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Eine englische Stadt hält den Atem an

In Salisbury sind die Menschen nach der zweiten Nowitschok-Vergiftung verunsichert. Die Frage, wie sicher es in der südenglischen Gemeinde ist, treibt Bürger, Medien und Behörden um.
Sebastian Borger, Salisbury
Spezialisten untersuchen ein Wohnheim in Salisbury, in dem eines der Nowitschok-Opfer lebte. (Bild: Jack Taylor/Getty, 6. Juli 2018)

Spezialisten untersuchen ein Wohnheim in Salisbury, in dem eines der Nowitschok-Opfer lebte. (Bild: Jack Taylor/Getty, 6. Juli 2018)

Er sei heilfroh, sagt Peter Kirkham und wischt sich den Schweiss von der Stirn, «dass dies nicht mein Fall ist». Während seiner Arbeit als Mordkommissionsleiter bei Scotland Yard haben seine Beamten immer wieder Grün­flächen auf der Suche nach Tatwaffen durchkämmt. «Aber wir wussten auch, wonach wir suchten – blutverschmierte Messer oder Ähnliches.» Kirkham schaut über die Polizeiabsperrung hin­über zu den Queen Elizabeth Gardens, einem hübschen Park am Ufer des Avon-Flusses im süd­englischen Städtchen Salisbury. «Diesmal sind die Kollegen auf Mutmassungen angewiesen.»

Zwei Obdachlose ringen mit dem Tod

Dass in Salisbury zum zweiten Mal binnen vier Monaten ahnungslose Menschen mit Nowitschok vergiftet wurden, haben die zuständigen Experten bestätigt. Die beiden jüngsten Opfer Dawn Sturgess, 44, und Charlie Rowley, 45, aus der örtlichen Obdachlosen-Szene ringen im Kreiskrankenhaus mit dem Tod. Wie aber kamen sie mit dem chemischen Kampfstoff in Berührung? War er in einem Parfümzerstäuber enthalten, einem Glasfläschchen, einer Tube?

Der Pensionist Kirkham ist nach Salisbury gekommen, um britischen TV-Sendern bei der Interpretation der wenigen Kripo-Informationen zu helfen. An den bekannten letzten Aufenthaltsorten der beiden Opfer, darunter auch die Queen Elizabeth Gardens, suchen Beamte nach Hinweisen. Wegen der grossen Hitze können sie jeweils nur einige Minuten in ihren Spezialanzügen verbringen. Eingesetzt werden auch Gasmasken und Drohnen. Auf gespenstische Weise wiederholen sich damit in Salisbury und dem zwölf Kilometer entfernten Amesbury, wo Rowley in einem Drogenentzugsprojekt lebte, die Szenen vom vergangenen März.

Der Fall Skripal ist nicht vergessen

Damals waren auf einer Parkbank mitten in Salis­bury der von Grossbritannien aus russischer Haft freigekaufte Ex-Agent Sergej Skripal, damals 66, und seine 33-jährige Tochter Julia bewusstlos aufgefunden worden. Die Grünfläche am Fluss Avon ist nur wenige Fussminuten entfernt von den Queen Elizabeth Gardens, wo sich Sturgess und Rowley am Freitag aufhielten. Die Skripals konnten nach wochenlanger Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Im Fall der Skripals war der Giftstoff offenbar auf die Türklinke von Sergejs Haus geschmiert, wie sich den extrem spärlichen Informationen der Sonderkommission entnehmen lässt. Diesmal deutet vieles darauf hin, dass es sich bei den beiden Obdachlosen um Zufallsopfer handelt. Kann es also jedermann treffen? Ist das Gift noch immer wirksam, und wie lange? Auf solche Fragen gibt es keine Antworten. Zum einen wurde Nowitschok nie grossflächig angewandt, über die Verweildauer des Kampfstoffes in der Natur ist wenig bekannt. Zum anderen sind sich selbst die Experten nicht einig.

Im BBC-Radiomagazin «Today» streiten die Fachleute darüber, ob Nowitschok durch die Haut in den Körper eindringt oder nur durch den Mund aufgenommen werden kann. Dementsprechend verhalten ist die Stimmung vor Ort. Enttäuscht seien seine Bürger, sagt der Leiter der Stadtregierung, Matthew Dean. Natürlich mache man sich Sorgen um die Besucherzahlen. «Wir wollen doch der Welt sagen, dass es hier sicher ist. Das ist momentan eine Herausforderung.»

Eine Parkbank bleibt ungenutzt

Abwartend äussert sich auch Domherr Edward Probert im Kreuzgang seiner gotischen Kathedrale. Natürlich habe Salisbury einen Schock erlitten, beschreibt der anglikanische Pfarrer die Gefühle seiner Gemeinde. «Aber wir haben uns vor vier Monaten nicht unterkriegen lassen, und das wird diesmal genauso sein.»

Damals, nach dem Anschlag auf die Skripals, gingen die Besucherzahlen der Kathedrale kurzzeitig um 40 Prozent zurück, erholten sich dann und verharrten bis Monatsbeginn nur leicht unter dem für den Hochsommer zu erwartenden Niveau. «Wir müssen nun abwarten, wie sich das entwickelt.» Abwarten und Eistee trinken, was bleibt den Leuten in Salisbury auch anderes übrig? Im Stadtzentrum hatte die Gemeindeverwaltung gerade erst grosse Plakatwände anbringen lassen. Sie verdecken jene Orte wie das Restaurant Zizzi’s an der Strasse Market Place oder das idyllisch an einem kleinen Wasserfall des Avon gelegene Pub The Mill, die auch vier Monate nach dem Anschlag noch geschlossen sind. «Salisburys Genesung ist auf gutem Weg», heisst es darauf, die Fotos zeigen idyllische Szenen aus dem liebevoll renovierten historischen Zentrum. Auf einer kleinen Grünfläche haben sich zur Mittagszeit viele Menschen im Schatten grosser Buchen niedergelassen. Nur eine Bank bleibt leer. Auf ihr wurden Anfang März die Skripals bewusstlos aufgefunden.

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