Brasilien

Eine bulgarische Immigrantin regiert Brasilien

Lulas politische Ziehtochter Dilma Rousseff wandelte sich von einer Guerillera zu einer gemässigten Sozialdemokratin.

Sandra Weiss, Brasilia
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Wahlen in Brasilien: Dilma Rousseffs Anhänger feiern
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 Dilma 13: Diese zwei Schönen wissen, dass Dilma Rousseff ihre neue Präsidentin ist.
 Anhänger von Dilma Rousseff beim Feiern.
 Die Dilma-Unterstützer gingen schon bald nach Sonnenuntergang auf die Strasse.
 Gefasster Verlierer: Gegenspieler Jose Serra konnte sich wochenlang auf die Niederlage vorbereiten.

Wahlen in Brasilien: Dilma Rousseffs Anhänger feiern

Es ist der dritte wichtige Sieg in ihrem Leben. Erst besiegte Dilma Rousseff die Folter, dann den Krebs, und jetzt gewann sie als erste Frau die Präsidentschaftswahl in Brasilien. Im Januar wird die 62-Jährige die Nachfolge ihres politischen Ziehvaters Luiz Inácio «Lula» da Silva antreten. Die Fussstapfen, in welche die Tochter eines bulgarischen Intellektuellen treten wird, sind gross. Doch «Dilma», wie sie im Volksmund genannt wird, will erst gar nicht Lulas Charisma nacheifern. Sie ist eine Technokratin, die Lulas Erbe verwalten will – und sie steht dazu.

Zwar trat sie erst 2003 Lulas Arbeiterpartei (PT) an, doch in ihrer Jugend war die Wirtschaftsstudentin Trotzkistin. Ihr grösster Coup während der Militärdiktatur (1964–85) war die Planung eines Einbruchs ins Haus eines korrupten Politikers, wo die Guerilleros den Safe knackten und ihre Kassen füllten. Danach sass sie drei Jahre lang im Gefängnis, wo sie mit Elektroschocks gefoltert wurde. Nach der Diktatur begleitete sie ihren ebenfalls politisch engagierten Mann in dessen Heimat, den progressiven Bundesstaat Rio Grande do Sul. Dort zog sie ihre Tochter Paula auf und machte politische Karriere. Dabei wandelte sie sich von der linken Revolutionärin zur gemässigten Sozialdemokratin. Wegen ihres sperrigen Charakters wurden der fleissigen, nüchternen Frau gerne Verwaltungsaufgaben und Zahlenkram zugeteilt. So war Rousseff unter anderem Präsidentin des Statistikamtes.

«Eiserne Lady»

Nach seinem Wahlsieg 2002 holte Lula die «eiserne Lady» als Ministerin für Bergbau und Energie ins Kabinett. Dort verfocht sie neue Megainvestitionen im Energiesektor und lieferte sich legendäre Streitereien mit Umweltministerin Marina Silva. Ihre zu dem Zeitpunkt deutlich berühmteren männlichen Kollegen spotteten gerne über die langen, mit Zahlen und Grafiken gespickten Vorträge und krönten sie zur «Powerpoint-Königin». 2005 stürzte das halbe Kabinett über schwarze Kassen bei der Wahlkampffinanzierung. Lula ernannte Rousseff zur Kanzleramtschefin. «Mit ihr wurde es dort ernst», erinnert sich ein Kollege. Effizienz legte Rousseff an den Tag, doch wenig politisches Fingerspitzengefühl. Mehrmals musste Lula beschwichtigen, wenn sie sich mit Kollegen in die Wolle bekam.

«Eine Verlegenheitslösung», spotteten die Medien, als Lula sie 2008 zur Nachfolgerin auserwählte. Die Sozialdemokraten witterten Morgenluft, schliesslich hatte Rousseff noch nie einen Wahlkampf bestritten. «Dilma ist ein Produkt aus der Wundertüte Lulas, ohne Konsultation der Partei», meckerte Justizminister Tarso Genro. Doch Lula warf das ganze Gewicht seiner 80- Prozent-Popularität für die Kandidatin in die Waagschale, lobte sie, wann immer er konnte über den grünen Klee, machte sie zur Chefbeauftragten für Wachstumsförderung, was zur Folge hatte, dass Rousseff fortan zusammen mit Lula landauf, landab Infrastrukturprojekte einweihen durfte.

Imagewechsel

Ein Stab aus Experten nahm sich ihres Image an. Die grauen Hosenanzüge wurden durch bunte Kleider ersetzt, der braune Pagenkopf durch einen flotten Kurzhaarschnitt aufgelockert, die Falten weggespritzt, die Brille durch Kontaktlinsen ersetzt. Der Erfolg war mässig: In den ersten Umfragen lag sie 25 Punkte hinter Oppositionskandidat Serra. Doch dann wandelte sich eine Tragödie zum Glücksfall: Bei Rousseff wurde 2009 Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Mutig stellte sich die 62-Jährige der Krankheit, trat nach erfolgreicher Chemotherapie schlanker und in Perücke wieder vor die Kameras – und löste eine Sympathiewelle aus.

Überraschungen sind von der frisch gebackenen Grossmutter kaum zu erwarten. Sowohl die pragmatische Wirtschaftspolitik als auch die unorthodoxe Aussenpolitik mit dem Ziel, Brasilien zur Weltmacht zu machen, will Rousseff fortsetzen. Nur auf Lulas Charme und Glamour werden die Medien künftig verzichten müssen.