Frankreich
Eine Stierkämpferin marschiert für Macron

Marie Sara ist eine der zahlreichen Politneulinge, die bei den Parlamentswahlen kandidieren.

Stefan Brändle, Grau-du-Roi
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«Stierkampf ist Kunst»: Die 53-jährige Marie Sara kandidiert für die Bewegung En Marche von Präsident Emmanuel Macron.Pascal Guyot/Getty Images

«Stierkampf ist Kunst»: Die 53-jährige Marie Sara kandidiert für die Bewegung En Marche von Präsident Emmanuel Macron.Pascal Guyot/Getty Images

AFP/Getty Images

Das ist also die Frau, die Hunderte von Stieren getötet hat. Mit ihren langen blonden Haaren und einer schlichten Türkisbluse wirkt Marie Sara nicht grausam, sondern grazil und feminin, als sie in Grau-du-Roi mit Besuchern eines Volksfestes plaudert. Die 53-jährige Französin spricht so, wie sie sich bewegt: präzis, entspannt, aber stets bereit zum Sprung.

Ja, Emmanuel Macron habe sie persönlich angerufen und gebeten, bei den Parlamentswahlen im Department Gard für seine Bewegung En Marche anzutreten. Nach ein paar Stunden Bedenkzeit habe sie zugesagt, erzählt die Mutter zweier Kinder, die wie so viele Kandidaten des Macron-Lagers noch nie Politik betrieben hat.

Mit 19 Jahren war sie gegen den Willen ihrer Künstlereltern von Paris in die 600 Kilometer und geistig noch viel entferntere Camargue gezogen – um Stierkämpferin zu werden. Und sie schaffte es, sich in der Männerwelt der Matadore einen Namen zu machen. Mehr als 15 Jahre lang betätigte sie sich in den Arenen Südfrankreichs und bald darüber hinaus als Torera zu Pferde (in der Fachsprache: Rejoneadora). Die schöne Blonde wurde bis in die Klatschspalten bekannt, zeigte sich am Filmfestival in Cannes und heiratete der Reihe nach einen Corrida-Produzenten, einen Tennisstar und zuletzt einen Werbemagnaten, der sie mit Macron bekannt machte.

Stierkampf-Gegner protestieren

Dass Marie Sara jetzt in die Politik einsteigt, gefällt nicht allen. In Nîmes, der Hauptstadt des Gard, mobilisierten Corrida-Gegner an Pfingsten wie üblich gegen die weitherum bekannte Stierkampf-Feria. Diesmal aber forderten sie zudem Macron in mehreren Petitionen mit insgesamt 200 000 Unterschriften auf, Saras Kandidatur zurückzuziehen. Die Torera habe bis 2007 «Hunderte von Stieren abgeschlachtet», heisst es zur Begründung, begleitet von Bildern, in denen Sara einem blutüberströmten Camargue-Taureau den Degen in den Nacken treibt.

Marie Sara geht den militanten «No Corridas» in Nîmes aus dem Weg. Sie verlagert ihre Wahlkampagne nach Grau-du-Roi an der Küste, wo gerade ein Volksbrauch gefeiert wird. Mit Holzstangen und –schilden stossen sich Jugendliche im Camargue-Kanal gegenseitig von ihren Ruderbarken. Jedesmal, wenn einer ins Wasser fällt, johlt die Menge zu Trompetenstössen. Auch für die Beteiligten in ihren weissen Hemden und Strohhüten ist es ein Gaudi.

Mann gegen Mann, ohne dass einer das Leben lässt: Ist das nicht fairer, ja humaner als ein Stierkampf? «Das ist nicht dasselbe», antwortet Marie Sara dezidiert. «Man kann auch nicht Pétanque mit Schach vergleichen. Stierkampf ist kein Volkssport, das ist Kunst.» Aber nicht eine morbide Kunst? «Ich züchte Stiere und Pferde, das ist voller Leben», meint die heutige Leiterin der Arena von Saintes-Marie-de-la-Mer. In ihrer Wahlkampfbroschüre, auf der sie neben Macron abgebildet ist, verlangt Sara den Eintrag der «courses camarguaises» – der Camargue-Stierrennen, die nicht tödlich enden – in das Unesco-Welterbe.

Von den eigentlichen Corridas ist darin nichts zu lesen. Dafür verspricht die einstige Torera mehr Gendarmen im Gard und weniger bürokratische Normen für Fischer und Bauern. Im Gespräch sagt sie, sie trete «gegen Obskurantismus und Rassismus» an. Das ist auf ihren wichtigsten Widersacher gemünzt, den seit 2012 amtierenden Abgeordneten des Front National, Gilbert Collard. Ein Anti-Corrida-Appell aus ihren eigenen Reihen hält ihr indessen selber vor, sie trete für einen «rückständigen und barbarischen» Brauch ein. Das sei alles andere als die moderne Zivilgesellschaft, die Macron mit seinen apolitischen Kandidaten verkörpern wolle.

Der neue Präsident hatte kurz vor seiner Wahl erklärt, er sei gegen ein Verbot des Stierkampfes, denn dieser sei «in Südfrankreich Teil von Kultur, Wirtschaft und Tourismus». Die Stierkampfbefürworter sind allerdings überall in Frankreich in der Minderheit: Während die Corrida landesweit von 73 Prozent abgelehnt wird, sind auch im Gard 66 Prozent der Befragten gegen das Töten der Stiere.

Dazu will sich Sara aber jetzt nicht weiter äussern. Von zwei bulligen Bewachern geschützt, hastet die Torera zum nächsten Wahlkampftermin in der «Petite Camargue». Die «Kleine Camargue» ist eine der ärmsten Landesgegenden. Hinter der idyllischen Kulisse aus Salzseen, Stierherden und weissen Pferden prangen soziale Abgründe voller Alkoholismus, Arbeitslosigkeit bis hin zum Dschihadismus: Aus dem Städtchen Lunel 15 Kilometer nördlich von Grau-du-Roi sind vor zwei Jahren gleich 20 junge Männer in den heiligen Krieg nach Syrien gezogen.

«Sara hat Angst vor Stierhörnern»

Im näher gelegenen Aigues-Mortes tritt am Abend Gilbert Collard auf. Ein Gewitter geht gerade über den mittelalterlichen Kreuzfahrerort nieder, und nur zwei Dutzend Gäste folgen dem Plädoyer des 69-jährigen Staranwalts, einem von nur zwei Vertretern des Front National in der Nationalversammlung. «Marie Sara hat Angst vor meinen Stierhörnern», höhnt Collard, weil sich die Kandidatin weigert, im Regionalfernsehsender France-3 zu einem Streitgespräch der Kandidaten anzutreten. «Kein Wunder, die Torera ist seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen.» Nach diesen Aufwärmsprüchen vermeidet aber auch der schlecht rasierte FN-Mann das Thema Stierkampf: Als bekannter «Aficionado» steht er auf der gleichen Seite wie Sara. Nur verwundert das bei einem Frontisten weniger als bei einer En-Marche-Kandidatin.

Collards Zuhörer schimpfen auch lieber gegen Terroristen, Einbrecher und – für sie fast so schlimm – die Pariser Politikerkaste. Collard verspricht, sich dieser Themen anzunehmen, wenn sie ihn wiederwählen. «Wenn ich durchkomme, folgt mir; wenn ich zurückweiche, tötet mich», imitiert er voller Verve das bekannte Bonmot eines französischen Monarchisten aus der antirevolutionären Vendée. «Und wenn ich getötet werde, rächt mich!» Szenenapplaus für den Advokaten, dann endlich gibt es Apéro.

Beim Stopfen seiner Tabakpfeife betont Collard gegenüber dem ausländischen Journalisten, hier in der ländlichen Camargue töte man den Stier nicht – anders als in der römischen Arena von Nîmes oder in Spanien. «Und Sie werden sehen, am nächsten Sonntag wird der Stier sogar gegen die Matadora gewinnen.»

Gute Chancen in der Stichwahl

Sicher ist das mitnichten. In den Umfragen liegen Collard (32 Prozent) und Sara (31 Prozent) gleichauf; die Kandidatinnen der Konservativen und der Linksfront schaffen es möglicherweise nicht einmal in die Stichwahl eine Woche später. Dort wird Sara als Siegerin mit 56 Prozent gesehen. Macrons riskante Personalwahl im Gard – und nicht nur dort – hätte sich damit ausbezahlt. Alle Umfragen sagen ihm mittlerweile eine klare Regierungsmehrheit in der Nationalversammlung voraus.