Silvio Berlusconi
Ein ehemaliger Staubsauger-Verkäufer, der die Politik als Privatzirkus versteht

Silvio Berlusconi steht vor dem politischen Aus. Denn heute fällt das letztinstanzliche Urteil im Mediaset Prozess. Berlusconi setzte alles auf ein Leben nach dem Scheinprinzip seiner TV-Epoche.

Max Dohner
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Silvio Berlusconi bei den Wahlen 2001

Silvio Berlusconi bei den Wahlen 2001

Keystone

Vielleicht stand Pietro Ostuni unwillkürlich auf, sobald ihm klar wurde, wer am Telefon war. An jenem 27. Mai 2010. Etwas schneller wird sein Puls jedenfalls geschlagen haben. Ostuni war in Mailand Chef der Polizei. Die hatte eben ein Flittchen eingefangen, das Polizistin werden wollte, aber Schmuck gestohlen haben soll: hübsch, 17-jährig und Routine – bis das Telefon läutete.

Am Apparat war Silvio Berlusconi, Italiens Ministerpräsident. Er dürfte gegrinst haben, so wie er in solcher Angelegenheit gerne grinst: Man solle doch das Flittchen freilassen beziehungsweise seiner Vertrauten übergeben, Nicole Minetti, zuständig für die «Mundhygiene» des «Cavaliere».

Damals war Berlusconi 74. Er geriet in einen Protesthagel, der selbst heute weder abgeebbt noch juristisch ausgestanden ist. Dazu überschüttete ihn Gelächter, als müsse er alle Sabbermolche und Hahnreis aller jemals rund um den Globus aufgeführten Dorfschwänke in einer Person verkörpern. Berlusconi verkroch sich nicht; er baute die Rolle eher aus: «Ich bin absolut ruhig. Es ist besser, einer schönen Frau ins Gesicht zu blicken, als schwul zu sein.»

Der Mediaset-Prozess

Im Verfahren um den Erwerb von Filmrechten für sein Medienunternehmen Mediaset hatte ein Mailänder Berufungsgericht Berlusconi im Mai zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Gleichzeitig verbot es dem Chef der Partei «Volk der Freiheit» (PdL), für fünf Jahre öffentliche Ämter auszuüben.

Sollte das Kassationsgericht in Rom dieses Urteil bestätigen, könnte Berlusconi sein Amt als Senator verlieren. Allerdings muss der Senat entscheiden, ob Berlusconi sein Amt sofort oder erst nach Ende der Legislaturperiode verliert. Die PdL droht mit dem Austritt aus der Regierungskoalition, falls Berlusconi seinen Senatssitz sofort verliert.

Die Mailänder Richter sahen es im Mai als erwiesen an, dass Berlusconi seit den 1980er-Jahren ein System aus Scheinfirmen eingerichtet hatte. Durch den fiktiven Kauf der Filmrechte über diese Zwischenhändler seien die Preise künstlich in die Höhe getrieben worden. Dabei habe Berlusconi 280 Millionen Euro an der Steuer und den Aktionären vorbei an Schwarzgeldern eingenommen.

Berlusconi erklärte unterdessen, er sei bereit, ins Gefängnis zu gehen. «Ich bin kein Krimineller, der neu erzogen werden muss. Ich bin fast
77 Jahre alt und hätte Recht auf Hausarrest. Sollte ich verurteilt werden, und wenn das Gericht diese Verantwortung übernimmt, gehe ich ins Gefängnis», sagte er der Mailänder Tageszeitung «Libero». Zugleich verteidigte er sich: «Ich war damals Ministerpräsident, was wusste ich schon von Verträgen über Fernsehrechte.» (dhe)

Höchstens am Rand erwähnt wurde die Kehrseite des Skandals; ihr gebührte mindestens die gleich helle Empörung: Warum liess die Polizei so willfährig, nur aufgrund eines Anrufs, eine verdächtige Person laufen?

Diese Ambivalenz (um nicht Heuchelei zu sagen) fällt fast überall auf, wo vom schlimmen Finger Silvio die Rede ist. Ein Kreis von Gerechten treibt den anmassenden Hanswurst in die Mitte, um ihn zu schmähen, zu verlachen, zu geisseln. Und hebt ihn anschliessend wieder auf den Schild. Wie einen musterhaften Heros, dem die platteste TV-Lebensutopie gelang: Kohle, Macht und Lust schamlos zu vereinen. Der Spiesser-Zyniker fühlt sich bestätigt. Und fällt dann wieder über den Mann her, sobald keine Aussicht besteht, sich jemals selber ein schein-vitales Stück vom «Berlusconismus» abzuschneiden. All das Hin- und Herwogen, verstörende Bewunderung und durchzogener Hass, maskiert sich als «Demokratie».

Warum nicht einmal den Blick auf den äusseren «Kreis» richten bzw. die Kreise? Ohne im Mindesten dabei Berlusconi als Figur aufzuhellen, geschweige denn reinzuwaschen.

Wenn der «Cavaliere» in ein Milieu gebettet wird, dann insofern, als er fleischgewordene Folklore sein soll, ein nationaler Prototyp. Der «klassische Italiener»: wendig, grossspurig, schlau, charmant und verschlagen. Furbizia persönlich.

Dabei fällt, je länger man sich durch viele Porträts und Charakterstudien liest, desto deutlicher auf, dass der Mann ein Pierrot seiner Zeit ist. Nutzniesser eines doppelschichtigen Booms – oder einer homogenen Erosion. Obwohl er als Baulöwe gestartet ist, blieb er ein Zampano der Unterhaltungswirtschaft.

Als Politiker, heisst es, habe er den Staat nur als Privatladen verstanden. Vielleicht eher als Privatzirkus. Das Chapiteau bilden die Lichterdome der Kameras und Medien-Scheinwerfer. In der Manege hat alles Platz. Ganz gleich, woher die Tiere, Akrobaten und Clowns stammen – aus der Wirtschaft, aus der Politik, aus dem Cabaret – alle kann der Impresario tanzen lassen. Und nichts hat eine weitergehende Bedeutung als einen spezifischen, aufregenden oder langweiligen Attraktionswert im grossen Zirkus, genannt «Patria».

Das ist keine tyrannische Spielanlage von Silvio Berlusconi selbst. So windig baute sich in den letzten fünfzig Jahren beinahe überall die Zeit zusammen, während alte sklerotische Gefüge nahezu von allein krachten. Berlusconi hat das zuerst geschickt genutzt und dann abgekocht selber weiterbetrieben. Wann genau er dafür «die Handschuhe auszog», um ein Wort von Al Capone zu verwenden, das nicht weit vom Kontext liegt, ist schwer zu sagen.

Lassen wir mal den anekdoten-hübschen frühen Staubsauger-Verkäufer Berlusconi und Conférencier auf Kreuzfahrtschiffen beiseite, auch wenn er dort gelernt haben muss, wie man Leute einseift. Lassen wir auch den Werbe-Tausendsassa beiseite, der viele klebrige Netze knüpfte, die er später zweitnutzte fürs politische Geschäft. Fangen wir in den 60er-Jahren mit dem Baulöwen an.

Wenn andere Spekulanten seelenlose Trabantenstädte aus dem Boden stampften, so werden Berlusconis Wohnanlagen in «Milano Due» heute noch gerühmt. Als dann das Fernsehen liberalisiert wurde, verkabelte Berlusconi das Quartier, baute aus – auf Mailand, schliesslich auf ganz Italien. Geist kränkelte ihn nicht an. Fussball, «Dallas» und «Denver Clan» machten aus dem Netzwerk, zusammen mit eigenhändig verkauften Fernsehspots, eine Geldmaschine.

Berlusconi war bei weitem nicht der Einzige, der Legitimation allein aus der Quote ableitete. Daneben dankte die Politik vom alten Schlag ab. Die mauschelte auf ihre Weise genug: Die Märkte wurden im staatswirtschaftlich organisierten Italien gern unter Klientel und Freunden verteilt. Infolgedessen hatte Berlusconi von Anfang an gewichtige Feinde. Er agierte zuerst allein, mit seiner Waschmittelreklame-Verve und mit seinen Sendern als Resonanzkörper, die ihm die Wähler 1995 guthiessen!

Dann kamen mannigfache, kaum durchschaubare Spielchen mit Verbündeten, Gegnern oder Abtrünnigen. Das alles kann man unter «politisches Grundhandwerk» subsumieren, bis hin zu Uhrengeschenken an Abgeordnete, Schmuck für die Gattinnen von Führungsleuten, auch wechselseitiger Anschwärzung unlauterer Machenschaften. Das Ergebnis war Stillstand, wirtschaftspolitisch fatal als Reformstau, zunehmend begleitet von einer pennälerhaften «Prostitutokratie», die Berlusconi privat einrichtete, ohne privat und öffentlich länger trennen zu können.

Trotzdem: Wenn in der «guten alten Filzokratie» Italiens Wackelregierungen durchschnittlich noch elf Monate lang durchhielten, so war Berlusconi der Erste, der eine fünfjährige Amtszeit überstand. Er, der 1995, beim ersten Versuch als Ministerpräsident, noch verhöhnt worden war, er finde im Palazzo Chigi, im Amtssitz, wohl das Ruder nicht.

Ob Italien, nach dem Fall des Berlusconi-Kartenhauses, sich neu und verlässlich aufbauen kann, ist ungewiss. Die globalisierte Schlaumeierei in der Schnittmenge von Geld und Show hat abgewirtschaftet. Berlusconi hat das wie kein Zweiter auf die Risikospitze getrieben. So gesehen, ist Italien kein Einzelfall. Vor der Krise der Demokratie dort, kann bald auch die übrige Gemeinschaft stehen.