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Serbien 20 Jahre nach dem Krieg: Ein Land auf Identitätssuche

Am 24. März 1999 hat die Nato mit dem Bombardement Serbiens begonnen. 20 Jahre später zeigt sich das Land in einem diffusen Zustand zwischen zögerlichem Optimismus, Misstrauen und Lethargie.
Sasa Rasic, Belgrad
Souvenirladen in der Knez Mihailova, einer der bekanntesten Strassen der serbischen Hauptstadt. (Bild: Mustafa Ozturk/Getty (4. März 2018))

Souvenirladen in der Knez Mihailova, einer der bekanntesten Strassen der serbischen Hauptstadt. (Bild: Mustafa Ozturk/Getty (4. März 2018))

Es war der letzte Akt des definitiven Zerfalls Jugoslawiens. Nach dem blutigen Untergang des Vielvölkerstaats auf dem Balkan in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre herrschte ab dem 24. März 1999 wieder Krieg in Europas Hinterhof.

Doch diesmal gab es eine neue Komponente: Zu den einheimischen Völkern, die einander zu dezimieren versuchten und sich in einer eskalierenden Gewaltspirale wiederfanden, gesellte sich das grösste Verteidigungsbündnis der Welt – die Nato. Darunter auch Deutschland, dessen damalige rot-grüne Regierung sich in einem moralischen Dilemma befand. Und so fielen 58 Jahre nach dem letzten Mal im Jahre 1941 erneut Bomben auf Belgrad.

78 Tage Bombenhagel

Wie konnte es so weit kommen? Der Westen konnte die zunehmenden Berichte über ethnische Säuberungen an Albanern nicht länger ignorieren. Bereits im vorherigen Balkan-Krieg liess das Massaker von Srebrenica von 1995, bei dem 8000 Bosniaken umgebracht wurden, die westliche Gemeinschaft alles andere als gut dastehen. Das schwerste Kriegsverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wurde praktisch vor den Augen machtloser UNO-Truppen begangen – und das just an einem Ort, welchen die UNO als sicheres Gebiet deklariert hatte. Ein derartiges Versagen der internationalen Gemeinschaft darf es nicht mehr geben – um keinen Preis – lautete der Tenor. Diplomatische Bemühungen um Vermittlung zwischen der Regierung (Rumpf-)Jugoslawiens, welches aus Serbien und Montenegro bestand, und der politischen Vertretung der Albaner im Kosovo blieben fruchtlos. Deshalb entschied sich die Nato unter der Führung der USA für ihren ersten Kampfeinsatz ohne Zustimmung des UNO-Sicherheitsrats. Im Rahmen der als humanitären Intervention bezeichneten Aktion folgten 78 Tage Bombardierung von militärischen und zivilen Objekten. Das Resultat: um die 500 tote Zivilisten und ein de facto unabhängiger Kosovo.

Partymetropole Belgrad

20 Jahre später präsentiert sich Belgrad als weltoffene Metropole. Bei jungen Touristen, die fast überall in der Stadt anzutreffen sind, hat sich Serbiens Hauptstadt mit ihrem vibrierenden Nachtleben den Ruf als Partydestination erarbeitet. Die Wirtschaft ist 2017 leicht um 1,9 Prozent gewachsen, die Weltbank erwartet für das Jahr eine Zunahme der Wirtschaftsleistung von bis zu 4 Prozent. Über die Vergangenheit wird ungern geredet – es scheint, als ob man fast abergläubisch die optimistischen Wirtschaftsaussichten nicht mit politischen Kommentaren sabotieren will.

Zudem beschäftigen aktuelle Pro­bleme deutlich mehr. Wenn demons­triert wird, dann gegen den autoritären Regierungsstil von Präsident Aleksandar Vucic. Oder wie letzten Donnerstag wegen noch konkreterer Probleme, beim Protest einer Interessengruppe von Personen, die Kredite in Schweizer Franken aufgenommen haben. Sie fordern von der Regierung Hilfe für die durch Währungsschwankungen astronomisch angewachsenen Kreditraten.

Auf die regelmässigen Anti-Vucic-Proteste angesprochen, erntet man von den Einheimischen fast immer dieselben Kommentare: «Das ist etwas für Leute, die sich für Politik interessieren.» Auf die Bombenkampagne der Nato angesprochen, ist oft Schweigen die Antwort. Dies spiegelt sich auch im Fernsehprogramm wider. Der staatliche Sender RTS sendet im Vorfeld einen zehn Jahre alten Dokumentarfilm über die Nato-Aktion. Privatsender zeigen eine Talkrunde mit Ärzten, in der über die langfristigen Ge­fahren der mit abgereichertem Uran versehenen Nato-Bomben debattiert wird. Auch bei den Fragen aus dem Publikum herrscht Fokus auf die Zukunftsperspektive: Wie können wir unsere Kinder und uns schützen?

Fokus auf eigene Opfer

Bei einem Bier oder ein paar mehr in den mit Cafés gesäumten Flaniermeilen kommt man doch noch ins Gespräch und kann auch einigermassen über die heikle Vergangenheit diskutieren. Etwa mit Dragoljub, der seinen Nachnamen für die Zeitung nicht nennen will («Entweder mein Nachname oder Diskussionen über Politik, nicht beides»). Die Ausführungen des 60-jährigen Taxifahrers über den Krieg zeigen einen deutlichen Fokus auf die serbischen Opfer. Über die Gewalt im Kosovo selbst wird kaum gesprochen, dafür umso mehr über die Leiden durch die Bomben auf serbische Städte. «Die Nato wollte also die Zivilisten im Kosovo mit einer humanitären Intervention schützen – indem sie serbische Zivilisten bombardiert», sagt er mit bitterem Spott. Die im Vorfeld als chirurgisch präzis angepriesenen Luftschläge haben ihren Namen bei einigen Vorfällen kaum verdient. Bei uns wohl am deutlichsten in Erinnerung ist die fälschliche Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad, bei der drei chinesische Reporter ums Leben gekommen sind. Die Aufzählung wird vorgesetzt: die Bombardierung eines Reisecars bei der Ortschaft Luzane – 46 tote Zivilisten, gleich zwei Raketenabschüsse auf denselben Passagierzug bei Grdelica – mindestens 20 tote Zivilisten.

Doch auch bei Dragoljub beisst man bei einigen Themen auf Granit. Über die Zukunft des Kosovos mag er nicht diskutieren. Wie sieht es mit dem Rest Serbiens aus? Die grosse Frage ist, wo sich Serbien in der internationalen Gemeinschaft sieht. Ist es die EU-Kandidatur mit einem derzeit wohl für viele in der Bevölkerung unvorstellbaren Beitritt zur verhassten Nato, wie es der Nachbarstaat Montenegro plant? Oder liegt die Zukunft doch bei der historisch gewachsenen Liebe zum grossen Bruder Russland? «Die EU im Kopf, Russland im Herzen», ist ein verbreitetes Bonmot in Serbien. Was ist es nun, Russland oder EU? «Das mir in der Frage nur zwei Machtblöcke und nicht auch Serbien zur Auswahl gegeben wird, ist vielsagender als jede Antwort», sagt Dragoljub.

Den sarkastischen Umgang mit der schwierigen Vergangenheit und der ebenfalls nicht einfachen Zukunft in Serbien zeigt sich exemplarisch – wie könnte es auch anders sein – an einem speziellen Café. Im Lokal Pavle Korcagin ist das Thema die Nostalgie für die «guten, alten Zeiten» im Sozialismus. Regelmässig werden dort Speisen aus verschiedensten Winkeln der Welt – von Spanien bis Jamaika – zubereitet. Die Auswahl ist jedoch nicht willkürlich: Das Lokal serviert nur Gerichte aus Ländern, welche den Kosovo nicht als Staat anerkannt haben.

Die besondere Beziehung der Schweiz zum Kosovo

Die Schweiz spielt eine grosse Rolle für den jüngsten Staat Europas. Die Eidgenossenschaft anerkannte als einer der ersten Staaten die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos 2008. Eine treibende Kraft dahinter war alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, welche als Aussenministerin den Begriff der «aktiven Neutralität» prägte. Sie stattete dem neuen Staat auch als eine der Ersten einen Staatsbesuch ab. Weiterhin leistet auch die Schweizer Armee im Rahmen des Swisscoy-Einsatzes Friedenssicherung im Kosovo. Ihr Mandat wird regelmässig vom Parlament überprüft und kann jeweils um drei Jahre verlängert werden. Das aktuelle Mandat läuft bis Ende 2020.

Der Kosovo-Krieg brachte auch grosse Veränderungen für die albanische Bevölkerung in der Schweiz. Während im Zuge der Arbeitermigration ab den 1970er-Jahren die Zahl der Kosovo-Albaner in der Schweiz auf einige tausend geschätzt wird (in der Statistik der jugoslawischen Einwanderer wurden sie nicht separat erfasst), stieg ihre Zahl ab den 1990er-Jahren durch die Flucht vor Unterdrückung in der damals jugosla­wischen Provinz. Heute wird die Zahl der albanischstämmigen Personen auf 200000 geschätzt (inkl. Eingebürgerte und Doppelbürger), und die Gemeinschaft ist im öffentlichen Leben unter anderem, aber nicht nur, durch Fussballstars wie Xherdan Shaqiri präsent.

Der Kosovo ist auf den ersten Blick der eigentliche Gewinner der umstrittenen Nato-Intervention auf dem Balkan vor 20 Jahren. Schliesslich hat die albanische Mehrheit in der ehemaligen serbischen Provinz erreicht, was sie schon lange anstrebte: Unabhängigkeit vom verhassten Belgrad und einen eigenen, albanisch geprägten Staat.
Doch 20 Jahre nach dem Krieg sind die Probleme längst nicht gelöst. Die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch, gerade unter jungen Menschen. Und von denen gibt es viele: Das Durchschnittsalter im jüngsten Staat Europas liegt unter 30 Jahren. Wegen fehlender Perspektive im eigenen Land suchen viele junge Kosovaren ihr Glück im Ausland. Die von der EU in Aussicht gestellte Visa­liberalisierung für den Kosovo ist denn auch jeweils eines der Hauptthemen bei Treffen zwischen europäischen und kosovarischen Offiziellen.

Doch die EU zögert. Sie pocht auf eine tragfähige Lösung des Dauerkonflikts mit Serbien. Noch immer anerkennt Belgrad den 2008 ausgerufenen unabhängigen Staat Kosovo nicht und betrachtet das Gebiet als Teil des eigenen Territoriums. Dabei ist klar: Will Serbien die Perspektive eines EU-Beitritts aufrechterhalten, wird das Land nicht um eine Anerkennung der Souveränität Pristinas herumkommen. Das Gleiche gilt für den Wunsch des Kosovos nach Visafreiheit für die eigenen Bürger in der EU. Vor kurzem hiess es, die Gespräche seien weit fortgeschritten, eine Einigung sei zum Greifen nahe.

In beiden Ländern ist der Groll in der Bevölkerung gegen die andere Seite noch immer sehr gross. Eine kosovarische Regierung kann eine Einigung, bei der das eigene Land nicht als klarer Sieger hervorgeht, zu Hause kaum verkaufen. Für Serbiens Regierung gilt dasselbe, weil viele Bürger den Kosovo mit dem historischen Amselfeld als Geburtsstätte ihrer Nation betrachten, die um keinen Preis hergegeben werden darf. Der innenpolitische Druck wird eine Einigung zwischen Belgrad und Pristina weiter verzögern. Und so warten die Kosovaren auch 20 Jahre nach der Nato-Intervention dar­auf, ein normales Land zu sein. (ras/dlw)

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