Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

EINSCHÄTZUNG: «Der Zeitpunkt ist sicher kein Zufall»

Laut Terrorismusexperte Peter Neumann war mit so komplexen Anschlägen nicht zu rechnen. Er fordert mehr Prävention.
Interview Sermîn Faki
Bei den Terrorakten in paris starben 129 Menschen. (Bild: AP)

Bei den Terrorakten in paris starben 129 Menschen. (Bild: AP)

Interview Sermîn Faki

Peter Neumann, hat Europa in Paris gerade sein eigenes 9/11 erlebt?

Peter Neumann*:Dieser Vergleich wird bei Terroranschlägen immer wieder gezogen, aber die Attentate von Paris waren anders als der 11. September 2001. Denn im Gegensatz zu damals ist die Tatsache, dass es in Europa zu Anschlägen kommt, heute keine Überraschung.

Aber auch Sie haben eine Attentatsserie wie in Paris nicht kommen sehen.

Neumann:Die Grösse und Komplexität der Anschläge haben mich überrascht. Wie die meisten Experten habe ich nicht erwartet, dass der Islamische Staat (IS) in der Lage ist, sehr komplizierte Anschläge, die viel Planung brauchen, auszuführen. Aber wir haben in den letzten drei Jahren eine Mobilisierung gesehen, die alles in den Schatten stellt, was wir beispielsweise bei Al Kaida erlebt haben. Das gilt insbesondere für Frankreich. Dass dies kein gutes Ende nehmen würde, war abzusehen.

Was bedeutet es, dass der IS so komplexe Anschläge inmitten von Europa verüben kann?

Neumann: Dass wir umdenken müssen. Unsere Vermutung, dass der IS auf die sogenannten einsamen Wölfe setzt, ist offensichtlich falsch. Jetzt müssen wir herausfinden, welche IS-Strukturen in Europa existieren, wie und von wem die Anschläge geplant wurden. Und wir müssen uns darauf einstellen, dass es weitere Attentatsversuche geben wird.

Die Attentate von Paris werden zu einem Zeitpunkt verübt, zu dem der IS in seinem Kerngebiet in Syrien und dem Irak massiv unter Druck ist. Sehen Sie einen Zusammenhang?

Neumann: Ich weiss nicht, ob dies von langer Hand so geplant war, aber es ist sicher kein Zufall. Der IS verliert in Syrien und im Irak an Boden. Viele der eroberten Gebiete stehen unter Druck oder sind bereits verloren. Anschläge wie die von Paris lenken davon ab und zeigen den Unterstützern, bei denen in den letzten Monaten die Zweifel an der Schlagkraft der Bewegung gewachsen sind, dass man immer noch stark ist. Die Unterstützer sind jetzt wieder absolut enthusiastisch. Das ist für den IS überlebenswichtig, denn seine Attraktivität beruht nicht allein auf der Ideologie, sondern vor allem auf dem Erfolg, auf dem Bild vom Unbesiegbaren.

Was müsste die Antwort Europas auf die Attentate sein? Ein verstärktes militärisches Eingreifen in Syrien und dem Irak?

Neumann:Unter anderem. Viele Experten haben gemeint, dass der Islamische Staat nur am Nahen Osten interessiert sei und uns nicht angreifen werde, solange wir uns raushielten. Das hat offensichtlich nicht gestimmt. Es ist daher notwendig, konsequent gegen den IS in dessen Kerngebiet vorzugehen und ihm so die Lebensgrundlage zu entziehen.

Muss zudem Europa mehr in Sicherheit und Überwachung investieren?

Neumann:Ja, aber auch das reicht noch nicht. Islamistischer Terrorismus ist nicht nur ein Sicherheitsproblem, er betrifft unsere gesamte Gesellschaft.

Das heisst?

Neumann:Es braucht vor allem mehr Prävention – und da besteht in vielen europäischen Ländern eine grosse Lücke. Prävention ist sehr effektiv darin, Terrorismus zu verhindern. Aber auch 14 Jahre nach dem 11. September sind, beispielsweise in Frankreich, keine systematischen Anstrengungen zu erkennen.

Wie sähe sinnvolle Prävention aus?

Neumann:In Deutschland gibt es beispielsweise Beratungsstellen für Eltern, deren Kinder in den heiligen Krieg ziehen wollen. Diese halten Jugendliche sehr erfolgreich davon ab, nach Syrien zu gehen. Dutzende IS-Anhänger konnten so verhindert werden. Leider haben solche Beratungsstellen viel zu wenig Ressourcen. Dabei verhindern solche Projekte Terrorismus sehr effektiv und entlasten ausserdem die Nachrichtendienste und Sicherheitsbehörden, weil die dann weniger Fälle im Auge behalten müssen.

Europa ist derzeit mit einer sehr grossen Zahl an Flüchtlingen und Migranten aus dem islamischen Raum konfrontiert, überall werden wieder Grenzzäune errichtet. Werden die Attentate diesen Trend verstärken?

Neumann: Das steht zu befürchten. In meinen Augen besteht die grosse politische Gefahr in der weiteren Polarisierung. Extreme Rechtsparteien sind bereits sehr stark. Werden nun Flüchtlingskrise und Terrorismus miteinander vermischt, kann daraus eine sehr explosive Mischung entstehen. Die Extreme werden sich gegenseitig hochschaukeln. Das könnte sogar das europäische Gesellschaftsmodell in Frage stellen und Zweifel daran wecken, dass es für Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Überzeugung möglich ist, friedlich zusammenzuleben. Kommt es soweit, haben die Extremen ihre Ziele erreicht: Sowohl der IS als auch die Rechtsparteien wollen, dass sich die Menschen entscheiden: Bin ich Schweizer oder Muslim? Es ist wichtig, das man dieses Spiel nicht mitspielt.

HINWEIS

*Peter Neumann ist Direktor des «International Center for the Study of Radicalisation» am Londoner Kings College. Er gilt als einer der führenden Experte für islamistischen Terror. Vor kurzem erschien sein Buch «Die neuen Dschihadisten: ISIS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus».

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.