EBOLA: «Es wird getan, was getan werden kann»

Die Situation scheint aus den Fugen zu geraten: Nun ist eine Krankenschwester in Spanien an Ebola erkrankt. Zu einer Epidemie in Europa werde es aber nicht kommen, sagt ein Schweizer Experte.

Aleksandra Mladenovic
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Die neunjährige Nowa wird von Sanitätern zu einer Am-
bulanz gebracht, nachdem sie erste Anzeichen einer Ebola-
Infektion gezeigt hat (Bild aus einem Dorf, nördlich der liberianischen Hauptstadt). (Bild: AP/Jerome Delay)

Die neunjährige Nowa wird von Sanitätern zu einer Am- bulanz gebracht, nachdem sie erste Anzeichen einer Ebola- Infektion gezeigt hat (Bild aus einem Dorf, nördlich der liberianischen Hauptstadt). (Bild: AP/Jerome Delay)

Der aktuelle Ebola-Ausbruch findet kein Ende. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet damit, dass es noch Monate dauern wird, bis die Epidemie eingedämmt ist. In den drei am härtesten von Ebola betroffenen Ländern Liberia, Guinea und Sierra Leone sind mittlerweile über 3400 Menschen dem Virus zum Opfer gefallen – mit über 2000 die weitaus meisten davon in Liberia. Das Virus breitet sich weiter aus: Gestern wurde bekannt, dass sich erstmals eine Person innerhalb Europas mit Ebola infiziert hat. Es handelt sich um eine 40-jährige Krankenschwester, die einen an Ebola erkrankten spanischen Priester in einem Madrider Spital gepflegt hatte, der vor zwei Wochen zur Behandlung aus Sierra Leone nach Madrid gebracht worden und dann dort verstorben war (siehe Box rechts). Mittlerweile wurden drei weitere Personen mit Verdacht auf Ebola in der Klinik isoliert – 22 Personen werden überwacht. Erst Ende September war die erste Ebola-Diagnose ausserhalb Afrikas gestellt worden – als ein Amerikaner aus seiner liberianischen Heimat nach Texas zurückgekehrt war. Der Mann schwebt noch in Lebensgefahr. Christoph Hatz*, Chefarzt des Tropen- und Public-Health-Instituts, erklärt im Interview, weshalb es ausserhalb Westafrikas dennoch keinen Grund zur Panik gebe.

Christoph Hatz, es heisst seit jeher, in Europa hätten wir einen Ebola-Ausbruch nicht zu fürchten. Nun ist es aber zu einer Erkrankung in Madrid gekommen. Der Anfang einer weltweiten Epidemie?

Christoph Hatz*: Das schliesse ich aus. Es ist zu einem ersten Fall gekommen, bei dem sich eine Person ausserhalb Afrikas angesteckt hat – das ist nicht wegzudiskutieren. Wir reden hier aber nicht von einem Ausbruch, sondern von einem Einzelfall. Damit mussten wir rechnen. Dennoch bin ich überzeugt, dass in Europa nicht wirklich das Risiko für eine grössere Ausbreitung besteht.

Was ist in Madrid schiefgelaufen?

Hatz: Dazu gibt es noch keine Informationen, und Spekulationen bringen nichts. Klar ist, dass bereits mit normalen, aber konsequenten Hygienemassnahmen Ansteckungen zu fast 100 Prozent verhindert werden können. Dennoch gibt es immer den Faktor Mensch – Fehler können nun einmal passieren. Wir müssen abwarten, bis über den Fall in Madrid Klarheit herrscht, und dann gegebenenfalls unser Sicherheitskonzept und -dispositiv anpassen. Sicher werden wir unser bestehendes System aber nicht über den Haufen werfen müssen.

Wie sieht dieses aus?

Hatz: Am Unispital Basel, mit dessen Infektiologen das Schweizerische Tropeninstitut eng zusammenarbeitet, wurde 1994 eine Ebola-Patientin von uns betreut. Sie wurde in einem Zimmer mit Unterdruck behandelt. Die Krankheit verlief damals günstig, die Patientin hat sich vollständig erholt. Das Behandlungskonzept wird seit damals in regelmässigen Abständen geübt – jetzt natürlich verstärkt. Das Equipment ist auf dem neusten Stand. Das Personal hat einen Ganzkörperanzug an, in dem Überdruck herrscht, damit keine Viren in den Anzug gelangen können. Zudem wird immer in Zweierteams gearbeitet – indem die Kollegen sich gegenseitig überwachen, passieren weniger Fehler. Es gibt in der Schweiz mehrere Zentren, die Ebola behandeln könnten. In Spiez gibt es zudem ein Hochsicherheitslabor, das die ganze Diagnostik machen kann. Das Bundesamt für Migration klärt ausserdem Migranten und Asylsuchende über Ebola und die entsprechenden Symptome auf.

Immer wieder ist die Rede vom Monitoring. Leute in den betroffenen Gebieten, die mit Ebola-Patienten in Kontakt kommen, werden beobachtet, um sicherzugehen, dass sie das Virus nicht weitertragen. Beim Patienten aus den USA hat das nicht funktioniert: Noch vier Tage vor seinem Rückflug von Liberia über Brüssel nach Texas hatte er eine infektiöse Ebola-Patientin ins Spital getragen. Müsste an den Flughäfen nicht strenger kontrolliert werden?

Hatz: Soll man jeden, der vor einem Flug Sex hatte, unter Quarantäne stellen, weil er HIV haben könnte? Solange ein Ebola-Patient keine Symptome zeigt, ist er nicht ansteckend. Es macht also keinen Sinn, alle Reisenden aus den betroffenen Ländern unter Quarantäne zu stellen. Das eine Promille Risiko bleibt immer. Die Sicherheitsfrage rechtfertigt aber keine übertriebenen Massnahmen. Es wird getan, was getan werden kann.

Dennoch entsteht der Eindruck, dass der Westen das Virus hat wüten lassen, solange es «nur» Afrika betroffen hatte.

Hatz: Sie ziehen voreilige Schlüsse. Ebola wurde vom Westen nicht vernachlässigt. Bislang gab es in Afrika immer nur relativ kleine, lokal beschränkte Ebola-Ausbrüche – in Uganda, dem Sudan und der Demokratischen Republik Kongo. Der aktuelle Ausbruch in einer Region mit schlechter Gesundheitsversorgung hat alle überrascht. Seit Jahren wird an einem Impfstoff für Affen gearbeitet. Nun wird dieser im Schnellzugtempo beim Menschen geprüft. Die Forschungsarbeit wird sehr intensiv betrieben, und die Schweiz ist daran beteiligt. In den kommenden Tagen beginnen die ersten Tests in Lausanne und Genf – getestet wird einer der weltweit einzigen beiden Impfstoffe gegen Ebola, an denen geforscht wird.

Wenn es jetzt plötzlich so schnell geht – warum gibt es diesen Impfstoff nicht bereits längst?

Hatz: Gegen HIV gibt es auch noch keinen Impfstoff, obwohl bereits lange daran gearbeitet wird. Impfstoffe und Medikamente gegen Viren sind generell nicht einfach herzustellen, da diese immer wieder mutieren. Es ist auch nicht klar, ob die Ebola-Impfung, an der nun gearbeitet wird, längerfristig auch bei anderen Epidemien funktioniert. Zudem kostet die Entwicklung eines neuen Medikamentes viel Geld – Geld, das an anderer Stelle nötiger ist. So konnten in den letzten Jahren grosse Erfolge etwa bei Malaria, HIV oder Tuberkulose erzielt werden – im Vergleich dazu gibt es bis jetzt schlichtweg viel zu wenig Ebola-Fälle.

Bei einem Ausbruch dieses Ausmasses müssten doch aber auch die Pharmafirmen von der Entwicklung eines wirksamen Medikaments profitieren.

Hatz: Ebola ist für die Pharmaunternehmen kein Gewinngeschäft, weil das Virus selten ausbricht und meist trotz der aktuellen Epidemie relativ wenige Patienten betrifft. Es braucht zwar das Know-how der Pharmaindustrie, um die Medikamente zu entwickeln, bezahlt wird die Forschung aber grossteils mit Regierungsgeldern. Man muss realistisch bleiben. Die aktuellen Entwicklungen laufen hauptsächlich über den humanitären Sektor.

Nun ist in Uganda auch noch das eng mit Ebola verwandte Marburg-Fieber ausgebrochen – eine Person ist bereits daran gestorben. Wie gefährlich ist dieses Virus?

Hatz: Uganda hat schon mehrere Ausbrüche von Marburg-Fieber erlebt – das Ausmass hielt sich jeweils in Grenzen. Man darf die afrikanischen Länder auch nicht unterschätzen – sie sind auf solche Krankheiten viel stärker sensibilisiert als wir und haben ihre Strategien. Man kann hoffen, dass sich dieser Ausbruch nicht ähnlich entwickelt wie die aktuelle Ebola-Epidemie.

Hinweis

* Christoph Hatz ist Professor für Tropen- und Reisemedizin an der Universität Basel, Chefarzt Schweizerisches Tropen- und Public-Health-Institut sowie Präsident der Fachgesellschaft für Tropen- und Reisemedizin.