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Dreister Einbruch in Dresdens berühmte Schatzkammer: «Anschlag auf kulturelle Identität Sachsens»

Die Rede ist vom grössten Kunstraub der deutschen Nachkriegszeit: Aus der Dresdner Schatzkammer wurden historische Juwelengarnituren im Wert von über einer Milliarde Euro entwendet. Dass die Täter das Raubgut verkaufen, ist nicht mal sicher, sagt ein Makler.

Christoph Reichmuth
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Die Täter agierten blitzschnell und gezielt, als sie kurz vor fünf Uhr gestern Montag in das „Grüne Gewölbe“ in Dresden, einer der reichsten Schatzkammern Europas, einstiegen. Wenige Minuten vor dem Coup legten die Täter mutmasslich einen Stromkasten in Brand, worauf vor dem Museum die Strassenbeleuchtung ausfiel. Nach Polizeiangaben kletterten mindestens zwei Täter - diese sollen auffallend kleingewachsen gewesen sein - durch ein schmales Fenster in das Museum im Westflügel des Dresdner Residenzschlosses.

Gezielt sollen die Täter in die prachtvollen Räume des historischen Museums mit rund 3000 Werken aus Gold, Silber, Edelsteinen, Elfenbein, Bernstein und Bergkristall eingedrungen sein, wo sie aus Vitrinen drei Juwelengarnituren aus dem 18. Jahrhunderts entwendeten. Die Diamanten- und Juwelengarnituren waren einst im Besitz des Kurfürsten und Herzog von Sachsen sowie König von Polen-Litauen, Friedrich August I, genannt „August der Starke“ (1670 - 1733). Die „Bild“-Zeitung spricht von einem Kunstraub in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro.

Diese Video veröffentlichte die Dresdner Polizei. Darauf sind die zwei Einbrecher genau zu beobachten:

Vieles ist noch unklar, auch Details über die entwendeten Kunstgegenstände fehlen. Gemäss gestern Abend vorliegenden Erkenntnissen dauerte der Raubzug nur wenige Minuten. Die Polizei wurde von zwei unbewaffneten Sicherheitsmitarbeitern des Museums, welche die Tat über Videokameras entdeckt hatten, über den Einbruch kurz vor fünf Uhr alarmiert. Bereits kurz nach fünf Uhr soll nach Polizeiangaben die erste Streife beim Museum vorgefahren sein, doch zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Täter bereits auf der Flucht.

Zehn Minuten nach dem Notruf waren sämtliche der 16 verfügbaren Streifenwagen auf den Fall angesetzt. 15 Minuten nach der ersten Alarmierung wurde einige Kilometer vom „Grünen Gewölbe“ entfernt der Brand eines Audis auf einer Strecke in Richtung Autobahn gemeldet. Vermutlich handelte es sich dabei um das Fluchtfahrzeug, mutmasslich sind die Täter in ein anderes Auto umgestiegen.

Der «vermutlich grösste Kunstraub in der Nachkriegsgeschichte» (Bild) sorgte deutschlandweit für Bestürzung. «Wir sind schockiert von der Brutalität des Einbruchs», sagte Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlung Dresden. «Es ist der Staatsschatz des 18. Jahrhunderts.»

Der Wert des Raubgutes könne kaum in Zahlen gefasst werden, «da es unverkäuflich ist», so Ackermann weiter. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte: «Nicht nur die Staatliche Kunstsammlung wurde bestohlen, sondern wir Sachsen.» Innenminister Roland Wöller (CDU) nannte den Raub einen «Anschlag auf die kulturelle Identität Sachsens.»

Die Befürchtung bei Kunsthistorikern ist gross, dass die Täter die Garnituren zerstören, um an die Edelsteine zu gelangen. Möglicherweise aber gehe es Kunstdieben gar nicht in erster Linie um den Verkauf der historischen Werke, sagt Nikolaus Barta, internationaler Makler für Kunstversicherungen, gegenüber der Süddeutschen Zeitung: «Gestohlene Kunst gilt der organisierten Kriminalität als Tauschmittel

Die IRA beispielsweise habe via Kunstraub Gefangene freigepresst. «Solche Fälle dringen allerdings fast nie an die Öffentlichkeit, kein Versicherer will natürlich zugeben, dass er Lösegeld bezahlt.» Möglicherweise würden die Täter auch versuchen, Teile der entwendeten Kunstgegenstände im asiatischen Raum, Russland, China oder Südamerika zu verkaufe. Barta schätzt die Chancen als gut ein, dass zumindest Teile des Raubgutes eines Tages wieder auftauchen werden: «Es dauert nur oft lange, manchmal Jahrzehnte oder sogar mehrere Generationen.»

Das Grüne Gewölbe gilt als eines der ältesten Museen Europas, im Westflügel des Residenzschlosses werden Ausstellungsstücke von unschätzbarem Wert in der barocken Schatzkammer präsentiert. Das historische Grüne Gewölbe wurde zu Kriegsende 1945 bei einem Bombenangriff zerstört. 2006 wurde es nach jahrelangen Renovierungsarbeiten wieder eröffnet.