Rundreise in Tunesien
Eine Reise auf den Spuren der Römer und der gescheiterten Präsidenten

Nach dem arabischen Frühling befindet sich Tunesien auf dem Weg zur Normalität. Doch fehlt es nun an Touristen. Warum aber sollen Schweizer ausgerechnet im Land Ferien verbringen, aus dem junge Männer hierzulande für schlechte Schlagzeilen sorgen?

Daniel Fuchs
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Rom ist allgegenwärtig

Rom ist allgegenwärtig

AZ

Bettino Craxis Grab liegt im Schatten der Mauer des kleinen christlichen Friedhofs, am Rand der Altstadt von Hammamet, dem Touristenmagnet an der tunesischen Mittelmeerküste. Ein junger Tunesier rollt die Tricolore aus und hängt sie über das Grab, als sich die Schweizer Journalisten nähern.

Nach den Wirren um «Tangentopoli» flüchtete der vormalige Ministerpräsident Italiens Craxi vor der Justiz 1994 nach Tunesien, wo ihm sein Freund, der tunesische Präsident Zine El Abidine Ben Ali, Exil gewährte. Sechs Jahre später starb Craxi an einer Diabetes-Erkrankung in Hammamet. Von den 28 Jahren, zu welchen er in Italien in Abwesenheit verurteilt wurde, sass er keinen einzigen Tag ab.

Elf Jahre später musste auch Ben Ali gehen. Im Zuge der «Jasminrevolution» wurde es dem tunesischen Präsidenten zu eng. Am 14. Januar 2011 setzte er sich nach Saudi-Arabien ab. Wo Ben Ali dereinst begraben wird ist bis heute unklar. Die Haftjahre, zu denen er bis heute in Abwesenheit von tunesischen Gerichten verurteilt worden ist, summieren sich auf über 80. In einem noch nicht abgeschlossenen Verfahren fordert die Staatsanwaltschaft sogar die Todesstrafe. Saudi-Arabien lehnt bis heute jegliche Auslieferungsgesuche ab.

Die Rückkehr religiöser Werte

Seit Ben Ali weg ist, befindet sich das kleinste der nordafrikanischen Länder auf dem mühseligen Pfad der Demokratie. Frei sind sie nun, die Tunesier. Das zeigt sich wie etwa in Ägypten vor allem an einer Rückkehr religiöser Werte. So kleiden sich die Tunesierinnen modisch mit Kopftüchern, die sie zu Stöckelschuhen und körperbetonten Jeans kombinieren. Das stellen die fünf Journalisten fest, die vom tunesischen Verkehrsbüro in der Schweiz in das einst so beliebte Reiseland eingeladen wurden.

Das römische Amphitheater von El Djem
12 Bilder
Der Blick über Hammamet...
...und in die Grosse Moschee von Kairouan
Innerhalb der Grossen Moschee von Kairouan
In kurzer Hose geht nichts
Architektur-Fans kommen auf ihre Kosten

Das römische Amphitheater von El Djem

dfu

Ein Fahrer kutschiert sie, den Direktor von Tourisme Tunisie in der Schweiz, einen PR-Verantwortlichen sowie einen tunesischen Reiseführer von einer Sehenswürdigkeit zur anderen, von einer Hotelanlage zu einer noch luxuriöseren und von einem Fischrestaurant zu einem noch besseren. Die Journalisten sollen mit ihren Berichten die Schweizer zur Rückkehr ins Ferienparadies Tunesien bewegen.

Alkohol? Kein Problem

Ihr tunesischer Reisebegleiter Khaled al-Mabrouk ist zuversichtlich für sein Land: Klar würde die Dichte der Kopftücher und Schleier zunehmen. Das werde sich aber wieder legen, ist er überzeugt.

Elyes Fakhfakh, Tourismusminister

Elyes Fakhfakh, Tourismusminister

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Kein gutes Haar lässt al-Mabrouk an Fanatikern, die seit der arabischen Revolution an Einfluss gewinnen. Als sich die mitgereiste Journalistin einer Sonntagszeitung beim Besuch einer Moschee in Sousse verschleiern muss, ist es dem Reisebegleiter überhaupt nicht recht. Denn das ist ungewöhnlich für Tunesien. Normalerweise reicht es, ein Kopftuch überzuziehen. Im Innenhof der Moschee sitzt aber ein schwarz gekleideter, bärtiger, junger Mann. «Nur weil dieser Wahhabit da sitzt, muss sich die Frau verschleiern», erklärt al-Mabrouk.

Überhaupt gehöre die Farbe schwarz nicht zur tunesischen Kultur. Sie sei die Farbe der Trauer, Tunesier dagegen seien fröhlich. Und dann holt al-Mabrouk aus: Die Mehrheit der Tunesier sei wie er nicht streng gläubig. Der muslimische Glaube zeichne sich in Tunesien durch ein paar Besonderheiten aus: So gebe es etwa staatlich kontrollierte Freudenhäuser, es bestehe die Möglichkeit, sich scheiden zu lassen und der Freitag - zwar auch in Tunesien ein heiliger Tag - gelte als Arbeitstag. Und Alkohol? «Kein Problem», sagt al-Mabrouk. «Auch ich genehmige mir zum Mittagessen ab und zu ein Glas Bier.» Danach zu Allah beten - das gehe aber nicht, sagt der Reisebegleiter mit einem schelmischen Lächeln.

«Problem Lampedusa»

Nicht nur Ben Ali machte sich die Wirren der Revolution zunutze, um sich aus dem Staub zu machen, sondern auch zahlreiche junge Männer, die sich in Europa mehr Perspektiven erhoffen. Kein Wunder: Zwar sind die Tunesier nun frei und ihren langjährigen Diktatoren, der das Land plünderte, los. Trotzdem fehlt es an allem: an Arbeit, an Geld, an Investitionen und nicht zuletzt an Touristen. Deshalb sitzen die Journalisten nun im Tourismusministerium in Tunis an einem massiven Holztisch. An seinem Kopfende sitzt der erst 39-jährige Tourismusminister Elyes Fakhfakh.

Fakhfakh präsentiert ein paar Zahlen, die beeindrucken: Der Markt sei nach 2010 um über 30 Prozent eingebrochen. Vorher stammten von den 7 Millionen Touristen jährlich fast 100‘000 aus der Schweiz. Von diesen wählt heute nicht einmal mehr die Hälfte Tunesien als Reiseziel. Das bei einer Arbeitslosigkeitsrate von 20 Prozent, wobei jeder vierte Arbeitslose ein Hochschuldiplom habe. Taxifahrer, Hotelangestellte, Kamelführer, Teppichhändler - die Liste der vom Tourismus abhängigen Tunesier kann beliebig erweitert werden.

Doch der Minister glaubt an eine Verbesserung der Lage: Während sich Touristen aus Deutschland, Grossbritannien und Russland wieder nach Tunesien wagten, würde es nach wie vor an Schweizern fehlen. Sie trauen dem Frieden im Land nicht, aus dem nach wie vor viele Wirtschaftsflüchtlinge in der Schweiz für schlechte Schlagzeilen sorgen. «Problem Lampedusa», benennt es Fakhfakh, um zu relativieren: «Von 26‘000 Tunesiern, die ins Ausland flüchteten, landeten 2600 in der Schweiz. Allein aus Libyen kamen dagegen über 600‘000 Menschen nach Tunesien.»

Reiches kulturelles Erbe

Wer Tunesien nur wegen seiner traumhaften Sandstrände bei Hammamet, Sousse oder auf Djerba wählt, verschwendet seine Zeit. Das Land hat weit mehr zu bieten, wenn man die Hotelanlagen an der Küste verlässt. Die Distanzen sind erträglich, die Strassen gut. Viel Kultur wartet nur darauf, von den Touristen entdeckt zu werden.

Von Karthago, der einstigen Hafenstadt der Phönizer, ist heute nicht mehr viel zu sehen. Zu gründlich hatten die Römer die einstige Stadt Hannibals zerstört. Dafür aber hinterliessen Letztere ihre unübersehbaren Spuren. So in El Djem, das nur eine Autostunde von der Hafenstadt Sousse entfernt im Landesinneren liegt. Das kleine Städtchen beheimatet das drittgrösste römische Amphitheater. Die Journalisten staunen, wie gut es erhalten ist und wie wenig Rummel darum gemacht wird, wenn man es mit dem Kolosseum in Rom vergleicht.

In der Nähe ein Museum, das beeindruckende römische Wand- und Bodenmosaiken zeigt. 70 Kilometer nordwestlich von El Djem ein Unesco-Weltkulturerbe: Kairouan, die vierte heilige Stadt des Islams. Ihr Wahrzeichen ist die Grosse Moschee, die im 9. Jahrhundert erbaut wurde.

Viele Sterne, viel Protz

Ob so viel Kultur freut sich der Besucher aber auf die grossartige Hotellerie des Landes. Wer es gerne protzig mag, der steigt im Hotel Hammamet Hasdrubal Thalasse & Spa ab, das mit der weltgrössten Präsidentensuite aufwartet. Womit wir wieder beim Thema gescheiterter Präsidenten wären.

Ferien in Tunesien: Praktische Informationen

Das Land

Tunesien ist ein muslimisches Land: 98 Prozent der Bevölkerung sind Araber und bekennen sich zum Islam, wobei 85 Prozent sunnitische Muslime sind. Die Bevölkerung zählt 10,5 Millionen und bewohnt das Land, das viermal so gross ist wie die Schweiz.

Das Klima

Wer Tunesien bereist hat entlang der Mittelmeerküste und im Norden des Landes mediterranes Klima mit heissen, trockenen Sommern und milden, eher feuchten Wintern. Im Landesinneren und vor allem im Süden herrscht Wüstenklima. Frühling und Herbst sind die besten Zeiten für einen Besuch. Von Mai bis Oktober sind auch die Wassertemperaturen sehr angenehm.

Der Besuch

Das Land ist touristisch bestens erschlossen. Die Hotellerie bietet alle Komfortklassen. Besonders bekannt ist Tunesien für seine Thalasso-Therapien. Regelmässige Flüge ab Zürich und Genf nach Tunis, Djerba oder Monastir. Individualreisende brauchen einen gültigen Pass, für Pauschalreisen ist eine gültige Identitätskarte ausreichend. Mehr Information beim Office National du Tourisme in Zürich, das die Reise ermöglichte. (dfu)

www.tunesien.ch, www.tunisair.com