Eine halbe Milliarde Menschen wird in Indien krankenversichert

Das Land revolutioniert sein Gesundheitswesen: Pro Familie und Jahr sollen 6700 Franken erstattet werden. Doch Experten warnen, dass gerade die Ärmsten der Armen nicht profitieren werden. So wie Shanti Devi, eine nierenkranke Tagelöhnerin.

Ulrike Putz, Singapur
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Kranke warten auf ihre Behandlung in Neu-Delhi. (Bild: Manish Swarup/Keystone, 20. September 2016)

Kranke warten auf ihre Behandlung in Neu-Delhi. (Bild: Manish Swarup/Keystone, 20. September 2016)

Shanti Devi ist froh, dass sie heute Abend wieder nach Hause fährt: Zwar war ihr erster Besuch in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi aufregend, aber auch unbequem und nicht von Erfolg gekrönt. 15 Tage lang hat die etwa 60-Jährige – ihr genaues Alter kennt sie nicht – mit ihrem Sohn auf dem überfüllten Bürgersteig vor dem «All India Institut of Medical Science» (AIIMS) auf einer Plastikplane geschlafen. Vor dem besten Spital Indiens hat sie für teures Geld schlechtes Essen von fliegenden Händlern gekauft, Diebe vertrieben und ihre paar Quadratmeter Asphalt immer wieder gegen Neuankömmlinge auf der Suche nach einem Schlafplatz verteidigen müssen.

Vor allem aber hat sie auf den Spitalfluren gewartet. «Ich habe grosse Probleme mit meinen Nieren. Der Arzt zu Hause hat gesagt, ich soll in Delhi zum Spezialisten gehen. Nach zwei Wochen warten bin ich heute endlich drangekommen», erzählt die Tagelöhnerin aus Chhatarpur, das 26 Zugstunden entfernt im indischen Gliedstaat Madhya Pradesh liegt. Doch der Arzt in der Hauptstadt hat auch nicht helfen können. «Irgendeine Infektion. Abwarten, sagt er», berichtet Devi, die wie in ihrem Dorf üblich zwei Punkte auf die Schneidezähne tätowiert hat. «Und dafür haben wir nun so viel Geld ausgegeben.»

«Modicare» soll Abhilfe schaffen

Shanti Devi hatte noch Glück im Unglück. Die zweiwöchige Warterei und eine halbe Stunde im Sprechzimmer des Arztes haben sie mit etwa 110 Franken zwar deutlich mehr gekostet, als sie und ihr ebenfalls auf dem Bau arbeitender Mann in einem Monat verdienen. Doch immerhin gehört die Familie nicht zu den 36 Millionen indischen Haushalten, die jedes Jahr plötzlich Arzt- und Medikamentenrechnungen in Höhe eines Jahresgehalts zu zahlen haben. Laut dem Gesundheitsministerium rutschen 7 Prozent der Haushalte des Subkontinents jedes Jahr wegen der hohen Kosten für Gesundheitsversorgung in die Armut ab.

Das soll nun ein Ende haben: Begleitet von viel Medienrummel wurde in Indien diese Woche der Startschuss für das angeblich grösste öffentliche Krankenversicherungssystem der Welt gegeben. Regierungschef Narendra Modi zufolge sollen mehr als 500 Millionen mittellose Inder künftig eine Absicherung im Krankheitsfall haben. Im Gegensatz zu früheren staatlichen Gesundheitsprogrammen, bei denen man sich mit grossem bürokratischem Aufwand registrieren musste, soll es künftig kinderleicht sein, eine «Modicare»-Karte zu erhalten. Wenn Inhaber einer solchen Karte dann zum Arzt gehen, soll dieser sein Geld direkt vom Staat erhalten, ohne dass der Patient es vorschiessen muss.

«Keine andere Nation hat ein solches System. Dies wird ein Beispiel sein, das auf der ganzen Welt Schule machen wird», verkündete Modi, der sich in sechs Monaten zur Wiederwahl stellen muss und daher um gute Presse bemüht ist. Seine Politstrategen haben dem offiziell «Ayushman Bharat» («Langes Leben Indien») genannten Programm denn auch schon den Spitznamen «Modicare» verpasst.

«Modicare» gewährt Versicherungsschutz von 500 000 Rupien (etwa 6700 Franken) pro Famile und Jahr. Das Programm soll den 86 Prozent der Landbevölkerung und 82 Prozent der Städter in Indien helfen, die laut amtlicher Statistik keinen Versicherungsschutz im Krankheitsfall haben. Doch ob es greifen wird, ist fraglich: Kritiker bemängeln, dass «Modicare» nur Besuche bei Spezialisten, operative Eingriffe und Spitalaufenthalte abdecke. Für den normalen Arztbesuch und viele gängige Medikamente müssten die Versicherungsnehmer weiterhin selber zahlen. Gerade die Ärmsten der Armen könnten das nicht, schreiben etwa die Analysten vom IDFC-Institute, einer Denkfabrik in Mumbai. «Modicare» diene so vor allem Modi und der Mittelschicht, nicht aber den tatsächlich Bedürftigen. Indiens Bundesregierung und die 29 Bundesstaaten wollen sich die Krankenversicherung jährlich mindestens 1,5 Milliarden Franken kosten lassen.

Für ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern sei das viel zu wenig, sagen Experten. Indien wird auch mit «Modicare» nur etwa 2 Prozent seines Bruttosozialprodukts auf die Volksgesundheit verwenden – in der Schweiz sind es etwa 12 Prozent.

Mangelndes Vertrauen

Im Rahmen von «Modicare» sollen auf dem Land 150 000 öffentliche «Gesundheits- und Wellness-Zentren» gebaut werden. Doch haben sich schon frühere Regierungen daran versucht, die Menschen in solche «Dorf-Kliniken» zu locken. Geklappt hat das nie: Die Inder haben kein Vertrauen in die oft schlecht ausgebildeten Ärzte, die aufs Land geschickt werden. Wer ernsthaft erkrankt, geht deshalb zum Privatarzt oder in ein privates Spital, auch wenn das einen teuer zu stehen kommt. Das mangelnde Vertrauen in die Qualität der staatlichen Gesundheitsversorgung hat bewirkt, dass gut zwei Drittel des indischen Gesundheitswesens in privater Hand ist.

Wer arm ist, kann es sich in Indien nicht leisten, krank zu werden: Daran wird auch «Modicare» nichts ändern. Über 80  Prozent der Inder arbeiten im informellen Beschäftigungsverhältnissen. Wenn sie nicht arbeiten können, werden sie nicht bezahlt. «Ich und mein Sohn haben zwei Wochen lang kein Geld verdient», sagt Shanti Devi, die nur vier Jahre lang zur Schule gegangen ist. «Wir haben uns bei Nachbarn und Verwandten viel Geld leihen müssen.» Es werde Jahre dauern, ihren Trip nach Delhi abzubezahlen. «Und geheilt bin ich trotzdem nicht.»