Polen
Elektronische Fesseln für polnische Hooligans während der Euro

Der Aufwand war gering, die Aufregung gross. Ein ins Internet gestellter, selbst gedrehter Videofilm eines polnischen Fussballhooligans hat kurz vor der Euro 2012 für grosse Aufregung gesorgt.

Paul Flückiger, Warschau
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Die Angst vor Krawallmachern ist gross. (Archiv)

Die Angst vor Krawallmachern ist gross. (Archiv)

Keystone

«Wir jagen die Deutschen aus unserm Land; wenn wir Deutsche sehen, prügeln wir auf sie ein», drohte der Vermummte im Videofilm. Er löste damit in Deutschland eine Welle der Angst vor polnischen Hooligans aus – auch wenn die deutsche Nationalelf sämtliche Vorrundenspiele in der Ukraine absolviert.

Ähnliche Videos kursierten im vergangenen Herbst vor dem Länderspiel zwischen Deutschland und Polen in Danzig. Im Zweiten Weltkrieg hätten die Deutschen die Polen wie Hunde begraben. «Diesmal begraben wir sie», drohte damals gar ein Vermummter in einer ARD-Reportage. Bei dem folgenden Freundschaftsspiel kam es zu keinerlei Zwischenfällen. Und zwar weder im noch ausserhalb des Danziger EM-Stadions.

Schengenregeln ausser Kraft

Dennoch will Polen für die EM auf Nummer sicher gehen. Gegen rund 1700 polnische Hooligans wurde ein Stadionverbot verhängt, das während der Euro 2012 mit elektronischen Fussfesseln durchgesetzt werden soll. Ab heute Montag werden zudem die Schengenregeln für einen Monat ausser Kraft gesetzt und wieder Grenzkontrollen eingeführt. Über 250 Kontrollpunkte wurden eingerichtet; dazu soll es vermehrt auch mobile Kontrollen im Hinterland geben.

Mithilfe einer, wenn auch noch lückenhaften, internationalen Hooligan-Datenbank sollen gewaltbereite Fussballfans schon an der Grenze abgefangen werden. Polen bietet zudem rund 10000 zusätzliche Polizisten auf, um die Sicherheit rund um die Stadien, Fan-Zonen und Hotels in den vier EM-Spielorten zu gewährleisten. Unterstützt werden sie von 150 ausländischen Polizeiexperten mit jahrelanger Berufserfahrung in der Hooliganszene.

Polen fürchten sich vor Russen

Fürchten sich vor allem die Deutschen im EM-Vorfeld vor den polnischen Hooligans, so geht in Polen die Angst vor den Russen um. Rund 30000 russische Fans werden laut polnischen Schätzungen für das Spiel Polen - Russland am 12. Juni in Warschau erwartet. Viele davon sollen schwerst bewaffnet sein. Polnische Journalisten haben im russischen Internet Drohungen gefunden.

«Das Hooligan-Problem wird überbewertet», versichert dagegen Grzegorz Lato, der Präsident des polnischen Fussballverbands und legendäre Torschütze der WM 1974, immer wieder. Seit über zehn Jahren jedoch sorgen vor allem die Fans der polnischen Landesliga auch in der seriösen Presse für Schlagzeilen. Erst vor einem Jahr hat die polnische Polizei – nach mehreren Interventionen der Uefa – damit begonnen, das Problem ernst zu nehmen und Mitglieder der gewaltbereiten Hooliganszene zur Verantwortung zu ziehen. Antiterroreinheiten stürmten damals die Wohnungen der Anführer der Fussball-Krawalle beim Pokalfinalspiel 2011. Premier Donald Tusk, selbst ein eingefleischter Fussballfan, sprach öffentlich von «Mördern, Drogendealern und Kleinkriminellen», die die polnische Fanszene durchsetzt hätten. Selbst Lato bekannte, die Polizei habe Angst vor den Hooligans. Die Verstrickungen zwischen der kriminellen Unterwelt und den polnischen Fussballhooligans waren unter Experten jedoch seit Jahren bekannt.

Schlägereien in Wäldern und Parks

Hooligan-Gewalt spielt sich in Polen längst nicht nur im Stadion ab. Regelmässig treffen sich Anhänger verfeindeter Clubs zu Schlägereien in Wäldern und abgelegenen Parks. Dabei gab es auch schon Tote. Vor vier Wochen hat die Polizei in Pommern und Schlesien 35 Hooligans festgenommen, die solche «Fan-Kriege» organisiert hatten. Angeblich sollen ähnliche Fankriegsabsprachen bereits zwischen polnischen, deutschen und russischen Hooligans getroffen worden sein.

Für Aufruhr hat Ende Mai auch der BBC-Dokumentarfilm «Stadien des Hasses» gesorgt. Darin werden vor allem britische Fussfallfans anderer Hautfarbe wegen des weitverbreiteten Rassismus in den lokalen Fankurven vor einem EM-Besuch in der Ukraine und Polen gewarnt.