Terrorismus
«Eine Niederlage - aber nicht das Ende von al-Kaida»

Pascal Boniface, Direktor des «Instituts für strategische und internationale Beziehungen» (Iris) in Paris, über die Bedeutung von Bin Ladens Tod für den islamistischen Terrorismus.

Stefan Brändle, Paris
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Pascal Boniface, Direktor Iris.

Pascal Boniface, Direktor Iris.

Was bedeutet Bin Ladens Tod für den islamistischen Terrorismus?

Pascal Boniface: Al-Kaida musste in Afghanistan und Pakistan in letzter Zeit harte militärische Schläge einstecken. Auch politisch war das Terrornetz bereits geschwächt: US-Präsident Barack Obama ist als Feindbild der islamistischen Propaganda weniger nützlich, als es sein Vorgänger George W. Bush war; die demokratischen Revolutionen im arabischen Raum laufen den Terroristen ebenfalls zuwider. Dazu kommt nun das Ende Bin Ladens. Das ist natürlich ein wichtiger Erfolg, er regelt aber längst nicht alle Probleme, solange die tieferen Wurzeln und Strukturen des Terrorismus – soziale Ungerechtigkeit, Regionalkonflikte – bleiben. Der Tod Bin Ladens ist eine Niederlage für al-Kaida, nicht dessen Ende.

Ist es Zufall, dass der Chefterrorist während des arabischen Frühlings erwischt wurde?

Der Gedanke liegt nahe, doch in Wahrheit ist es eine reine zeitliche Koinzidenz. Sein Fang hätte genauso gut vor ein paar Monaten oder auch später erfolgen können. Hingegen haben die beiden Entwicklungen, was den Terrorismus anbelangt, die gleiche Wirkung, nämlich die Schwächung al-Kaidas. Bei vielen Arabern hat das Terrornetz an Sympathien verloren. Die Massenbewegung des arabische Frühlings zieht den wenig zahlreichen Extremisten von al-Kaida den Boden unter den Füssen weg.

Ist nicht eher mit einer Märtyrisierung und Racheakten zu rechnen?

Wenn eine Terrororganisation in Schwierigkeiten gerät, sucht sie einen Coup zu landen, um zu beweisen, dass sie noch aktionsfähig und stark ist. Die Gefahr von Attentatsversuchen und Anschlägen besteht durchaus, vielleicht schon in den kommenden Tagen.

Zerfällt das Netzwerk al-Kaida nun in seine Bestandteile, während seine «Filialen» wie die westafrikanische Aqmi stärker werden?

Aqmi wird eher vom Bürgerkrieg in Libyen und seinen Folgen zu profitieren suchen. Terroristen springen meist auf solche regionalen Konflikte auf. Das ist wichtiger für sie als die Enthauptung al-Kaidas. Sie ist nicht so sehr organisatorisch oder militärisch, sondern eher psychologisch von Bedeutung. Die innere Organisation des ganzen Dunstkreises von Al- Kaida-Ablegern von Westafrika bis Indonesien wird sich kaum ändern.

Der Aqmi-Ableger hat mit dem jüngsten Attentat in Marrakesch vor wenigen Tagen klargemacht, dass er operativ bleibt.

Und unabhängig von der Kaida-Hierarchie. Aqmi agiert selbstständig, wenn auch wenn mit dem gleichen Ziel – in diesem Fall, die demokratische Öffnung Marokkos zu hintertreiben. Es war ein Attentat gegen die von König Mohammed VI. angekündigten Staatsreformen. Das war die bisher intelligenteste Antwort auf die Demonstrationen, und sie passte den Islamterroristen von al-Kaida oder Aqmi gar nicht in den Kram.