Eine verseuchte Branche: Corona-Ausbruch bei Tönnies stösst eine Debatte um Zustände in der Fleischindustrie neu an

Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies droht der Region der Lockdown. Die Politik will nun höhere Fleischpreise.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Beim deutschen Fleischverarbeiter Tönnies infizierten sich über 1000 Mitarbeiter mit dem neuen Coronavirus.

Beim deutschen Fleischverarbeiter Tönnies infizierten sich über 1000 Mitarbeiter mit dem neuen Coronavirus.

Bild: Imago Images

Bislang wurden mehr als 1330 Mitarbeiter des Fleischverarbeiters Tönnies positiv auf das Coronavirus getestet – 7000 Mitarbeiter des deutschen Branchen-Riesen sind für zwei Wochen in Zwangsquarantäne, ganze Wohngegenden in der Region Gütersloh sind eingezäunt.

Militärangehörige und Mitarbeiter des Roten Kreuzes unterstützen die lokalen Behörden dabei, die zumeist aus Polen, Bulgarien und Rumänien stammenden Billig-Löhner und ihre Familienangehörigen auf das Virus zu testen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet hat einen Lockdown für die gesamte Region Gütersloh nicht mehr ausgeschlossen. Er sprach von einem «enormen Pandemie-Risiko». Schulen und Kinderkrippen wurden in dem Landkreis bereits geschlossen.

Das riesige Fleischwerk am Firmenstandort in Rheda-Wiedenbrück bei Gütersloh ist zu einer regelrechten Brutstätte für das Virus geworden. Vor allem die Zerlegeabteilung, wo die Schweine zu Schnitzeln und Kotelettes an Fliessbändern verarbeitet werden, entwickelte sich zu einem Pandemie-Herd. Die Abstandsregeln wurden bei der Firma Tönnies des Patrons Clemens Tönnies, der nicht zuletzt wegen seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender des Fussballvereins Schalke 04 Prominenten-Status geniesst, offenbar nicht eingehalten. In den Kantinen sassen die aus mehr als 80 Nationen stammenden Arbeiter eng beieinander. Hinzu kommt, dass die Billig-Löhner, die über Subunternehmen für die Firma arbeiten, zusammengepfercht in engen Wohnungen leben. Ehemalige Tönnies-Mitarbeiter berichten von beengten Wohnungen, welche ihnen von den Subunternehmen zur Verfügung gestellt wurden. «Diese Menschen werden in Zuständen gehalten wie die Schweine, die sie schlachten», sagt ein Hausmeister, der die Wohnsilos der Tönnies-Mitarbeiter betreut. Die Wohnkosten von 250 bis 300 Euro werden vom ohnehin geringen Lohn abgezogen.

Bereits Anfang Mai kam es in Fleischfabriken in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen zu Corona-Ausbrüchen, allerdings in geringerem Ausmass. Eine Weiterverbreitung konnte durch Quarantäne-Regelungen verhindert werden. Offenbar begünstigen die beengten Verhältnisse in den Fabriken und die dort kühlen Temperaturen die Übertragung.

Muss das Fleisch nun teurer werden?

Der jüngste Corona-Ausbruch bei Tönnies könnte möglicherweise durch die aus ihren Heimaturlauben zurückgekehrten Mitarbeiter aus Osteuropa begünstigt worden sein. Viele der Männer aus Rumänien, Polen oder Bulgarien nutzten die verlängerten Wochenende wie Pfingsten für einen Abstecher zu ihren Familien. Das Risiko, dass die Tönnies-Mitarbeiter das Virus weiter übertragen, ist gross. Viele sind in den letzten Tagen in ihre Heimat zu ihren Familien abgereist. Die Firma Tönnies hat kaum Informationen, wer überhaupt für sie arbeitet, da die Angestellten in verschachtelten Konstrukten unter Vertrag stehen. Erst auf Druck von Politik und Behörden rückte die Firmenleitung Angaben über die Mitarbeiter heraus – da lediglich die Subunternehmer über Angaben zu den Wohnorten verfügten, verstrich wertvolle Zeit. Die Tönnies-Angestellten leben in mehreren Landkreisen, teilweise im benachbarten Niedersachsen, verteilt auf 1300 Liegenschaften.

Der Corona-Ausbruch bei Tönnies stösst eine Debatte um Zustände in der Fleischindustrie neu an – mit einer Heftigkeit, die immerhin die Hoffnung nährt, dass sich in der Branche nun tatsächlich etwas ändern wird. Bereits im Mai hat die Bundesregierung ein Verbot für die sogenannten Werksarbeitsverträge auf den Weg gebracht. Ab 1. Januar soll es den Fleischfabrikanten nicht mehr möglich sein, die meist aus Osteuropa stammenden Mitarbeiter über Subunternehmen arbeiten zu lassen. Künftig müssen die Schlachter und Fleischer vom Betrieb direkt angestellt sein. Damit sollen die Menschen aus ihren menschenunwürdigen Arbeitsverträgen herausgeholt werden.

Politik will «Ausbeutung» beenden

«Mit der gesundheitlichen Gefährdung und der Ausbeutung von Menschen muss Schluss sein», sagt Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Freddy Adjan von der Gewerkschaft Nahrungsmittel-Genuss-Gaststäten (NGG) hofft, dass sich in der Fleischindustrie nun grundlegend etwas ändern wird. «Es ist eine verseuchte Branche.»

Auch sollen die Fleischpreise erhöht werden, wie Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ankündigte. «Fleisch ist zu billig», sagte die CDU-Politikerin. Sie setzt sich für eine Tierwohlabgabe ein, die Landwirten helfen soll, ihre Bauernhöfe tiergerecht umzubauen. «Auch für Verbraucher wird sich etwas ändern müssen. Dabei soll Fleisch kein Luxusprodukt für Reiche werden. Aber auch keine Alltagsramschware.»

Der 64-jährige Konzernchef Clemens Tönnies bat bei Bürgern und Politik um Entschuldigung. «So werden wir nicht weitermachen, wir werden diese Branche verändern, das steht fest», sagte er. Tönnies Fleischfirma droht durch die Krise in existenzielle Nöte zu geraten.