Reportage

Keine Sozialleistungen, keine Alterspflege und keine Friedhöfe – das Leben auf Spitzbergen ist kurios: Was es mit dem Schweizer Zugang zur Arktis auf sich hat

Spitzbergen ist kein einfacher Ort, um dort zu leben. Jeder Bürger muss sich selber versorgen können, und wegen der Eisbärengefahr braucht jeder eine eigene Schusswaffe. Nun feiert die Inselgruppe ein besonderes Jubiläum.

Niels Anner aus Kopenhagen
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Holzhäuser in Longyearbyen auf Spitzbergen: Die Inselgruppe feiert in diesem Jahr 100 Jahre Zugehörigkeit zu Norwegen.

Holzhäuser in Longyearbyen auf Spitzbergen: Die Inselgruppe feiert in diesem Jahr 100 Jahre Zugehörigkeit zu Norwegen.

Bild: Shutterstock

Vor 100 Jahren wurde in Paris ein Vertrag unterzeichnet, der ein einzigartiges Gebiet in der Arktis schuf – und der auch der Schweiz einen Zugang erlaubt. Norwegen erhielt am 9. Februar 1920 die Hoheit über Svalbard (Deutsch: Spitzbergen), ein Archipel von über 400 Inseln.

Doch die 49 Unterzeichnerstaaten haben Sonderrechte: Ihre Bürger dürfen sich auf Svalbard aufhalten, dort tätig sein und Ressourcen nutzen, solange sie die norwegische Gesetzgebung befolgen. Die Schweiz hat den Vertrag 1925 ratifiziert. Heute ist Svalbard ein beliebtes Ziel für Schweizer Touristen, die mit Flugzeug oder Kreuzfahrtschiff anreisen.

Sie gehören zu den 150'000 Besuchern pro Jahr; auch Svalbard kämpft mit Overtourism.

Longyearbyen, mit 2300 Einwohnern nördlichste Stadt der Welt, verfügt nicht nur über Hotels, Universität und Spital, sondern auch über einen Flughafen, der das Überleben sichert: Praktisch alle Waren müssen importiert werden. Norwegen bestimmt einen Gouverneur, den Sysselmannen, der mit seinem Team Polizei- und Verwaltungstätigkeiten ausübt.

Achtung, Eisbären! Eine eigene Schusswaffe ist auf Spitzbergen fast Pflicht.

Achtung, Eisbären! Eine eigene Schusswaffe ist auf Spitzbergen fast Pflicht.

Keystone

Er überwacht die strengen Naturschutzgesetze; die 3000 Eisbären, für die die Inselgruppe berühmt ist, sind geschützt. Siedlungen dürfen nie ohne Schusswaffen verlassen werden; getötet werden dürfen die Raubtiere aber nur im Notfall. Vor den Geschäften weisen Schilder hingegen darauf hin, dass Gewehre draussen bleiben müssen – nur eine von vielen Besonderheiten Svalbards.

Die wenigen Ortschaften sind nur per Schiff, Helikopter oder Schneescooter erreichbar; von letzteren gibt es rund 5000, zwei pro Einwohner. Extrem ist die Abgeschiedenheit im Forscherdorf Ny-Aalesund: Dort sind Handys und drahtloses Internet verboten, weil diese den Empfang von Satellitensignalen stören. Entsprechend beliebt ist Briefpost.

Dunkle Winter und der Klimawandel

Das Leben in der Arktis ist nicht nur wegen des dunklen Winters und der Mitternachtssonne speziell, Svalbard ist auch einer der Orte, an denen sich das Klima am schnellsten erwärmt. Im Winter ist es heute laut neuen Klimadaten ganze 7 Grad wärmer als 1970.

Dadurch schmelzen Gletscher rasant und der Permafrost taut auf. 250 Wohnungen werden in Longyear­byen in den nächsten Jahren abgerissen und neu gebaut, wegen akuter Lawinengefahr oder weil ihr Fundament nachgibt.

Das Leben auf Spitzbergen ist oft dunkel, oft kalt – und oft einsam.

Das Leben auf Spitzbergen ist oft dunkel, oft kalt – und oft einsam.

Keystone

Einwandern in Svalbard kann zwar jeder, aber Selbstversorgung ist Pflicht: Es gibt keine Sozialleistungen, keine Alterspflege; bloss 37 Einwohner sind über 67 Jahre alt. Auch Sterben ist nicht vorgesehen; Tote werden wegen des Permafrostes aufs Festland gebracht. Wirtschaftlich hat sich Svalbard stark gewandelt.

Longyearbyen wurde 1906 als Kohleminen-Siedlung gegründet. Doch die Minen sind bis auf eine Ausnahme geschlossen. Damit sind nicht nur Hunderte von Jobs verlorengegangen, auch die eigentliche Daseinsberechtigung Svalbards wurde in Frage gestellt; Arbeitsplätze gibt es heute vor allem bei den Behörden sowie in Tourismus und Wissenschaft.

Die Zahl der Nichtnorweger in Longyearbyen steigt seit einigen Jahren stark an, sie macht bereits einen Drittel der Einwohner aus. Es gibt deshalb Stimmen, die die norwegische Vormachtstellung gefährdet sehen. Es müsse eine „norwegische Gesellschaft“ erhalten bleiben, schrieb der Sysselmannen in einer Analyse.

Dies auch aus geopolitischen Gründen, denn Svalbard nimmt mit seiner Infrastruktur eine einzigartige Position in der Arktis ein – in der das schmelzende Polareis neue Schiffsrouten und Bodenschätze freigibt. Und in der sich der Konflikt zwischen der Nato, der Norwegen angehört, und Russland in den Norden verschoben hat.

Plattenbauten, Lenin und eine russische Speisekarte

Gerade Russland spielt in Svalbard eine Sonderrolle. Zwei Stunden Schifffahrt von Longyearbyen entfernt wähnt man sich plötzlich dort, auch wenn das russische Festland über tausend Kilometer weg ist.

Die Ortschaft Barentsburg ist eine Art Freilichtmuseum der Sowjetunion, mit wuchtigen Plattenbauten, Lenin-Statue und russischer Speisekarte im Restaurant. Das Kohleminendorf mit 500 Einwohnern ist im Besitz des russischen Staates.

Ein Hauch Sowjetunion im hohen Norden: Die Ortschaft Barentsburg.

Ein Hauch Sowjetunion im hohen Norden: Die Ortschaft Barentsburg.

Keystone

Der Vertrag von 1920 definiert Svalbard als demilitarisiert, und das Zusammenleben zwischen Russen und Norwegern in Svalbard selber ist friedlich. Doch zwischen Moskau und Oslo ist die Stimmung angespannt. Der Kreml provoziert, liess etwa ein bewaffnetes Sonderkommando in Longyearbyen zwischenlanden, als es zu einer Militärübung in der Nähe des Nordpols flog.

Kürzlich beklagte sich Moskau, Norwegen würde in Svalbard russische Helikopterflüge und Wirtschaftsaktivitäten durch Naturschutzzonen beschränken. Die Antwort des Aussenministeriums in Oslo war lapidar: Das russische Aufbegehren sei nicht neu, doch in Svalbard würden laut Vertrag von 1920 nach wie vor norwegische Gesetze gelten.

Diese seien bestens geeignet, um die fragile arktische Natur zu erhalten. Und, lässt sich anfügen, um den Archipel mit seinen Kuriositäten zu bewahren.