Simbabwe
Ein Jahr nach Mugabe: 100 Dollar für einen Sack Hundefutter

Vor einem Jahr fuhren in Simbabwes Hauptstadt die Panzer ein und die Mugabe-Diktatur endete. Heute sind 90 Prozent arbeitslos und ein Sack Hundefutter kostet 100 Dollar.

Markus Schönherr
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Am 20. November 2017 spricht Mugabe am Fernsehen eine Rede zur Nation. Eigentlich war erwartet worden, dass er seinen Rücktritt verkündet. Das unterlässt er aber, obwohl er von seiner Partei Zanu-PF als Vorsitzender abgesetzt und seine Frau aus der Partei ausgeschlossen wurde. Einen Tag später tritt er dann doch noch zurück. Damit endet eine 37 Jahre lange Ära.
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Robert Mugabe (Mitte) 1976 mit anderen Vertretern der Patriotischen Front an der Rhodesien-Konferenz in Genf: Mugabe nahm an Verhandlungen mit dem rhodesischen Ministerpräsidenten Ian Smith zum sogenannten Kissinger-Paket teil.
Mugabe war Anführer im Unabhängigkeitskampf. Simbabwe war eine britische Kolonie. (Bild von 1979)
Robert Mugabe kommt 1980 mit der Unabhängigkeit von Simbabwe, dem ehemaligen Rhodesien, an die Macht. Mugabe während des Wahlkampfs 1980.
Mugabe gilt in den 80ern als Hoffnungsträger Afrikas.
Simbabwe ist reich an Bodenschätzen und gilt wegen seiner produktiven Landwirtschaft (mit 5000 weissen Farmern) als Brotkorb von Afrika.
Mugabe trifft sich 1995 US-Präsident Bill Clinton.
Doch Mugabe füllt seine eigenen Taschen und die seiner Anhänger. Er wird zum Despoten, lässt 1999/2000 zirka 4500 weissen Farmer enteignen. Seine Anhänger übernehmen die Farmen, haben aber nicht das nötige Landwirtschafts-Know-How. Das Bild zeigt Mugabe mit seiner zweiten Frau Grace Mugabe, seiner ehemaligen Sekretärin. Er hatte mir ihr bereits eine Affäre, als seine erste Frau an Krebs erkrankt war und starb.
Ein Wahlkampf-Poster von 2008: Unschwer zu erraten, dass es sich nicht um demokratische Wahlen handelte.
2011: Mugabe trifft Fifa-Präsident Sepp-Blatter, der in Simababwe auf Besuch ist.
Mugabe wirtschaftet Simbabwe zu Grunde. Negativer Höhepunkt ist die Hyperinflation 2009, in deren Folge Simbabwe die eigene Währung abschafft und den US-Dollar zur offiziellen Währung macht.
Der stürzende Mugabe - ein Bild mit Symolkraft. Aufgenommenwurde es im Februar 2015 beim Treffen der Afrikanischen Union in Äthiopien.
Mugabe feierte grosse Geburtstagspartys. Sie sollen Millionen gekostet haben. Beim Volk kam das nicht gut an - kein Wunder bei Armut und 90 Prozent Arbeitslosigkeit. Millionen Simbabwer flüchteten in der Not nach Südamerika. Dort sind sie als Arbeitskräfte, etwa im Gastgewerbe, kaum wegzudenken.
Mugabe (93) machte mit seinen Auftritten in den letzten Jahren Negativschlagzeilen: Er schlief an offiziellen Anlässen immer wieder ein.
Mugabe und seine zweite Ehefrau Grace. Wegen ihrer Prunk- und Shoppingsucht erhielt sie den Übername Grace "Gucci" Mugabe.
Mugabe und sein ehemaliger Vizepräsident Emmerson Mnangagwe im 2016. Eine Woche vor dem Militärputsch feuerte Mugabe seinen Vertrauten. Mnangagwe war jahrelang der Mann fürs Grobe an der Seite von Mugabe. Er gilt als reichster Mann Simbabwes und trägt den Übernamen "Krokodil" - weil er im richtigen Moment schnell zuschlägt.
Mugabe wollte seine Frau Grace zur neuen Vizepräsidentin machen. Das war einer der Gründe für den Militärputsch. Den Grace Mugabe geniesst beim Militär, anders als Mnangagwe, kein Ansehen. Sie ist auch bei der Bevölkerung unbeliebt.
Am 16. November 2017 kommt es in Simbabwe zum Miltär-Putsch: Das Militär nimmt Vertraute von Mugabe fest und setzt ihn unter Hausarrest.
Die Zeitungen in Simbabwe feiern den Putsch.
Die Militärführung will Mugabe dazu bringen, freiwillig zurückzutreten. Doch der weigert sich. Immerhin darf er an einer Zeremonie der Freien Universität nahe Harare teilnehmen - so wie das schon lange zuvor vorgesehen war.
Am 21. November gehen wieder Tausende auf die Strassen. Hier fordern sie vor dem Parlamentsgebäude in Harare die Absetzung von Mugabe. Im Parlament wird das Amtsenthebungsverfahren gestartet.
Robert Mugabe

Am 20. November 2017 spricht Mugabe am Fernsehen eine Rede zur Nation. Eigentlich war erwartet worden, dass er seinen Rücktritt verkündet. Das unterlässt er aber, obwohl er von seiner Partei Zanu-PF als Vorsitzender abgesetzt und seine Frau aus der Partei ausgeschlossen wurde. Einen Tag später tritt er dann doch noch zurück. Damit endet eine 37 Jahre lange Ära.

THE HERALD HANDOUT

Im Supermarkt bleiben die Regale leer, in Apotheken fehlen Medikamente. Stundenlanges Anstehen um ein paar Liter Benzin – so sieht in Simbabwe der «Neuanfang» aus. Damit hatte beim Sturz des Diktators vor einem Jahr niemand gerechnet.

«Ich verspreche, dem Inhaber auf Verlangen zwei Dollar auszuzahlen» – dieser Satz bestimmt derzeit die Leben von 17 Millionen Simbabwern. Gedruckt steht er auf der offiziellen Währung des südafrikanischen Landes: Schuldscheinen. Vor einem Jahr begann in Simbabwe mit dem Sturz von Diktator Robert Mugabe eine neue politische Zeitrechnung. Die Probleme sind geblieben.

«In Simbabwe bejubeln immer noch viele den versprochenen Neuanfang, jedoch verlieren sie kein Wort darüber, dass die gesamte Mugabe-Infrastruktur nach seinem Abgang bestehen blieb», sagt Justice Malala, einer der angesehensten Politologen im südlichen Afrika. Simbabwe steht nach 37 Jahren Mugabe-Diktatur am Scheideweg. Vor genau einem Jahr waren durch die Strassen der Hauptstadt Harare die Panzer gerollt. Innerhalb einer Woche zwang die Armee Mugabe zum Rücktritt und erklärte die Regierungszeit des autoritären Greises für beendet. Zugleich sollte der Machtwechsel einen Schlussstrich ziehen unter Menschenrechtsvergehen und wirtschaftlichen Stillstand. Die Arbeitslosigkeit in der verarmten Nation schwankt zwischen 80 und 90 Prozent.

Die Probleme liegen tiefer

Im Juli fanden Präsidentschaftswahlen erstmalig ohne Mugabe statt; dessen umstrittener Nachfolger Emmerson Mnangagwa wurde zum Sieger erklärt. Der Politiker mit Spitznamen «Krokodil» versprach der Nation einen «Neuanfang». Doch kaum vier Monate danach befindet sich Simbabwe fest im Griff einer Wirtschaftskrise. Im Oktober schlossen mehrere Fastfood-Restaurants und Supermärkte ihre Tore, da mit jeder Öffnungsstunde wirtschaftlicher Verlust drohte. Die Simbabwer fühlten sich an die Hyperinflation von 2008 zurückerinnert. Nach dem Kollaps des Simbabwe-Dollars wurde der US-Dollar zum offiziellen Zahlungsmittel. Sein Wechselgeld an der Supermarktkasse durfte man damals selbst auswählen: Einen Lutscher, eine Handvoll Kaugummis oder einen handgeschriebenen Schuldschein über ein paar Cent. Auch jetzt ist die Situation gezeichnet von einem Mangel an harter Währung.

Eigentlich sollten Schuldscheine («Bond notes») und elektronisches Geld den US-Dollar im Kurs 1:1 ersetzen. Trauen will dieser Währung aber niemand recht. Am Schwarzmarkt erhält man für einen US-Dollar bis zu zehn «Bond notes». Das führte zu teilweise irrwitzigen Preisen im Supermarkt: Knapp 100 US-Dollar für einen Sack Hundefutter oder 55 Dollar für einen Kilo Billigkäse. Krankenhausärzte und Lehrer gingen jetzt auf die Strasse: Sie verlangten von der Regierung, mit «richtigem Geld» bezahlt zu werden.

Steven Gruzd ist Experte für Regierungsführung am Südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten (SAIIA). Ihm zufolge sei die Hoffnung auf einen Simbabwischen Frühling voreilig gewesen: «Nachdem das Volk den Fall eines Autokraten ausreichend gefeiert hat, erkennt es, dass die Probleme tief in Struktur und System sitzen. Sie gehen weit über eine Einzelperson hinaus.»

Noch ein weiter Weg

Auch was Menschenrechte und freie Meinungsäusserung angeht, sorgte Mnangagwa in seinem ersten Amtsjahr für Stirnrunzeln. Nach den Wahlen, die laut Opposition von Betrug bestimmt waren, brachen in Harare Proteste aus. Dabei töteten Soldaten unbewaffnete Demonstranten. Zumindest setzte der Neopräsident eine Untersuchungskommission ein, die herausfinden soll, wie es zu dem Blutbad kam. Es sind diese Signale, die viele Simbabwer und internationale Beobachter hoffen lassen. So versucht die Regierung derzeit etwa auch, 40 Millionen US-Dollar aufzutreiben; damit sollen weisse Farmer entschädigt werden, die von Mugabes Regime von ihrem Land vertrieben wurden.

Doch Regierungskritiker bleiben skeptisch. Für Aufsehen sorgte vor kurzem der Oppositionsführer Nelson Chamisa mit der Behauptung, nur knapp einer Entführung durch den Geheimdienst entkommen zu sein. Auch Politologe Gruzd sieht in Simbabwe ein Bild wie in vielen anderen Staaten Subsahara-Afrikas, in denen eine repressive, korrupte Elite die nächste ablöst: «Nicht selten ist es ein Parteigenosse, der an die Macht kommt und sich derselben Gesetze und Praktiken bedient wie der alte Herrscher. Gute Regierungsführung hat in Afrika noch einen weiten Weg vor sich.»