Ein Ironman für Brüssel

Alexander Stubb will EU-Kommissionspräsident werden. Der ehemalige finnische Premierminster geht als Aussenseiter ins Rennen um das Spitzenamt. Doch er verfügt über einen langen Atem.

Drucken
Teilen
Alexander Stubb kündigte am Dienstag im EU-Parlament in Strassburg seine Kandidatur an. (Bild: EPA (Strassburg, 2. Oktober 2018))

Alexander Stubb kündigte am Dienstag im EU-Parlament in Strassburg seine Kandidatur an. (Bild: EPA (Strassburg, 2. Oktober 2018))

Wer mit Alexander Stubb mithalten will, muss früh aufstehen. Sehr früh sogar. Schon um 4.30 Uhr sei er auf der Matte gestanden, schrieb der finnische Ex-Premier am Dienstag seinen 370 000 Followern auf Twitter. Die Botschaft: Er ist mehr als bereit für das, was er am Nachmittag im Strassburger EU-Parlament ankündigen sollte. Der 50-Jährige steigt ins Rennen um die Nachfolge von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

Der 50-jährige Stubb ist Vize-Präsident der Europäischen Investmentbank (EIB) in Luxemburg und war bis 2015 während rund eines Jahres finnischer Regierungschef. Davor amtete er mehrere Jahre als Aussen- und Finanzminister. Seit langem gilt Stubb als möglicher Bewerber für einen der europäischen Spitzenjobs. Als der Brexit-Verhandler Michel Barnier vergangene Woche eine eigene Kandidatur ausschloss, sah er seine Chance gekommen. Am Schluss dürfte die interne Ausmarchung der europäischen Christdemokraten (EVP) Anfang November zwischen ihm und dem CSU-Mann Manfred Weber stattfinden, dem EVP-Chef im EU-Parlament.

Dabei gilt der Finne als der klare Aussenseiter. Weber ist in Brüssel bestens vernetzt und kann auf Unterstützung der einflussreichen deutschen Abgeordneten und Kanzlerin Angela Merkel zählen. Trotzdem wäre es unklug, den smarten Finnen mit den schnittigen Anzügen zu unterschätzen. Stubb gilt als ebenso kompetent wie ehrgeizig. In seiner Freizeit betreibt er Marathon und Triathlon. 2016 beendete er erfolgreich den Ironman in Hawaii.

Stubb doktorierte an der London School of Economics und spricht neben Finnisch und Schwedisch auch fliessend Englisch, Französisch und Deutsch. Auf diversen Social-Media-Plattformen präsentiert sich der Sonnyboy mit Zahnpasta-Lächeln als aktiver, lebensfroher Mensch. Stubb ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Ein smarter Mann mit schnittigen Anzügen

Politisch gilt er als gemässigter Konservativer etwas links der Mitte. Im Gegensatz zu Weber weiss Stubb sich klar zu umstrittenen Figuren wie dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban abzugrenzen. Bei den Werten in der EU sei er nicht zu Diskussionen bereit, so Stubb. Zu einem möglichen Ausschluss Orbans von den europäischen Christdemokraten sagte er unmissverständlich: «Entweder man ist mit uns oder andernorts». Stubb hat Erfahrungen mit Populisten. In seinem Heimatland gehörten die «Wahren Finnen» bis 2017 der Regierung an. Stubb meint: «Ich sage nicht, dass das Populisten-Umarmen funktioniert. Aber wir müssen zuhören, was diese Leute zu sagen haben».

Dass er aus einem kleinen Mitgliedsland mit bloss 5,5 Millionen Einwohnern kommt, sieht Stubb nicht als Nachteil. Tatsächlich wäre die Zeit für einen ers-ten EU-Kommissionspräsidenten aus dem skandinavischen Norden allmählich reif. Ausserdem könnte Stubb eine vala- ble Alternative für alle EVP-Abgeord­neten sein, die finden, Deutschland verfüge schon über zu viel Macht.

Um seiner Kandidatur Schwung zu verleihen, hat Stubb jetzt erst einmal fünf Wochen unbezahlten Urlaub für eine Tour durch möglichst viele EU-Länder genommen. Die Puste wird ihm sicher nicht ausgehen.