Kanada
Einige Dörfer widersetzen sich der Zeitumstellung

Creston gehört zueinem Dutzend Gemeinden in Kanada, in denen die Uhren nie umgestellt werden. Während der Grossteil von Nordamerika jedes Frühjahr von der Winter- auf Sommerzeit wechselt, bleibt in Creston alles beim Alten.

Jörg Michel, Jasper
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Nicht alle machen bei der Zeitumustellung mit. (Archiv)

Nicht alle machen bei der Zeitumustellung mit. (Archiv)

Keystone

Jim Jacobsen liebt Eishockey. Manchmal richtet der Kanadier seinen ganzen Tagesablauf danach aus, wann in den Arenen des Landes der Puck fällt. Dann eilt er von seinen Terminen nach Hause, schaltet den Fernseher ein und macht es sich in seinem Sessel gemütlich – wie Millionen seiner Landsleute auch.

Doch als Jacobsen unlängst wieder einmal seiner Sportbegeisterung frönen wollte, ging die Sache schief. «Ich habe den Fernseher angemacht, aber fast die Hälfte des Spiels war schon vorbei. Das war ärgerlich.» Dabei war er pünktlich gewesen und hatte sich genau an die Zeit in der Programmvorschau gehalten. Er ist nicht der Einzige in seinem Dorf, dem ein solches Missgeschick ab und zu passiert.

Jacobsen lebt in Creston, einem kleinen Bergdorf in einem einsamen Tal im Westen Kanadas nahe der Grenze zu den USA. Viele der 13 000 Menschen in dem Tal leben noch immer so wie schon ihre Vorfahren: vom Obstanbau, der Viehzucht oder der Holzfällerei. Aber auch sonst ticken die Uhren in Creston noch anders – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Creston gehört zueinem Dutzend Gemeinden in Kanada, in denen die Uhren nie umgestellt werden. Während der Grossteil von Nordamerika jedes Frühjahr von der Winter- auf Sommerzeit wechselt, bleibt in Creston alles beim Alten. Hier gilt das ganze Jahr über Winterzeit – und das macht den Alltag kompliziert. «Ich wohne seit über 20 Jahren in Creston, trotzdem verpasse auch ich noch gelegentlich wichtige Termine», berichtet Jacobsen, der als Geschäftsführer bei der lokalen Handelskammer arbeitet.

Das nächste Krankenhaus etwa liegt eine Autostunde weiter in einer Stadt, die die Zeit umstellt. «Wenn ich im Sommer dort einen Arzttermin habe, muss ich zweieinhalb Stunden vorher losfahren, damit ich pünktlich bin. Im Winter genügen eineinhalb Stunden.» Ähnlich kompliziert ist es mit der Fähre, die über den nahen Kootenaysee kreuzt – ihr Fahrplan unterliegt dem Wechsel der Zeiten.

Das Durcheinander hat mit den politischen Zuständigkeiten zu tun. In Nordamerika sind nicht die Zentralregierungen für die Zeit verantwortlich, sondern die Regionen und Gemeinden. Seit den 70er-Jahren haben die meisten Gebiete die Sommerzeit eingeführt, auf die in Nordamerika meist schon einige Wochen vor Europa umgestellt wird. Einige Bundesstaaten oder Provinzen aber klinken sich aus, etwa Arizona in den USA oder Saskatchewan in Kanada. Anders als bei einzelnen Ortschaften führt das aber selten zu Problemen, weil es riesige Einheiten betrifft.

Creston dagegenist ganz auf sich alleine gestellt. Wie es dazu kommen konnte, weiss dort eigentlich keiner mehr so ganz genau. Einige Bewohner sagen, dass einst vor allem die Viehbauern gegen die Sommerzeit opponierten, weil sie in der Früh länger bei Tageslicht melken wollten. Andere glauben zu wissen, dass es an der Eisenbahngesellschaft lag, deren Gleise durch das Tal führen und die sich auf ihren Strecken lange an einer einheitlichen Zeit orientiert hatte.

Bürgermeister Ron Toyota geht das Ganze mittlerweile ziemlich auf den Nerv: «Die Welt um uns herum ändert sich, wir aber hinken hinterher.» Dieses Jahr will er eine Abstimmung darüber abhalten, allerdings mit geringen Chancen auf Erfolg. Mehrmals schon hatten die Bürger die Sommerzeit an der Urne abgelehnt.

Seit einiger Zeitmacht den Crestonern auch die Technik einen Strich durch die Rechnung. Weil viele Uhren und Mobiltelefone mittlerweile satellitengesteuert sind und deshalb automatisch auf Sommerzeit wechseln, müssen die betroffenen Bewohner am Sonntag danach erst mal eines tun: ihre Uhren und Handys umstellen.