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Luzerner besucht seinen Geburtsort: Eine Reise in die
schlesische Vergangenheit

Das südpolnische Schlesien ist bekannt für sein Touristenmagnet Breslau. Ansonsten ist die ländlich geprägte Region ein unbekannter Hinterhof Europas. Der Autor dieser Reportage reiste mit seinem Vater in dessen ehemalig deutschschlesische Heimat. Für Manfred Welzel, seit 1964 in der Schweiz zu Hause, ist es der erste Besuch seines Geburtsortes nach über sieben Jahrzehnten.
Stefan Welzel
Der Bahnhof von Ząbkowice Śląskie, dem ehemaligen Frankenstein.
Der zentrale Marktplatz von Ząbkowice Śląskie. Das Städtchen ist Zentrum einer eher strukturschwachen Gegend und zählt etwas mehr als 15000 Einwohner.
Keine Berührungsängste mit der Vergangenheit - ein Lokal in Ząbkowice Śląskie führt den Namen, den die Stadt einst trug.
Ankunft in Brodziszów. Die kleine Gemeinde hiess bis 1945 Dittmannsdorf und ist der alte Heimatort Manfred Welzels.
Die erste Begegnung zwischen den polnischen Besitzern des alten Langguts mit Manfred Welzel.
Welzel (links) wird von seinem "Nachmieter" Janusz Kwiek durch den ehemaligen Hof seiner Familie geführt.
Welzel (links) und Kwiek verstehen sich trotz Sprachbarriere auf Anhieb prächtig.
Welzels Vater Alfred erbaute den Hof Anfang der 1930er Jahren in Eigenregie.
Alfred und Erna Welzel posieren mit ihrem Sohn Manfred für das Familienalbum. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Winter 1940/41.
Alte deutsche Grabsteine in einer Aussenwand-Nische der Dorfkirche in Brodziszów.
Historische Aufnahme des Welzelschen Anwesens - ungefähr Mitte der 1960er Jahre.
Manfred Welzel als Kind von ca. 5 Jahren. Kurze Zeit später wird er mit seinen Eltern und der kleinen Schwester Schlesien für mehr als 70 Jahren den Rücken kehren.
Janusz Kwiek (links) und Manfred Welzel auf einem Spaziergang um Brodziszów.
Die Region Niederschlesien ist sehr ländlich geprägt und dünn besiedelt.
14 Bilder

Schlesien

Ein kleiner Junge zeigt auf einen leblosen Körper im Strassengraben. «Was ist mit dem Mann?», fragt er seinen Grossvater. «Der schläft ein bisschen», antwortet dieser. Doch der sechsjährige Manfred ahnt, dass in dem abgemagerten Körper kein Leben mehr steckt. Es ist Winter 1945. Manfred und Otto sind auf dem Heimweg nach Dittmannsdorf nahe der Kleinstadt Frankenstein. So hiessen die Ortschaften, als sie noch zu Deutschland gehörten. Sie liegen in Niederschlesien, heute Teil der Republik Polen. SS-Einheiten trieben gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Tausende KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter durch das Gebiet zwischen Breslau und der Grenze zu Böhmen. Die mörderischen Trecks, sogenannte Todesmärsche, waren Teil der nationalsozialistischen Fluchtbewegung in Richtung Westen – vor der anrückenden Roten Armee.

Frühling 2018: Manfred Welzel steht auf einer grünen Kuppe am Rande eines Waldweges in Brodziszów. Das ist der polnische Name für Dittmannsdorf. Die Gemeinde besteht aus einer Hauptstrasse, einer Kirche und einigen Weilern. Das Dorf wirkt wie aus der Zeit gefallen. Viel hat sich hier seit dem Namenswechsel nicht verändert. Welzels Blick ruht auf den bestellten Feldern, die sich über Kilometer hinziehen. Niederschlesien war einst die Kornkammer Deutschlands und ist auch heute ländlich geprägt. Bis zur nächsten Grossstadt Breslau sind es 55 Kilometer. Die Region gehört trotz landesweitem Wirtschaftsaufschwung zu den strukturschwächsten Polens. Rund 11,5 Prozent Arbeitslosigkeit weist der Landkreis Frankenstein, heute Ząbkowice Śląskie, aus. In der gesamten Region Niederschlesien sind es lediglich 5,7 Prozent. Ausser Agrarwirtschaft gibt es hier nicht viel. Touristen gehen lieber ins Riesen­gebirge oder besuchen das pittoreske Breslau. Das Land dazwischen? Ein lieblicher, aber etwas trostloser Flecken Erde.

Aufgeschobene Wurzelsuche

Als der Autor dieses Artikels es endlich geschafft hatte, eine Reise mit seinem Vater nach Schlesien zu organisieren, lagen mehr als sieben Jahrzehnte zwischen Manfred Welzels Erlebnis am Strassenrand und der Rückkehr an den Geburtsort. Der Eiserne Vorhang gehört bald 30 Jahre der Vergangenheit an. Seit Ende 1989 ist es ein leichtes, das Land zu besuchen. Aber auch schon vorher wäre es möglich gewesen. Nur hat niemand in der Familie das jemals getan, nachdem die Welzels Schlesien 1946 den Rücken gekehrt hatten. Erna Welzel, die Mutter Manfreds, pflegte zu Zeiten des Kalten Krieges und darüber hinaus immerhin Briefkontakt mit den polnischen «Nachmietern» des Hauses, das Alfred Welzel, mein Grossvater, eigenhändig erbaut hatte. Das war zu Beginn der 1930er-Jahre. Die Weimarer Republik lag damals bereits im Sterben. Adolf Hitlers Nationalsozialisten standen kurz vor der Machtübernahme. Erna Welzel blieb emotional stets mit dem alten Zuhause verbunden. Doch nach der Übersiedlung in den westdeutschen Norden betrat sie nie wieder schlesischen Boden. Wie ihr einziger Sohn – bis zum April 2018.

Die Jugend verbrachte Manfred Welzel im niedersächsischen Dorf Badbergen. Das ist genauso weit weg von urbanen Zentren wie Bremen oder Hannover wie Dittmannsdorf von Breslau. Den Jungerwachsenen zog es bald in grössere Städte wie Osnabrück oder Wilhelmshaven, später für ein halbes Jahr nach Hamburg. 1964 und mit 25 Jahren entschied er sich, in der Schweiz Arbeit zu suchen. Seine Abenteuerlust und Neugier trieb ihn an. Er sollte ein Leben lang das Reisen lieben. Nur ausgerechnet nach Schlesien verschlug es ihn nie. Und doch redete er oft davon, eines Tages wieder dorthin zurückzukehren. Wurzeln geschlagen hatte er in der Zwischenzeit in Luzern, wo Welzel über 40 Jahre als Dekorateur in den Schaufenstern des Modegeschäfts Gränicher arbeitete.

Was alles geschah, bevor seine Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf einem dieser hölzernen von Ochsen oder Menschen gezogenen Wagen gen Westen zog, darüber hat Manfred Welzel seiner eigenen Familie wenig erzählt. Zu traumatisch schien das Erlebte – von der beschwerlichen Migration bis zur stockenden Integration als «Deutsche zweiter Klasse» in der Nachkriegs-BRD. Vieles sollte gar erst während der Reise nach Frankenstein und Dittmannsdorf zu Tage kommen.

Gross angelegte Völkerverschiebung

«Dort oben, in diesem kleinen Wäldchen, haben wir als Kinder immer gespielt», erzählt Welzel mit einer seltsamen Mischung aus Freude an der Erinnerung und andächtiger Wehmut. «Wir Jungs und Mädels aus dem Dorf und später auch mit den zugezogenen Russenkindern.» Russenkinder? Er meint wohl die polnischen Kinder. Welzel kann es nicht mehr genau sagen. In der Familien-narration sind nur bruchstückhafte Erinnerungsfetzen übriggeblieben, die von Schwarz-Weiss-Denken geprägt sind. Die Welzels sind erst mehr als ein halbes Jahr nach Kriegsende in den Westen übergesiedelt. Eine Zwangsdeportation oder gar eine überstürzte Flucht war es nicht. Manche Deutschen, die sich während der Nazizeit nichts zu Schulden haben kommen lassen, durften theoretisch in Schlesien, Pommern oder Ostpreussen bleiben. Nur entzog man ihnen mit Haus und Hof oft die Lebensgrundlage.

Manfred Welzel wurde 1945 noch in Dittmannsdorf eingeschult und spielte mit Kindern von ihrerseits aus Ostgalizien vertriebenen Polen. Die gross angelegte Völkerverschiebung war in vollem Gange und zementierte die ethnische Entflechtung des Kontinents. Die Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges schufen einen noch tieferen Graben zwischen Ost- und Westeuropa, der bis heute noch nicht wirklich zugeschüttet ist. Die Generation meines Vaters wuchs mit stereotypen Vorurteilen über das Leben, die Menschen und das System jenseits des Eisernen Vorhangs auf. Da machte man irgendwann keinen Unterschied mehr zwischen polnischen Zuwanderern und russischen Eroberern. Was die neuen Herrscher mit Niederschlesien erbten, waren nicht nur Kornfelder, so weit das Auge reichte, sondern auch Dutzende von Steinkohlebergwerken. Sie gehörten zu den Hauptarbeitgebern der Region. Heute sind sie längst stillgelegt. Vor der Ankunft in Dittmannsdorf, im Zug von Prag in Richtung Breslau, spricht Manfred Welzel über seinen Vater, der in einem der Minen als Vorarbeiter sein Geld verdiente. «Er war Steiger. Das ist ähnlich wie ein Polier auf dem Bau, einfach unter Tage.» Alfred Welzel brach mit der Tradition, denn fast alle Verwandten der Eheleute Welzel waren Bauern.

Humanität trotz Risiko

So auch mein Urgrossvater Otto Meier, ein wohlhabender Landwirt. Dessen Tochter begrüsste zunächst die infrastrukturellen Fortschritte unter Hitler. Dittmannsdorf bekam endlich eine asphaltierte Strasse. Ich habe bis heute Sätze meiner Grossmutter in den Ohren wie: «Ach der Adolf, das waren andere Zeiten. Es herrschte Ruhe und Ordnung, alle hatten Arbeit. Aber das mit den Juden, das hätte er nicht machen sollen.» Mit «das mit den Juden» meinte sie den Massenmord an über sechs Millionen Menschen. Ausgesprochen hat man das so nicht.

Dennoch: Meine Oma war ein warmherziger Mensch. Sie war es dann auch, die den «armen Teufeln auf den Todesmärschen heimlich Socken zusteckte, weil diese barfuss durch den kalten Winter getrieben wurden und meine Mutter Mitleid hatte», sagt Manfred Welzel und schüttelt dabei wütend den Kopf. Es scheint fast, als ob ihm die Monstrosität dieser Nazi-Gräuel gerade jetzt in sehr realen Bildern vor dem inneren Auge erscheint. Ein weiteres Puzzleteil in den persönlichen Memoiren, das durch die lange Fahrt nach Dittmannsdorf hervorgerufen wird.

Dass ein beachtlicher Teil der Familien der Grosseltern munter mitgemacht hat, als die Nazis ihre Diktatur errichteten, bezeugen alte Fotoalben. Darin sieht man Grossonkel und deren Freunde mit der Hakenkreuz-Armbinde guten Mutes beim Reichsarbeitsdienst. Obwohl dazu eigentlich fast alle jungen Männer aufgeboten wurden – dem nationalsozialistischen Gesellschaftsdruck hätte man sich in dieser Zeit noch entziehen können. Die wenigsten taten es. Anders mein Grossvater. Alfred Welzel wählte Sozialdemokratie. Die Nazi-Armbinde wollte er sich nicht überziehen, doch arrangierte er sich nach 1933 mit dem Regime, so gut es eben ging. Später, als Hitlers Armeen schon marschierten, hatte er das Glück, nicht in die Wehrmacht eingezogen zu werden. Alfred war als Arbeiter in einem «kriegswirtschaftswichtigen Betrieb» vom Militärdienst suspendiert. «Er musste dann gegen Ende des Kriegs vor allem gefangene Sowjetsoldaten bei der Zwangsarbeit anleiten», erzählt sein Sohn. Das war härteste Schufterei mit einem Minimum an Verpflegung. Dass dabei viele zu Grunde gingen, war Teil des Plans der Nazis. Überall im Reich und in den besetzten Gebieten starben Millionen an Folgen von Hunger und Zwangsarbeit. Meist in Kombination. Grossvater Welzel bewahrte zumindest Anstand und Menschlichkeit. «Obwohl die Wachmannschaften der SS das strengstens verboten hatten, schaute Papa weg, wenn sich die Russen heimlich auf die Felder schlichen, sich Kartoffeln holten und sie zubereiteten», erzählt mein Vater. Sich SS-Anordnungen zu widersetzen, barg ein grosses Risiko. Alfred Welzel nahm es auf sich. Und nicht wenige «seiner» Arbeiter überlebten dank ihm. Später ermöglichte ihm dieser Akt der Humanität, seiner Familie nach Westdeutschland nachzureisen und nicht in einem sowjetischen Gulag zu enden.

«Tak tak, Erna Welzel, twoja matka – Mutter!»

«Papa hat bis auf ein paar wenige Episoden so gut wie nie über all das geredet. Der hat den Kummer und die plagenden Erinnerungen in sich hineingefressen», erinnert sich mein Vater, als wir uns bereits Ząbkowice Śląskie nähern. Bis 1945 hiess die Kreisstadt Frankenstein. Sie ist bekannt für ihren schiefen Turm aus dem 15. Jahrhundert und die Schlossruine aus dem Dreissigjährigen Krieg. Im lokalen Spital kam Manfred am 21. Januar 1939 zur Welt. Auf der Geburtsurkunde prangt ein Stempel mit Hakenkreuz – «dem Führer ein Kind». Zum ersten Mal seit 1946 begegnet Welzel dem Ort, in dem er das Licht der Welt erblickte. Und die Klischees beginnen zu bröckeln. Trotz Strukturschwäche scheint es ein hübsches Städtchen zu sein. Bunte, zwei- bis dreistöckige Häuser säumen die Strassen. Der Marktplatz beherbergt schicke Gastronomiebetriebe. Manfred Welzel staunt. Ein Café trägt den Namen Frankenstein. Anscheinend haben die polnischen Betreiber keine Berührungsängste mit der deutschen Vergangenheit.

Die Besitzer des Hotels Dolnośląska sprechen fliessend Deutsch. «Es kommen viele ältere Deutsche, die hier ihre Wurzeln haben. Sie sind unsere wichtigsten Kunden», erklärt Dariusz Stuglik, Chef des Familienbetriebs. «Ein Taxi nach Brodziszów? Kein Problem, organisieren wir gleich», sagt er. Auf der Fahrt ist es ganz still im Auto. Manfred Welzel erinnert sich plötzlich, als der Taxifahrer in die schmale Landstrasse in Richtung Brodziszów einbiegt. Eine Adresse haben wir nicht, nur einige alte Fotos. Doch die brauchen wir nicht. Nach rund hundert Metern sagt mein Vater, ohne zu zögern: «Halt, das ist es.» Die Erinnerung ist hellwach. Vor dem kleinen weissen Gebäude sind gerade zwei Arbeiter daran, einige Pflastersteine der Einfahrt zu erneuern. Kurz darauf erscheint eine ältere Dame um die 80 und wundert sich, warum hier ein Taxi hält. Schnell wird klar: Durch Kommunikation mit Händen und Füssen kommen wir nicht weit. Die Schwarz-Weiss-Fotografien geben aber Aufschluss, mit wem es die Bewohner des ehemaligen Welzel-Domizils vor ihrer Haustür zu tun haben. Kurze, gespannte Ruhe, gefolgt von einem gewinnenden Lächeln meines Vaters und der Einladung der Hausherrin ins Innere.

Der Ehemann kommt kurz darauf hinzu. Janusz Kwiek ist ein Mann mit furchigem, von einem Leben voller Arbeit gezeichnetem Gesicht. Doch seine Augen funkeln – beim Namen Welzel werden die krummen Zähne hinter dem zuvor so grimmig geschlossenen Mund sichtbar. «Tak tak, Erna Welzel, twoja matka – Mutter!», sagt er. Seine Familie wurde Anfang 1945 aus Galizien in Ostpolen vertrieben, das fortan zur Sowjetunion gehören sollte.

Auch heute, über 70 Jahre nach seinem Zuzug als kleiner Junge, wohnt Janusz Kwiek in Brodziszów. Im selben Haus. Seine Eltern waren die Adressaten der Briefe Erna Welzels. Manfred und Janusz schauen sich lange an und nicken sich zu, ehe der heutige Hausbesitzer meinen Vater auffordert, mit ihm einen Rundgang durch das Anwesen zu machen. Vor 73 Jahren hat sich dieselbe Szene vermutlich mit vertauschten Rollen schon einmal abgespielt. Danuta Struzik ist die Schwester von Janusz und stösst ebenfalls zur immer grösseren, sich einander neugierig begegnenden Runde. Ihr Mann Piotr arbeitete lange in der Schweiz. Plötzlich kann man sogar Schweizerdeutsch sprechen. Die «Russenkinder», sie erhalten auf einmal ein konkretes Gesicht. Für meinen Vater ein Meilenstein. Es folgt ein Spaziergang vom rückseitigen Ende des kleinen Hofs über einen Feldweg in Richtung Dorfmitte – bis zum kleinen Hügel mit dem Wäldchen, in dem Manfred damals gespielt hat. Der Wind bläst ordentlich über die Felder. In einem ruhigen Moment sucht Manfred Welzel die deutschen Grabsteine auf dem kleinen Friedhof vergeblich nach Namen von Verwandten ab. Die meisten alten Stelen wurden inzwischen entfernt.

Brief öffnet Fenster in die Vergangenheit

Zurück im Haus, trinkt man Tee, Wein und Wodka. Ein vergilbter Brief Erna Welzels öffnet ein kleines Fenster in die Vergangenheit. Er bezeugt den Wunsch der Grossmutter, die Heimat wiederzusehen. «Noch einmal die Schneekoppe im Riesengebirge hinaufwandern» war eine ihrer Sehnsüchte. Unter den Unterschriften der Familienmitglieder entdecke ich jene meines Vaters. Da war er ein junger Mann von rund 20 Jahren. Schreiben an die Familie Kwiek hielt er damals wohl für verschwendete Zeit. Und das Geld, das Erna Welzel nach Brodziszów schickte, hätte er sicher lieber für einen Tanzabend genutzt. Doch ohne den Briefverkehr würden wir nun wohl nicht im alten Wohnzimmer der Welzels sitzen. Die Bindung an die Heimat war für Manfred ein Gefühl, das er zeitlebens nicht kannte. Das Leben in Schlesien ist trotz dieser Reise in die eigene Vergangenheit eine allzu ferne Erinnerung. Und wenn er heute – über 50 Jahre nach seinem Zuzug in die Schweiz – sagen müsste, wo die Heimat liegt, so wäre die Antwort eindeutig Luzern. Und trotzdem: Als der warme Wind auf der Kuppe beim kleinen Wäldchen über die niederschlesische Tiefebene pfiff, hinter ihm seine alte Schule und die Kirche von Dittmannsdorf, in der er getauft wurde, musste Manfred eine Träne wegdrücken. Er war doch einen kurzen Moment so etwas wie zu Hause.

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