China
Eine Nation von Qualmern bringt dem Staat jährlich Milliarden

Die Volksrepublik ist weltweit das Land mit den meisten Rauchern – und will es auch bleiben. Denn der Staat verdient dabei kräftig mit, denn er hat das Vertriebsmonopol. Zuletzt waren es gut 14 Milliarden Euro.

Felix Lee, Peking
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Wer in China schon mal auf ein Bankett eingeladen wurde, weiss: Ein Nein wird nicht akzeptiert. Kaum ist der erste Gang serviert, bietet der Gastgeber allen männlichen Anwesenden am Tisch eine Zigarette an. Und damit nicht genug: In diesem Moment sollte man tunlichst darauf achten, um welche Marke es sich handelt – sind die Zigaretten von «Suyan», den teureren «Hongtashan» oder gar von der Luxusmarke «Nanjing»?Die Marke sagt viel aus über den Stellenwert, den der Gastgeber dem Bankett beimisst. Denn Rauchen ist in China Ausdruck von Status, Freundschaft und Heimatbewusstsein.

Es gibt kein Land auf der Welt, in dem Rauchen gesellschaftlich so anerkannt ist wie in China. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder: 360 Millionen der 1,3 Milliarden Chinesen rauchen, überwiegend Männer. Kein Wunder, ist die Tabakindustrie von China eine der grössten der Welt. 40 Prozent der weltweit produzierten Zigaretten kommen aus dem Reich der Mitte. Die Gewinne lagen allein 2010 bei umgerechnet über 14 Milliarden Euro im Jahr.

Staat vermarktet Zigaretten

Ein Nichtraucherschutz ist so gut wie gar nicht vorhanden. Zwar gilt seit Anfang 2011 ein landesweites Rauchverbot in den meisten öffentlichen Räumen. Doch nur selten wird das Rauchverbot wirklich durchgesetzt. «Das Gesundheitsbewusstsein ist nur sehr gering ausgeprägt», sagt Song Jicheng, Arzt des renommierten Xuehe-Krankenhauses in Peking. «Noch immer wissen viele Chinesen gar nicht, dass Rauchen ungesund ist.»

Das hat auch einen konkreten Grund: Chinas gesamte Tabakindustrie befindet sich in der Hand der China National Tobacco Corporation (CNTC) – und diese gehört dem Staat. Sie ist sowohl für die Herstellung, die Lagerung, den Transport als auch die Vermarktung sämtlicher im Land angebotenen Zigaretten zuständig. Selbst ausländische Zigarettenmarken in China müssen mit der CNTC kooperieren. Und diese staatliche Tabakindustrie verhindert mit allen Mitteln, dass der Kampf gegen das Rauchen wirksam durchgesetzt wird.

Dabei sind die chinesischen Gesundheitsbehörden durchaus alarmiert. 60 Gesundheitsexperten haben bereits vor Jahren in einer ausführlichen Studie errechnet, dass sich die Zahl der Toten infolge des Rauchens in China bis 2025 auf etwa 3,5 Millionen im Jahr verdreifachen wird, sollte die Nikotinsucht nicht energischer bekämpft werden. Die gesundheitlichen Kosten hätten den wirtschaftlichen Nutzen der staatlichen Tabakindustrie längst überstiegen. Rund 740 Millionen Menschen, darunter 182 Millionen Kinder, seien den Gefahren des Passivrauchens ausgesetzt, hiess es in dem Bericht.

Es gibt aber Hoffnung: Mit der Amtsübernahme Xi Jinpings als neuem Präsidenten haben die wenigen Aktivisten eine prominente Unterstützerin: Chinas neue First Lady Peng Liyuan ist Botschafterin der Weltgesundheitsorganisation WHO und trat im vergangenen Jahr gemeinsam mit Microsoft-Gründer Bill Gates in einer Nichtraucherkampagne auf.