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EINSCHÄTZUNG: Olympische Idee ist stärker denn je

Die Geschichte zeigt: Aus den Spielen liess sich schon immer die Zukunft deuten. Rio 2016 steht für die Unsicherheit der Zeit, in der wir gerade leben. Mit Beginn des olympischen Wettstreits verscheuchen aber charismatische Helden dunkle Gedanken.
Klaus Zaugg, Rio De Janeiro
Der Blick vom Cristo Redentor auf das Maracana-Stadion in Rio, wo in der Nacht auf morgen die Olympischen Spiele eröffnet werden. (Bild: Getty/Chris McGrath)

Der Blick vom Cristo Redentor auf das Maracana-Stadion in Rio, wo in der Nacht auf morgen die Olympischen Spiele eröffnet werden. (Bild: Getty/Chris McGrath)

Klaus Zaugg, Rio de Janeiro

Die Olympischen Spiele werden durch ein ganz besonderes Ritual eingeleitet. Kurz vor der Eröffnung wenden sich die Medien dem Spektakel zu. Da es noch keine sportlichen Triumphe und Dramen zu erzählen gibt, die Chronistinnen und Chronisten aber bereits vor Ort sind, werden alle möglichen Missstände thematisiert. Die Anlagen werden nicht fertig sein, ein Chaos ist zu befürchten, die Sinnfrage dieser gigantischen Sportshow wird gestellt. Selbst eine defekte Toilette oder ein fehlender Duschvorhang können es in die globalen Schlagzeilen schaffen. Auch vor Rio hat es an präolympischen Themen wahrlich nicht gefehlt. Russland, das sportliche «Reich des Bösen» (Doping), wird uns noch eine Weile beschäftigen.

Die Emanzipation der Frau

Aber sobald der Wettstreit beginnt, dominieren die sportlichen Themen. Und Spiele, die keiner wollte, werden am Ende zu den «besten Spielen aller Zeiten». Diese Zusammenfassung mag salopp sein. Aber sie ist treffend.

Sinn, Zweck, Bedeutung und Zukunft der Olympischen Spiele werden immer wieder in Frage gestellt. Nach den Dopingskandalen rund um den russischen Sport noch selten so stark wie vor Rio 2016. Auf den ersten Blick scheint, um eine weltberühmte Formulierung des Geschichtsphilosophen Oswald Spengler zu verwenden, der «Untergang des olympischen Abendlandes» nahe. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich: Die Spiele sind so stark wie nie zuvor.

Sensible Zeitgenossen konnten aus dem alle vier Jahre aufgeführten globalen Spektakel schon oft die Zukunft deuten. Die Emanzipation der Frau war durch die Zulassung zu den Spielen von 1928 zu erkennen, bevor sie in allen gesellschaftlichen Bereichen durchgesetzt wurde – auch wenn allen Athletinnen noch vorgeschrieben wurde, dass der Rock eine bestimmte Länge haben müsse. Heute befehlen die Reglemente, wie knapp die Tenüs beim Beachvolleyball zu sein haben. Die Spiele verloren ihre politische Unschuld 1936 in Berlin, und wer wollte, konnte hier die Macht der Propaganda, der politischen Verführung erkennen.

Der Untergang des Kommunismus

Der Aufstieg der asiatischen Wirtschaftsmächte zeigte sich eindrücklich in den Olympischen Spielen von 1964 (in Tokio) und hat sich seither in weiteren Austragungen in Asien bestätigt. Amerikas Verunsicherung erkannten wir bei den Spielen von 1968 vor den grossen Protesten gegen den Vietnamkrieg, als Tommy Smith und John Carlos die Siegerehrung nach dem 200-Meter-Lauf zum Protest gegen die Rassendiskriminierung nutzten. Die Niederlage der Sowjets gegen die USA («Miracle on Ice») 1980 in Lake Placid nahm den Untergang des Kommunismus vorweg. Der enthemmte Kapitalismus war im olympischen Geschäft früh zu erkennen. Mit der Zulassung der Profis in den 1980er-Jahren (Los Angeles 1984 waren die ersten Spiele mit einem grossen Gewinn) und der Entwicklung des IOC zu einem milliardenschweren globalen Konzern im Laufe der 1990er-Jahre. Dass die Griechen über ihren Verhältnissen lebten, konnte jeder Besucher bei den Spielen von 2004 in Athen erkennen. Die Verunsicherung vor Rio, ausgelöst durch die heftigen Kontroversen im IOC wegen des Russland-Problems, spiegelt die Unsicherheit der Zeit, in der wir gerade leben.

Warum ist das so? Warum sind die Spiele wie Seismografen der Gesellschaft, und warum ist die olympische Idee stärker denn je? Es ist die Kombination von verschiedenen Faktoren. Der wichtigste ist das Charisma der grossen olympischen Helden. Von Koroibos von Elis über Sophyros von Syrakus, Bernhard Russi von Andermatt bis Michael Phelps von Amerika. Während Jahrtausenden. Der Amerikaner Stephen Amidon hat diese Strahlkraft einmal mit einem Satz auf den Punkt gebracht: «Something like the Gods.»

Olympische Götter? Ja, keine anderen sportlichen Wettkämpfe, ja, kein anderer Bereich der Gesellschaft bringt seit beinahe ewigen Zeiten so strahlende Helden hervor. So war es bei den alten Griechen, so ist es im 21. Jahrhundert. Gewiss, Roger Federer ist auch ohne Olympische Spiele eine globale Sportfigur geworden. Aber er ist die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Schon Muhammad Ali, der Grösste von allen, begann seine Karriere mit einem Olympiasieg. Die überwiegende Zahl der Weltstars in den Einzelsportarten verdankt den Weltruhm olympischem Gold. Sonja Henie, Jesse Owens, Jean-Claude Killy, Johnny Weissmüller, Carl Lewis, Toni Sailer, Emil Zatopek, Bernhard Russi, Katharina Witt oder Simon Ammann – sie alle verdanken ihre Karriere olympischem Gold.

Die Strahlkraft der Spiele hat auch mit dem Logo der fünf ineinander verschlungenen Ringe zu tun. Dieses Symbol steht weltweit für sportliche Träume, Triumphe und Tragödien. Die grossen Geschichten bleiben uns im Gedächtnis haften, auch weil sie nur alle vier Jahre geschrieben werden und nicht bloss flüchtige Episoden bleiben wie gewöhnliche sportliche Tagessiege. Weil die Regierungen weltweit den propagandistischen Wert der Spiele erkennen, sind die nationalen Olympischen Komitees in jedem Land stark mit der Politik verbunden, in vielen Ländern werden die Sportler staatlich gefördert und finanziert, teilweise sogar in der Armee ausgebildet. Die Olympischen Sommerspiele haben eine noch stärkere globale Ausstrahlung als die Fussball-WM. Weil alle Länder mitmachen können.

Die Ausstrahlung ist in Nordamerika viel stärker als in Europa. «Olympics» haben in der nordamerikanischen Gesellschaft eine geradezu magische Ausstrahlung, und es ist kein Zufall, dass die US-TV-Stationen und US-Firmen als Sponsoren nach wie vor den grössten Teil zum Milliardengeschäft beitragen.

Die Magie der Spiele übersteht alles

So wie die Fifa, so wird sich allerdings auch das IOC in den kommenden Jahren reformieren müssen. Oder zumindest so tun als ob. Die Durchführung der Spiele wird in Zukunft schwieriger werden. Das IOC verlangt die politische Zustimmung der Bevölkerung dort, wo es Demokratie gibt. Deshalb sind in jüngster Vergangenheit die olympischen Macher in der Schweiz (Davos/St. Moritz) und in Deutschland (Hamburg und München) an Volksentscheiden gescheitert und mussten auf eine Kandidatur verzichten. Aber es gibt nach wie vor genug Länder und Städte, die bereit sind, die Spiele zu organisieren.

Die ersten olympischen Wettkämpfe wurden mehr als 700 Jahre vor unserer Zeitrechnung zelebriert, die Siegerlisten reichen bis ins Jahr 776 vor Christus zurück, die Spiele sind älter als die katholische Kirche und der Islam. Ihre Magie ist so stark, dass sie alle Stürme der Zeit, alle Krisen und Skandale überstehen. Wenn die Welt dereinst untergeht, wird der Letzte, der das Licht löscht, nicht ein Bankier oder ein Politiker sein. Sondern ein verspäteter Heimkehrer von den Olympischen Spielen.

Hinweis

Mehr zu Rio 2016 lesen Sie auf Seite 33.

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