch die Strompreise um die Hälfte hochschnellen liess. Japan will zwar vermehrt auf Solar- und Thermalenergie setzen, doch der Zuwachs von erneuerbaren Energien ist minim. Mittelfristig bleibt Japan von fossilen Brennstoffen abhängig, was den Ausstoss von Treibhausgasen weiter erhöhen wird.

Eine Drohne überfliegt die zerstörten Reaktoren in Fukushima und fotografiert das Gelände Der zerstörte Reaktor 3 aus der Vogelperspektive
11 Bilder
Der Reaktorblock 3 ist völlig zerstört
Auch der vierte Block wurde zerstört
Mit dieser Drohne wurden die Bilder aufgenommen

Eine Drohne überfliegt die zerstörten Reaktoren in Fukushima und fotografiert das Gelände Der zerstörte Reaktor 3 aus der Vogelperspektive

Trotz Steuer- und Investitionsanreizen für saubere Energie drückt sich Japan um eine nachhaltige, neue Energiepolitik. Der Bevölkerung wird Angst vor den Kosten einer vollständigen Stilllegung der Atomanlagen gemacht. Diese waren freilich bereits nicht rentabel, als sie noch rund ein Drittel des nationalen Strombedarfs produzierten.

Zwei der insgesamt 50 kommerziellen Meiler sind inzwischen wieder am Netz. Die Befürchtungen der Atomlobby und der Industrie, dass Japan infolge Energieverknappung grosse Wirtschaftsausfälle drohen, bestätigte sich freilich bislang nicht. Vielmehr geht es der japanischen Wirtschaft so gut wie seit den späten 1980er-Jahren nicht mehr.

Bau neuer AKW geplant

Ende Februar veröffentlichte Regierungschef Abe den Entwurf einer neuen Energiepolitik, in der Atomkraft als «wichtige Energiegrundlast» vorgesehen ist. Sogar der Bau neuer AKW ist vorgesehen, womit Japan nicht etwa aus der Reihe tanzt. Gegenwärtig sind weltweit mehr als 500 Reaktoren in Bau, die meisten davon in China und Indien.

Auch die Wissenschaft scheint der Regierungslinie recht zu geben. Ein japanisches Forscherteam tat die Fukushima-Strahlenbelastung als «unbedeutend» ab, eine Zunahme von Krebsraten sei nicht festzustellen. Und nicht zuletzt hat es die Regierung auch verstanden, das Unglück weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein zu streichen. Und zwar obwohl im Februar einmal mehr 100 Tonnen verseuchtes Kühlwasser aus einem lecken Speichertank austrat.

Am 1. April dürfen 300 Menschen in ihre Häuser nahe der Atomruinen zurückkehren. Das ist nur ein Bruchteil der insgesamt 138 000 Vertriebenen. Auch ist noch unklar, ob die komplette Sicherung von Fukushima Daiichi drei oder vier Jahrzehnte dauern wird. Tatsache ist aber, dass sich die gleich nach dem Unglück gezeichneten Horrorszenarien bisher nicht bewahrheitet haben. Neue Stresstests und Sicherheitsauflagen verunmöglichten ein zweites Fukushima, versichert die japanische Regierung.