Libyen
Ein 73-jähriger General soll Ordnung ins Chaos im Wüstenstaat bringen

General Khalifa Haftar kämpft im Osten Libyens gegen die Terror-Miliz. Der 73-Jährige war unter Gaddafi aufgestiegen, wurde mit der Revolution sein Gegner und ist jetzt wieder ein Hoffnungsträger. Kann er die Erwartungen an ihn erfüllen?

Michael Wrase, Limassol
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General Khalifa Haftar hofft in seinem Kampf gegen die IS-Terroristen auf westliche Militärhilfe.

General Khalifa Haftar hofft in seinem Kampf gegen die IS-Terroristen auf westliche Militärhilfe.

KEYSTONE

Er sei gekommen, um sein Volk im Kampf gegen die Terroristen zu unterstützen, sagte der libysche General Khalifa Haftar, als er im Frühsommer des vergangenen Jahres von Virginia nach Bengasi kam. «Meine Freunde suchten nach einem Retter und fragten mich», sagte der 73 Jahre alte Militär einem Reporter des «New Yorker», der Haftar vieldeutig als «The Unravelling» – «den Enträtselten» – beschreibt.

Von der CIA befreit

Der eher uncharismatische Kommandant der libyschen Streitkräfte war 1969 als junger Offiziersanwärter und Adjutant von Muammar al-Gaddafi am Sturz des libyschen Königs Idris beteiligt. 22 Jahre später geriet Haftar während der libyschen Tschad-Invasion in Kriegsgefangenschaft, aus der er vermutlich von der CIA befreit und an die Spitze der in den USA aufgebauten «Nationalen Libyschen Rettungsfront», einer Miliz von Gaddafi-Gegnern, gestellt wurde.

In den Augen seiner islamistischen Gegner ist Haftar, der sich als «Patriot» auch für kurze Zeit an der libyschen Revolution vor vier Jahren beteiligte, denn auch ein «Agent der CIA». «Der Mann sitzt sicherlich nicht zufällig im Osten Libyens», sagt der österreichische Libyen-Experte Fritz Edlinger gegenüber der «Nordwestschweiz». Haftar vertrete jetzt «die Linie jener starken Männer, welche im Nahen Osten wieder für Ordnung sorgen und die Islamisten in ihre Schranken weisen sollen».

Der General, der auch der «libysche Sisi» genannt wird, ist dabei auf Militärhilfe aus Kairo angewiesen. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützen Haftars Rumpfarmee, die im Osten Libyens im vergangenen Jahr die Operation «Würde» startete. «Wir befinden uns nicht auf dem Weg zur Demokratie. Aber die Terroristen haben zu einer Schlacht aufgerufen, die eine ehrenhafte sein soll», verkündete Haftar damals in einer Fernsehansprache.

Wirklich grosse Erfolge hat der oft eigenmächtig handelnde Libyer bislang nicht vorzuweisen. Von seiner Militärbasis al-Marsch im äussersten Osten des Landes versuchen seine Truppen seit Monaten die teilweise von Dschihadisten kontrollierte Mittelmeermetropole Bengasi zu befreien. «Mit amerikanischer Luftunterstützung wären wir schon ein gutes Stück weiter gekommen», klagen Haftars Frontkommandanten, die sich im Kampf gegen die Dschihadisten vom Westen im Stich gelassen fühlen.

Nach der Enthauptung von 21 ägyptischen Christen durch die Terrormilizen des Islamischen Staates könnte sich dies ändern. Das hoffen zumindest die von Haftar angeführten Gegner der Dschihadisten. Sie sehen sich durch die ägyptischen Luftangriffe auf IS-Stellungen in Derna, einer Kleinstadt östlich von Bengasi, ermutigt. Die Bombardements könnten der Auftakt zu einer gross angelegten Militärintervention der UNO sein, für die sich inzwischen auch der ägyptische General Sisi ausspricht.

Ein «afrikanisches Afghanistan»?

«Wenn der Westen jetzt damit beginnt, die Truppen von General Haftar aufzurüsten und zu unterstützen, dann könnte dies vielleicht zu einer oberflächlichen Beruhigung in Libyen führen», glaubt der Libyen-Experte Edlinger. Eine grundlegende Veränderung der Machtverhältnisse in Libyen im Sinne des Westens sei mit einer Militärintervention aber nicht zu erreichen. Längerfristig werde sich das Land vielmehr in ein «afrikanisches Afghanistan» verwandeln, befürchtet Edlinger, der als Vorsitzender der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen das nordafrikanische Land regelmässig bereist. Auch Ägypten, das Militärhilfe für Haftar offiziell bestreitet, sei mit einer Intervention letztlich überfordert.