Nach dem Attentat
«Ein schreckliches Geräusch hat sich in meinem Kopf eingeprägt»: Wie der Terror Wien und seine Menschen verändert hat

Eine Woche nach dem Attentat in meiner Heimatstadt machte ich einen Rundgang durch die Innenstadt, wo der Terrorist an sechs Orten geschossen hat. Hier traf ich Wiener, die zum Begreifen und Trauern gekommen waren.

Rosa Schmitz aus Wien
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Gedenken in der Innenstadt: Der Terrorismus ist in Wien angekommen.

Gedenken in der Innenstadt: Der Terrorismus ist in Wien angekommen.

Rosa Schmitz

Ich bin zurück in Wien, meiner Heimatstadt, und stehe in der Seitenstettengasse. Hier und in den Strassen rundherum ereignete sich vor einer Woche der Terroranschlag. Ein Mann schoss mit einem Sturmgewehr 150 Mal um sich.

Die Innenstadt wurde zu seiner blutgetränkten Bühne. Er zielte knapp zehn Minuten lang auf hilflose Menschen. Vor dem Eisladen, wo ich als Kind immer eine Tüte mit zwei Kugeln bekam, wenn ich mir beim Coiffeur um die Ecke brav die Haare habe schneiden lassen. Vor den Würstel- und Kebapständen, die ich als Teenagerin mit Freunden nach dem Ausgang besuchte. Vor dem Park, wo ich schon so oft mit Freunden mit einer Flasche Wein sass. Und in die Gassen und Bars, die ich noch heute regulär besuche.

Vier Personen starben, 17 weitere wurden schwer verletzt.

Spürbare Nervosität in der Innenstadt

Seit der Nacht hat sich die Stimmung in Österreich spürbar verändert. In der Wiener Innenstadt ist Nervosität spürbar. Autohupen und Polizeisirenen lösen bei Passanten inneren Alarm aus. Alle stehen noch unter Schock. Meine Mitmenschen und ich.

Im Internet kursieren Bilder, Postings, Kommentare. Jeden Tag aufs Neue. Die weit bekannte Instagram-Seite «wieneralttagspoeten» hat auf einen schwarzen Hintergrund geschaltet und Zitate von Zeugen der Nacht und Besuchern der Innenstadt geteilt:

Alle fühlen miteinander den gleichen Schmerz. Unsere wunderschöne Stadt wurde, so scheint es uns, aus dem Nichts angegriffen.

Seitenstetten-, Juden- und Sterngasse voller Menschen

Das hält die Leute nicht davon ab, die Anschlagsorte zu besuchen. Im Gegenteil. Die Seitenstetten-, Juden- und Sterngasse sowie der Friedmannplatz sind voller Menschen. Sie kommen um zu begreifen und Trauer zuzulassen. Dabei wollen sie nicht gestört werden. Sie beten. Halten Hände. Stützen einander. Wischen Tränen weg. Entlang der Gebäude liegen Briefe an Opfer und Hinterbliebene, Aufrufe zur Nächstenliebe, Appelle gegen Hass, in verschiedenen Sprachen. Diverse Blumen- und Lichtermeere aus Kerzen und Rosen stecken in den noch sichtbaren Einschusslöchern.

Die Seitenstettengasse wird seit dem Terroranschlag stark besucht.

Die Seitenstettengasse wird seit dem Terroranschlag stark besucht.

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Hier steht der Stadttempel, die Hauptsynagoge von Wien.

Hier steht der Stadttempel, die Hauptsynagoge von Wien.

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«Wir möchten den Opfern unseren Respekt zeigen», erklärt eine jüdische Frau, die mit ihrer Tochter die Runde macht. Sie leben nicht weit entfernt und haben am vergangen Montag die Schüsse und das verzweifelte Geschrei von Menschen von ihrer Wohnung aus gehört.

Entlang der Gebäude liegen Aufrufe zur Nächstenliebe und Appelle gegen Hass.

Entlang der Gebäude liegen Aufrufe zur Nächstenliebe und Appelle gegen Hass.

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Ein schreckliches Geräusch, jetzt für immer in meinem Kopf eingeprägt.

Einige, die auf dem Weg zu Arbeit sind, halten hier und da kurz inne. «Ich möchte nicht einfach daran vorbeigehen», sagt ein älterer Mann im Anzug und richtet ein Schild auf, das im Wind umgekippt war.

Nichts daran ist normal. Wir müssen uns mit einen neuen Realität konfrontieren.
Das Restaurant Salzamt liegt im Herzen des Bermudadreiecks, einer der beliebtesten Wiener Ausgehviertels.

Das Restaurant Salzamt liegt im Herzen des Bermudadreiecks, einer der beliebtesten Wiener Ausgehviertels.

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Ein Mann, ein Architekt, der am Montag im Restaurant Salzamt zu Abend gegessen hat, erinnert sich noch genau daran, wie er sich von der Kellnerin freundlich verabschiedet hat. Es war kurz vor 20 Uhr. Zehn Minuten später war die 24-jährige tot, eine deutsche Kunststudentin, die hier nebenbei gearbeitet hat. «Irre, unbegreiflich», sagt er.

Zum Glück ein schlechter Schütze

Der Attentäter wurde vor der St. Ruprechts Kirche erschossen.

Der Attentäter wurde vor der St. Ruprechts Kirche erschossen.

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Viele Menschen gehen Richtung Schwedenplatz. Vor den Stiegen zur St. Ruprechts Kirche versammelt sich eine Gruppe Jugendlicher, bunt gemischt. Sie schauen auf die Stelle, an der der Attentäter erschossen wurde. Um 20:09 Uhr. «Gut, dass er ein schlechter Schütze war», sagt einer mit verzerrtem Lachen und trauriger Stimme. Eine aus der Gruppe seufzt tief und antwortet:

Ja, sonst wäre der Abend weitaus schlimmer zu Ende gegangen.
Am Schwedenplatz liegen Dankesbriefe an die Polizei.

Am Schwedenplatz liegen Dankesbriefe an die Polizei.

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«Der Horror», sagt eine Frau. Sie ist am Telefon mit ihrer Schwester und zeigt ihr über Video, wo der Attentäter auf einen Polizisten gefeuert hat. Drei rote Kreise wurden auf den Boden gesprayt, wo die Kugelkapseln gelandet seien. Etwas weiter vorne, direkt gegenüber vom McDonalds, wird der Platz von einem weiteren Lichtermeer aus Kerzen überflutet.

Auf dieser Strassenecke hat der Attentäter auf zwei Beamte geschossen.

Auf dieser Strassenecke hat der Attentäter auf zwei Beamte geschossen.

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Entlang der Donau haben Wiener Strassenkünstler eine ganze Strecke der Mauer schwarz bemalt. Auf Instagram schreibt «Ruin», einer von ihnen:

In Erinnerung an die Verstorbenen, Verletzten und Verbliebenen.

Sicherheit erweist sich als Illusion

Wien waren Terroranschläge bisher erspart geblieben.

Wien waren Terroranschläge bisher erspart geblieben.

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Der Terrorismus ist in Wien angekommen, in der Stadt, der vielen hier als Ort der Seligen galt. Und nun fühlt sich die Stadt, im Schrecken, anderen Städten in Europa mehr verbunden. Die Menschen hier begreifen mehr denn je, was die Sätze bedeuten: «Je suis Paris», «Soy de Madrid», «Pray for London», «Nie wieder» – Städte auf dem ganzen Kontinent, die grausame Attentate erleben mussten.

Wien war das bisher erspart geblieben. Sicherheit erweist sich als Illusion. Nun müssen wir, die Wiener, uns eingestehen: Wir sind genauso verwundbar. Nach dem Attentat heisst es hier jetzt zur Ermutigung, aus Trotz und als Appell zum Zusammenhalt: «Love Wiens».

Vier Menschen wurden vergangenen Montag in der Innenstadt getötet, 17 weitere verletzt.

Vier Menschen wurden vergangenen Montag in der Innenstadt getötet, 17 weitere verletzt.

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