Frankreich

Eine üble Affäre holt Präsident Sarkozy ein

Zwei Frauen wollen wissen, ob der Präsident für den Tod ihrer Väter mitverantwortlich ist. Denn sie haben beide ihre Väter bei einem Bombenanschlag in Karachi verloren.

Stefan Brändle, Paris
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Sie sind die Freundlichkeit in Person, auch wenn etwas in ihrem Blick keinen Zweifel lässt: Sandrine Leclerc und Magali Drouet sind bereit, bis zum Letzten zu gehen. Die zwei Französinnen aus Cherbourg und Perpignan sind «empört und wütend», wie sie in der Kanzlei ihres Pariser Anwaltes erzählen. Abwechselnd schildern die beiden 35-jährigen Frauen, wie sie am 8. Mai 2002 ihre Väter bei einem Bombenanschlag in Karachi verloren. Elf französische Ingenieure und vier Pakistaner, die an einem von Frankreich an Pakistan verkauften U-Boot bauten, kamen ums Leben.

Sandrine und Magali, die sich bei der Beerdigung ihrer Väter kennen gelernt hatten, wünschten Aufklärung, wurden aber wie alle Angehörigen hingehalten. «Der Anwalt, den uns das Innenministerium zuwies, empfing uns in sechs Jahren kein einziges Mal», sagt Sandrine, die in Perpignan Biologielehrerin ist. «Heute wundert uns das nicht mehr: Er arbeitete unter dem damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy.»

Es begann schon 1994

2008 wechselten Sandrine und Magali den Anwalt – und damit irgendwie die Seite. Denn ihr neuer Rechtsvertreter ging der Sache wirklich nach und gelangte bald zur Gewissheit, dass hinter dem Karachi-Anschlag keineswegs Islamisten steckten, wie die Behörden beider Länder behaupten. Die Affäre begann vielmehr schon 1994, als Frankreich drei Agosta-Unterseeboote an Pakistan verkaufte. Den Kaufpreis von umgerechnet 820 Millionen Euro schmierte die Regierung in Paris ganz legal mit 84 Millionen an «Kommissionen». Ein Teil dieser Gelder floss aber offenbar nach Paris zurück.

Der spätere Verteidigungsminister Charles Millon bestätigte dieser Tage gegenüber einem Untersuchungsrichter, 1994 seien solche «rétrocommissions» im Umfang von gut 10 Millionen Euro wirklich zurückgeflossen. Sandrines und Magalis Verdacht ist damit erstmals von offizieller Seite erhärtet worden. Die Pariser Medien sprechen von einem «Karachigate», das zweifellos mehr Dynamit als der zerbombte Bus von 2002 erhält.

Denn die Luxemburger Polizei hat inzwischen eruiert, dass die 10 Millionen in der Kasse des Präsidentschaftskandidaten Edouard Balladur landeten – dessen Kampagnenchef Nicolas Sarkozy war. Auf dem Luxemburger Konto hat ein gewisser «NS» den entsprechenden Auftrag erteilt.

«Heute verlangen wir Auskunft, Herr Präsident», forderten Sandrine Leclerc und Magali Drouet an einer Pressekonferenz, bei der sie ihr gemeinsames Buch «Man nennt uns ‹die Karachis›» vorstellten. «Sie können nicht länger auf die gleiche Weise lügen.» Sarkozy hat die Behauptungen schon vor Monaten pauschal als «grotesk» verworfen. Doch falls sie stimmen, wären der heutige Präsident und Balladur für den Tod von 15 Menschen mitverantwortlich. Unabsichtlich zwar, aber vermittels illegaler Schmiergelder.

Chirac stellte die Zahlungen ein

Von den «rétrocommissions» weiss man heute, weil Balladurs damaliger Rivale Jacques Chirac Wind davon bekommen hatte. Der 1995 gewählte Präsident liess, wie sich Millon erinnert, die Agosta-Zahlungen abrupt einstellen, damit sie nicht in der Tasche Balladurs landeten. Nicht nur Sandrine und Magali vermuten, dass das Abdrehen des Geldhahns die Pakistaner so in Rage brachte, dass sie den Bus in die Luft sprengten.

«Die präsidiale Amtsimmunität ist nicht sakrosant. Auch Sarkozy muss aussagen», meint Magali, die als Schiffskontrolleurin in Cherbourg arbeitet. «In Frankreich wurden schon viele Affären vertuscht. Doch diesmal wird das nicht gehen, denn jetzt sind 11 Witwen und 27 Waisen da.»