Drei Passkontrollen bis zur Therapie

Ahmad, ein Schäfer aus dem Jordantal, hat Leukämie. Ohne Noam aus Jerusalem wäre seine Behandlung nicht möglich. Seit vier Monaten sitzen die beiden jeden zweiten Tag zusammen im Stau und erzählen sich vom Leben – auf der jeweils anderen Seite der Mauer.

Franziska Grillmeier
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Noam überholt das Auto vor ihm auf dem rechten Seitenstreifen, kurbelt das Fenster herunter und schreit: «Haben Sie es eilig?» – «Ja!», brüllt der Fahrer zurück und schliesst zu seinem Vordermann auf. Beide Autos stehen in der Mittagssonne flimmernd nebeneinander, bis die Ampel auf Grün springt. «Wenn diese Stadt nicht durch ihre Menschen erstickt, dann am Stau», sagt Noam, zündet sich eine Zigarette an und fährt sich mit seiner breiten Hand über den Hinterkopf. Es ist 13.23 Uhr. «Ahmad wartet jetzt schon bestimmt zwei Stunden in der Hitze», sagt Noam, drückt die Zigarette am Fenstergummi aus und schraubt am Radio. «Aber das tut er ja sein ganzes Leben schon.» Eine halbe Stunde später zieht er die Handbremse auf dem Parkplatz des Hadassah-Spitals auf dem Skopusberg in Ostjerusalem an.

Der junge Beduine sitzt schon mit einer Fleecemütze vor dem Spitaleingang. Er steigt schnaufend ein. «Ich bekomme hier nur die israelischen Sender rein», sagt Noam. «Lass sie laufen», antwortet Ahmad, «es ist ja nicht die Musik, die hier verrückt spielt.» Er dreht seinen Rücken zum Fenster. Für drei Monate darf er nicht mehr in die Sonne.

Genehmigung für Strahlentherapie nötig

Ahmad, 27, ein Beduine aus dem Jordantal, war vor seiner Leukämieerkrankung noch nie auf der anderen Seite der 700 Kilometer langen Betonmauer, die Israel um die 2,8 Millionen Menschen im Westjordanland gezogen hat – als Reaktion auf palästinensische Selbstmordattentate. Diese Mauer schneidet die Dörfer der Palästinenser entzwei, schneidet ihnen ihre gewohnten Wege ab und rückt gleichzeitig jüdische Siedlungen im Westjordanland näher an Israel heran.

Als Schäfer trieb Ahmad Ziegen durch die Hirtengemeinde Khirbet Um al-Jamal. Zur Schule ist er nie gegangen.

Noam, 66, ehemaliger Spengler in Jerusalem, ist seit einem Jahr in Pension und ist in einer jüdisch-irakischen Familie in Jerusalem aufgewachsen. Seit vier Monaten fährt er jeden zweiten Tag zum Grenzübergang Kalandia und wartet auf Ahmad, der mit dem Taxi aus dem Jordantal jenseits der Mauer angereist kommt. Unbeeindruckt davon, ob in Gaza ein neuer Krieg droht, Israel den Eurovision Song Contest gewinnt oder Ahmads Zelt wieder einmal kurz vor dem Abriss steht: Ahmad muss zur Strahlentherapie nach Jerusalem. 18 Kilometer. Drei Passkontrollen. Vier Stunden.

Die Ärzte in Nablus wollten Ahmad schon vor Monaten in ein israelisches Spital nach Jerusalem verlegen. Er brauche dringend eine Strahlentherapie, doch die ist in den besetzten palästinensischen Gebieten seit der zweiten Intifada aus «Sicherheitsgründen» verboten. Als Palästinenser braucht Ahmad daher eine besondere Genehmigung, um auf israelischem Gebiet behandelt zu werden. Ahmads Antrag ist einer von jährlich 200 000 aus dem Westjordanland und Gaza, die durch die israelischen Behörden autorisiert werden müssen. Bearbeitungsdauer: mindestens 55 Tage.

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO werden etwa 40 000 Anträge jährlich abgelehnt. Ahmad füllte zwei Monate lang Anträge aus. Klingelte Sturm beim Gesundheitsamt der palästinensischen Behörde, schaute weissen Kitteln in Wartezimmern nach, liess sich von einer überlasteten Krankenschwester zum dritten Mal in einer Woche Blut abnehmen, schlief auf dem Weg nach Hause vor Erschöpfung im Bus ein. Sein Körper war aufgrund der schlechten Blutzirkulation zu einem Klumpen geschwollen. Bis im Januar die Bestätigung aus dem Hadassah-Spital in Jerusalem kam.

«Die Behandlung war gut heute», sagt Ahmad, neben Noam im Auto sitzend. Nächste Woche soll er wieder eine Rückenmarktransplantation bekommen. Es ist das letzte Mal, dass ihm die Krankenschwester ein paar Flaschen zustecken konnte. Wie es nächste Woche weitergehen soll, weiss er nicht. 2400 Schekel, umgerechnet etwa 650 Franken pro Packung, sind mehr, als seine ganze Familie mit den Ziegen im Monat erwirtschaften kann. Bis vor zwei Wochen bezahlte noch das palästinensische Gesundheitsministerium seine Rechnungen. Dann teilten sie ihm mit, seine Behandlung sei aussergewöhnlich teuer. Und ihr Etat sei erschöpft.

Palästinenser müssen Behandlung selber zahlen

Nach dem Oslo-Abkommen von 1994 übertrugen die israelischen Behörden die Verantwortung für die Bewohner des Westjordanlandes an die palästinensische Autonomiebehörde. Sie ist auch für die Gesundheitsversorgung der Palästinenser zuständig. Israel bezahlt nur für die Behandlung israelischer Staatsbürger. Palästinenser müssen für die Behandlung in Israel selbst aufkommen. Über 20 Jahre nach dem Oslo-Abkommen weiss jeder Bewohner im Westjordanland und in Gaza, wie abhängig er noch immer vom israelischen Gesundheitssystem ist. Viele Behandlungen sind, wie in Ahmads Fall, im Westjordanland nicht möglich.

Als Ahmad das erste Mal das Hadassah-Spital in Jerusalem betrat, behielten ihn die Ärzte für zwei Monate auf der Station. Noam kam ihn jede Woche besuchen. Er brachte ihm Artischockenblumen von Ahmads Mutter mit, die keine Erlaubnis bekam, ihn zu besuchen. Im März kamen weitere 23 Tage hinzu. In dieser Zeit bekam er eine Knochenmarktransplantation, lag täglich unter Röntgengeräten und verlor all seine Haare bei der Strahlentherapie. Das Spitalgelände verliess er in dieser Zeit nicht. Seine Aufenthaltsgenehmigung reichte nur bis zum Parkplatz.

Im April hatten die Ärzte gute Neuigkeiten: Er brauche nur noch alle zwei Tage zur Kontrolle zu kommen. Er bekam Panik. Wie sollte er die stundenlange Fahrt jeden zweiten Tag nach Jeru­salem schaffen? Es waren nicht die Grenzkontrollen, die Befragung von Sicherheitsdiensten und die stete Gefahr, wieder zurückgeschickt zu werden, die ihn sorgten: Ahmad wusste ganz einfach nicht, wie er den Transport bezahlen sollte. Busse fahren nur unregelmässig nach Kalandia. Der Sommer kam, und er durfte nicht in die Sonne. Und die Fahrt im Taxi kostet 150 Schekel, etwa 40 Franken, bis zum Grenzübergang Kalandia und weitere 100 Schekel bis zum Spital. 500 Schekel pro Tag. Dann machte ihm Noam ein Angebot.

«Staatenlos, rechtlos, wasserlos, heimatlos»

Um 14.53 Uhr, etwa eineinhalb Stunden später, erreichen die beiden die Stadtgrenze von Jerusalem. Sanfte Hügelzüge geben den Blick auf das verlassene arabische Dorf Lifta frei, das seit der Staatsgründung Israels 1948 zum Mahnmal der «Nakba», arabisch für Katastrophe, für die Palästinenser wurde. «Hier kämpfen die Araber um ihr Gedächtnis», sagt Noam. Ahmad schiebt seine Mütze nach oben und fährt mit seinem Zeigefinger die Umrisse der zerfallenen Steinhäuser entlang. «Schon seit Jahren sollen hier Luxusvillen entstehen», sagt Noam, «nur noch eine Frage der Zeit.» In den 1950er-Jahren in Jerusalem geboren, hat Noam die rasante Veränderung der Landschaft gesehen. Und die in den Menschen.«Ein höllischer Ort», aber in keinem anderen möchte er leben. Vor fünf Jahren eröffnete er zusammen mit seinem Neffen eine kleine Firma. Zwei Jahre später starb der Neffe mit nur 35 an Leukämie. Für Noam ein Verlust, als hätte er seinen Sohn verloren. In seiner freien Zeit reiste Noam nach der zweiten Intifada immer wieder ins Jordantal. Nach dem Bau der Mauer konnten sich viele beduinische Hirten nicht mehr frei bewegen. Täglich kam es zu Hausdemolierungen, immer mehr Siedler griffen die Zeltdörfer der Beduinen an, die Regierung drehte das Wasser im Tal ab. «Menschen keiner Klasse», sagt Noam, «staatenlos, rechtlos, wasserlos, heimatlos.»

Auch in Ahmads Zeltdorf Khirbet Um al-Jamal stehen nur mehr ein paar vereinzelte Zelte, eingeklemmt zwischen jüdischen Siedlungen. Ahmads Vater kann die Familie finanziell nicht mehr unterstützen. Der Schäfer verlor vor drei Jahren ein Bein, als er auf einem der Felder auf eine Mine trat. Seitdem hütete Ahmad auch noch die Ziegenherde seines Vaters. Seit seiner Erkrankung streifen die Tiere alleine umher und kehren am Abend zu seiner Mutter zurück. Die dickt die Ziegenmilch zu einem Käse ein. Das Einkommen reicht gerade für einen Sack Mehl, die Busfahrt und ein paar Zahnbürsten. Als Noam einmal an ihrem Zelt ein halbes Kilo Salzkäse kaufte, erzählte ihm die Mutter von der Situa­tion ihres kranken Sohnes. Noam beschloss, Ahmad im Krankenhaus in Jerusalem zu besuchen. Und später beschloss er, mit ihm zusammen im Stau zu stehen. Ahmad solle es schliesslich nicht wie seinem Neffen ergehen,«nur, weil wir eine Mauer um sein Zelt gebaut haben». Und ausserdem habe er Zeit als Rentner.

Einmal kam Ahmad nicht über die Grenze. Als er Noam anrief und erzählte, die Soldaten liessen ihn trotz Genehmigung nicht durch, verlor Noam die Geduld. Er stieg aus dem Auto und schrie die Soldaten am Checkpoint an, sie sollten Ahmad durchlassen. Kurz danach sass Noam mit seinem Leiki-Skistock, mit dem er wutentbrannt auf den Boden geschlagen hatte, auf der Polizeistation. Sie mussten den Termin verschieben.

Um 16.23 Uhr erreichen Noam und Ahmad den Checkpoint. «Bis morgen», sagt Noam. Ahmad schultert die Tasche. «Salamat.» Das Drehkreuz knackt. Ahmad dreht sich noch einmal um und winkt. Sein Lachen ragt über den Mundschutz hinaus. Noam bleibt im Auto sitzen, bis er hinter der Absperrung verschwunden ist.