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Ein Passagier der «Norman Atlantic» blickt vier Jahre nach der Havarie zurück: «Es war eine Fahrt durch die Hölle»

Mehr als vier Jahre nach der Havarie der Autofähre Norman Atlantic beginnt
die strafrechtliche Aufarbeitung des Unglücks. Die Besatzung wird mit schweren Vorwürfen konfrontiert.
Gerd Höhler, Athen
Die Autofähre Norman Atlantic wurde nach dem Brand zum Hafen in Brindisi abgeschleppt. (Bild: Antonio Calanni/AP (3. Januar 2015))

Die Autofähre Norman Atlantic wurde nach dem Brand zum Hafen in Brindisi abgeschleppt. (Bild: Antonio Calanni/AP (3. Januar 2015))

Die dramatischen Bilder gingen am 28. Dezember 2014 um die Welt: Brennend und steuerlos treibt die Autofähre Norman Atlantic in der sturmgepeitschten Adria. An Bord: 427 Passagiere und 56 Besatzungsmitglieder. Das Schiff ist auf der Fahrt vom griechischen Hafen Patras zum italienischen Ancona, als am frühen Morgen auf einem der Fahrzeugdecks ein Feuer ausbricht.

Als bei Anbruch der Dämmerung andere Schiffe zur Hilfe ­eilen, steht die Fähre bereits lichterloh in Flammen. Feuerzungen schlagen aus den Parkdecks, eine riesige schwarze Rauchwolke steigt in den Himmel.

Besatzungsmitglieder retteten sich zuerst

Zehn Meter hohe Wellenberge und starker Regen vereiteln alle Versuche, das brennende Schiff in Schlepp zu nehmen. Rettungshubschrauber kreisen über der Fähre, können aber anfangs nichts ausrichten. Erst als sich der Sturm am nächsten Tag etwas legt, bringen Helikopterpiloten der italienischen Marine in halsbrecherischen Flügen die Überlebenden von der brennenden Fähre in Sicherheit. Im italienisches Ort Bitondo bei Bari beginnt am nächsten Montag der Strafprozess um die Havarie der «Norman Atlantic». Verhandelt wird gegen 30 Angeklagte: Manager der griechischen Reederei Anek Lines, mehrere Offiziere, Matrosen sowie der Kapitän.

Schon vor dem Auslaufen der Fähre aus Patras am Abend des 27. Dezember gab es offenbar erhebliche Versäumnisse. Die Passagierliste sei unvollständig gewesen, heisst es in der Anklage. Beim Beladen der Garagendecks ignorierte die Crew die Mindestabstände: Die Lastwagen und Pkw wurden viel zu eng aneinander geparkt, heisst es in der Anklageschrift. Als in der Nacht erste Flammen auf Deck 4 gemeldet wurden, aktivierte die Crew irrtümlich die Sprinkleranlage auf Deck 3. Vor Gericht verantworten müssen sich jetzt auch mehrere Besatzungsmitglieder, die als erste in die Rettungsboote stiegen statt sich um die Evakuierung der Passagiere zu kümmern.

36 Stunden auf Rettung gewartet

Der Passagier Erwin Schrümpf wurde auf das Feuer gegen 2.30 Uhr in der Früh durch Stimmen aus der Nachbarkabine aufmerksam. Der 56-jährige Österreicher erinnert sich: «Binnen 90 Minuten stand das Fahrzeugdeck voll in Flammen, es gab keinen Alarm, kein Crewmitglied war zu sehen – es herrschte das totale Chaos.» Dutzende Male hatte der Gründer und Chef des gemeinnützigen Vereins «Griechenlandhilfe» bereits die Adria überquert, um mit seinem Transporter Medikamente in das Krisenland zu bringen. Sollte dies seine letzte Hilfsmission gewesen sein? «Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen.»

Und dann kam doch noch die nicht mehr für möglich gehaltene Rettung: Nach 36 Stunden wurde Schrümpf als einer der letzten mit einem Helikopter auf das italienische Kriegsschiff San Giorgio ausgeflogen. Wie viele Überlebende wartet er bis heute vergeblich auf eine angemessene Entschädigung der Reederei. Seit der Havarie ist der Österreicher mit seinen Hilfsgütern wieder drei Dutzend Mal über die Adria gefahren. Angst hat er nicht. «Ich denke, ein solches Unglück stösst mir im Leben nicht ein zweites Mal zu», sagt Schrümpf. «Aber es gibt Schreckensbilder von damals, die nie wieder weggehen – es war eine Fahrt durch die Hölle.»

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