DRESDEN: Die rätselhafte Frontfrau der Pegida

Die Pegida-Macher wagen sich aus der Deckung. Das neue Gesicht der Bewegung heisst Kathrin Oertel. Deutschland rätselt über die Wirtschaftsprüferin und dreifache Mutter.

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Kathrin Oertel an der Pressekonferenz der Pegida am Montag in Dresden. (Bild: AP)

Kathrin Oertel an der Pressekonferenz der Pegida am Montag in Dresden. (Bild: AP)

Christoph Reichmuth, Berlin

Diesen Titel konnten sich die Redaktoren bei «Spiegel online» dann doch nicht verkneifen. «Pegida gibt Lügenpressekonferenz», hiess es da auf dem Newsportal in grossen Lettern, als die Organisatoren der Bewegung «Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes», kurz Pegida, gestern vor die Medien traten.

Das war natürlich eine spitze Anspielung auf die Montag für Montag in Dresden ertönenden Rufe gegen die «Lügenpresse», zuletzt liefen 25 000 Menschen durch die Dresdener Altstadt. Und nun bitten ausgerechnet diejenigen zu einer Medienkonferenz, die an der Spitze einer Protestbewegung stehen, welche die Medien der Lüge bezichtigt.

Pegida ändert die Taktik

Der Anlass für den gestrigen Auftritt der Pegida-Organisatoren Kathrin Oertel (36) und Lutz Bachmann (42) war allerdings wenig erfreulich. Wegen konkreter Terrorgefahr musste die für gestern Abend angesetzte Pegida-Demonstration abgesagt werden. Die Polizei hatte in Dresden alle Versammlungen unter freiem Himmel verboten.

Auffallend ist, dass die Pegida-Macher ihre Taktik geändert haben. Seit Oktober haben die «Patriotischen Europäer» monatelang gegen die «Systemmedien» gewettert, mit den Journalisten reden wollte man dann aber doch nicht. Das hat sich 2015 geändert. Lutz Bachmann nahm sich schon bei der letzten Pegida-Demonstration vor einer Woche eine Stunde Zeit, um mit den ausländischen Medienvertretern zu reden. Und am Sonntag wagte sich Oertel sogar in die ARD-Talkrunde von Günther Jauch.

Die einzige Frau im Männerverein

Die 36-Jährige ist die aufstrebende Figur in der rechten Protestbewegung, quasi das neue Gesicht der Pegida. Monatelang galt Lutz Bachmann als der eigentliche Frontmann, doch nachdem die Medien Bachmanns kriminelle Vergangenheit offenlegten (unter anderem Körperverletzung, Einbruch und Diebstahl), brauchte es ein neues Gesicht. In der von Männern dominierten Pegida-Führungsriege trat mit Oertel plötzlich eine Frau ans Rednerpult.

Die Mutter von drei Kindern machte kräftig Stimmung, schimpfte gegen die Kanzlerin und wetterte gegen Asylmissbrauch. Eine mediengewandte Rhetorikerin ist sie nicht. Bei den Pegida-Demos liest die zumeist in einen schwarzen Mantel gehüllte Oertel konzentriert von einem Zettel ab, den Augenkontakt zum Publikum sucht sie dabei kaum. So war das auch am Sonntag in der Sendung Günther Jauch, als sie sich mit einem Spickzettel behelfen musste. Doch als Vorwurf kann das nicht gelten, zugutehalten muss man ihr, dass sie es dabei mit medienerfahrenen Politikern aufgenommen hat.

Spöttischer Spitzname: Zonen-Gabi

Oertel punktet bei den Pegida-Anhängern weniger mit geschliffenen Worten als mit Sätzen wie «an erster Stelle müssen nationale Interessen stehen» oder mit seltsamen Vergleichen wie «in Südafrika gibt es mehr Moscheen als Kirchen». Über Oertel ist ansonsten wenig bekannt. Wie Lutz Bachmann stammt sie aus der nordwestlich von Dresden gelegenen Kleinstadt Coswig, wo sie noch heute lebt. Bachmann und Oertel kennen sich seit Jahren. Ihr Geld verdient sich die einstige FDP-Wählerin als Wirtschaftsberaterin. Deshalb fungiert sie bei Pegida inzwischen als Verein registriert – auch als Verwalterin des Vermögens. Spötter haben ihr schon den Spitznamen Zonen-Gabi verpasst, eine Anspielung auf das äussere Erscheinungsbild der Menschen in der damaligen DDR. Ihre blondierten Haare, die auffällig braun nachgezeichneten Augenbrauen und ihre Kleiderwahl – gelegentlich trägt sie eine Jacke im Leopardenmuster – erinnern tatsächlich bisweilen an die frühen 80er-Jahre. Dazu hat Oertel einen stark sächsisch geprägten Zungenschlag.

Sie steht politisch rechts, darüber gibt es keine Zweifel. Auf Facebook hat sie Thilo Sarrazin («Deutschland schafft sich ab»), die als konservativ bis rechtsextrem geltende Wochenzeitung «Junge Freiheit» oder die Seiten «Gegen Asylbetrug und Überfremdung» oder «Ich bin Patriot, aber kein Nazi» mit «gefällt mir» markiert. Richtet sie das Wort an Pegida-Kritiker, verwendet sie dazu gerne die Einleitung «liebe Gutmenschen». Viel mehr allerdings ist über die Pegida-Frontfrau nicht bekannt. Sie hält sich bedeckt, Privates gibt sie kaum preis.

Oertel wie der Pegida-Durchschnitt

Vermutlich entspricht Oertel schlicht und ergreifend dem Durchschnitt der Pegida-Anhänger. Die Technische Universität Dresden (TU) ist in einer Untersuchung zum Schluss gekommen, dass bei Pegida vor allem eine gut gebildete, berufstätige Mittelschicht mitmarschiert. Das Gros der Teilnehmer schliesst sich dem Protestzug nicht in erster Linie aus Ablehnung gegen den Islam an, sondern aus purer Unzufriedenheit mit der Politik. Eine gestern publik gemachte, allerdings nicht repräsentative Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung bestätigt dieses Bild. Vor allem Männer zwischen 35 und 55 Jahren fühlen sich von Pegida angesprochen, 35 Prozent der befragten Teilnehmer verfügen über einen Universitäts- oder Hochschulabschluss. Offenbar treibt die meisten eine generelle Unzufriedenheit mit den politischen Zuständen um. Gerade einmal 8 Prozent geben an, sie seien mit der aktuellen Lage im Land zufrieden. Die Alternative für Deutschland (AfD) hat bei Pegida mit Abstand die meisten Anhänger.

«Ich bin nicht frustriert»

Ist es also Frust, was Kathrin Oertel antreibt? «Ich bin nicht frustriert», sagte sie in der Sendung Günther Jauch auf eine entsprechende Frage: «Aber man darf in Deutschland über bestimmte Themen wie Migranten nicht diskutieren.»

Übrigens: Pegida ruhte gestern wegen der Terrordrohung nur in Dresden. Dafür gingen die Anhänger der Bewegung gestern in Berlin, München, Düsseldorf und Duisburg auf die Strasse.

Eine Anti-islamische Demonstration der Pegida in Dresden vom 12. Januar. (Bild: EPA)

Eine Anti-islamische Demonstration der Pegida in Dresden vom 12. Januar. (Bild: EPA)