Ägypten
Ein Attentat kann das Reisegeschäft beenden: Wer will noch nach Ägypten?

Droht Ägyptens Tourismusindustrie nun dasselbe Schicksal wie der tunesischen? Und: Wo wollen Schweizer Wintermuffel nun hin?

Daniel Fuchs
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An diesem Badestrand von Scharm el-Scheich könnte sich nach dem mutmasslichen Attentat schon bald die Stimmung verschlechtern.

An diesem Badestrand von Scharm el-Scheich könnte sich nach dem mutmasslichen Attentat schon bald die Stimmung verschlechtern.

Keystone/NCH

Ist Ägypten noch sicher? Schweizer finden offenbar: Ja. Bis jetzt brach bei Schweizer Ägypten-Reisenden keine Panik aus. «Von unseren Kunden, die Scharm el-Scheich gebucht hatten, reiste gestern die Hälfte wie geplant», sagt Roland Schmid vom Reiseveranstalter TUI Suisse. «Die anderen buchten auf andere Destinationen wie Thailand oder die Dominikanische Republik um. Manche wechselten einfach an die Westküste des Roten Meeres, sie blieben also Ägypten treu.»

Das Aussendepartement EDA verschärfte seine Reisehinweise nach den sich immer weiter verdichtenden Hinweisen über ein Bombenattentat auf die russische Maschine vor einer Woche nicht. Unverändert warnt das EDA zwar in ganz Ägypten vor Terroranschlägen, von Reisen nach Sharm el-Sheikh rät es jedoch nicht ab. So flogen gestern Schweizer Touristen – wenn auch unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen – in zwei Flugzeugen von der Schweiz nach Scharm el-Scheich.

Was schert uns der Russe?
Während sich in der Schweiz die einen auf den ersten Schnee freuen, planen Wintermuffel ihre Badeferien im Süden. Ägypten und das Rote Meer ist eine ihrer Lieblingsdestinationen. Auf einer Auswertung des Online-Buchungsportals ebookers.ch für die «Nordwestschweiz» liegt Hurghada bei den Buchungen für die Wintermonate auf Rang fünf.

Die Schweizer, die nach wie vor ans Rote Meer reisen ändern jedoch nichts an der Tatsache, welche die Bilder aus Scharm el-Scheich zeigen: Viele wollen nun nichts wie weg. Noch ist unklar, wie hart das Unglück Ägyptens Tourismusindustrie treffen wird. Fest steht: Der russische Markt dürfte zusammenbrechen. Darin sind sich Experten wie der Tourismusforscher Urs Wagenseil und der Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands Walter Kunz einig.

Dahinter steckt ein zynisches Gesetz der Betroffenheit. Es manifestierte sich zum Beispiel nach dem Attentat in Luxor vor bald 20 Jahren, bei dem viele Schweizer unter den Opfern waren. Nach dem ersten Schock, als die Besucherzahlen längst wieder anzogen, trauten sich die Schweizer immer noch nicht in die Stadt am Nil. Kunz vom Reise-Verband sagt: «Es klingt unmenschlich, ist aber so: Wenn Schweizer von einem Attentat betroffen sind, dann reagieren sie sensibler als bei einem Absturz einer russischen Maschine.»

Die Chance für Ägypten
Badegäste versprechen Masse, Ägypten verspricht Badeferien. Die Südtürkei, Tunesien oder auch die Kanaren liegen zwar ähnlich nah von Europa, im Winter ist es aber dort für Strandferien bereits zu kalt. Ein Faktor, der für Ägypten sprechen könnte. «Es gibt keine andere Destination, die für Badeferien mit angenehm warmen Temperaturen näher liegt und mehr Abwechslung bietet», wirbt Kunz.

Wichtiger aber bleibt die Frage: «Ist das Land noch sicher?» Man stellte sie schon nach den Attentaten in Tunesien, Marokko, Bali, Kenia, Thailand. Und vielleicht kommen schon bald weitere Ferienländer dazu. Die Türkei zum Beispiel, wo schon lange vor Anschlägen des IS die Angst umgeht und Pessimisten nach dem Wahlsieg Erdogans vor einem Bürgerkrieg warnen. Oder auf den Malediven, wo nach einem angeblichen Attentatsversuch auf den Präsidenten der Notstand ausgerufen worden ist. Wann erschüttern dort Schüsse am Strand, in Museen und Einkaufszentren oder eine Bombe im Flieger, auf dem Marktplatz und in der Disco die Tourismusindustrie?

Mit jedem Attentat, worüber wir lesen, scheren wir uns etwas weniger um eine Antwort. Es ist die Macht der Gewöhnung. Und trotzdem stürzt ein Attentat ganze Industriezweige, die am Tourismus hängen, ins Elend.

Das Drama der Tunesier
Am besten verdeutlicht dies Tunesien, das Land, in dem die Revolten des Arabischen Frühlings von 2012 begannen. Nach Ausbruch der Revolution brachen die Zahlen in ganz Nordafrika regelrecht weg, wie eine Trendkurve von ebookers.ch belegt. In Tunesien resultierte immerhin so etwas wie eine nordafrikanische Vorzeigedemokratie und die Tourismusindustrie erholte sich ein wenig.

Was aber nützt den Menschen Demokratie ohne wirtschaftliche Basis? Gar nichts, erkannten die Terroristen und luden die Magazine ihrer Kalaschnikow. Mit ihren Anschlägen von diesem Jahr auf ein viel besuchtes Museum und einen Badestrand brachten sie nicht nur die lebenswichtige Tourismusindustrie an den Rand des Abgrunds, sondern das Land auch vor eine Zerreissprobe.

Nur eine Minderheit der Reisenden sagt sich: «Ich verzichte doch nicht auf diese Reise, damit würde ich den Terroristen nur dabei helfen, ihr Ziel zu erreichen.» Das ist auch bei den Schweizern so. Sie sind eine reisefreudige Bevölkerung. «Der Markt ist sehr dynamisch», sagt ein Kuoni-Sprecher. Das heisst: Die Schweizer lassen sich von den Problemen in Nordafrika nicht die Ferien vermiesen. Sie gehen einfach woanders hin: auf die Kanaren, in die Karibik, nach Asien oder in die Arabischen Emirate.