Halbjahresbilanz

Emmanuel Macron verliert seinen Heiligenschein

Der junge Präsident hat schon viel erreicht, doch die Franzosen können sich mit ihm einfach nicht so richtig anfreunden.

Stefan Brändle, Paris
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Emmanuel Macron ist in erster Linie ein Technokrat.Christian Hartmann/AP/Key

Emmanuel Macron ist in erster Linie ein Technokrat.Christian Hartmann/AP/Key

KEYSTONE

Sogar Nicolas Sarkozy zieht den Hut: «Er ist wie ich, nur besser», sagt Frankreichs Ex-Präsident über Emmanuel Macron, der seit Mai im Élysée-Palast amtiert. Erst 39-jährig, leitet der politische Newcomer die Amtsgeschäfte sehr souverän. Die Regierung und seine Partei «La République en marche» kontrolliert er mühelos.

Bei seinen internationalen Auftritten setzt er sich gekonnt in Szene. Und dazu legt er ein Reformtempo vor, bei dem seine politischen Gegner schlicht nicht mitkommen. Bei seinem «Pièce de résistance», der Arbeitsmarktreform, dividierte er die Gewerkschaften und Linksparteien auseinander. Und während Linkenchef Jean-Luc Mélenchon dieser Tage deprimiert eingestand, dass ihn der Neue im Élysée «geschlagen» habe, lancierte Macron bereits die nächsten Berufsbildungs- und Steuerreformen.

Das europäische Umland applaudiert und das nicht nur wegen der konkreten Ankündigungen auf EU-Ebene. Macron brennt darauf, nach der Regierungsbildung in Berlin loslegen zu können. Ihm schwebt nichts weniger als eine Renaissance Europas vor. In Athen hielt er im September vor der nächtlichen Akropolis eine flammende Europarede, die in dem Satz gipfelte: «Schaut diesen Moment, den wir teilen, es ist der Moment, von dem Hegel sprach, der Moment, in dem Minervas Eule aufsteigt!» Nicht alle verstanden den Hinweis auf das Symbol der Weisheit; aber alle waren sie von dem Furor des jungen Europäers hingerissen.

Die Frauen mögen ihn nicht

Bloss: In Frankreich ist Macrons Stern am Sinken. In den Popularitätsumfragen kommt er derzeit nur noch auf 42 Prozent Zustimmung. Bei den Linkswählern hat er in einem Monat über zehn Prozent der Stimmen verloren, nachdem er die Vermögenssteuer für Millionäre abgeschafft hat und als «Präsident der Reichen» betitelt wird. Die in Frankreich verhassten «réformes» erklären aber längst nicht zur Gänze, warum der schneidige Jungpräsident in seinem eigenen Land mehr geduldet als geliebt wird.

Sein Charme wirkt jedenfalls nicht auf Frauen: Sie sind ihm laut Umfragen noch weniger gewogen als Männer. Offensichtlich kommt Macrons persönlicher Stil nicht an. Mittlerweile bekannt sind seine herablassenden Sprüche über «Faulenzer» und «Analphabetinnen». Unlängst, in Französisch-Guyana, brachte er einige neue Subventionen mit, machte aber alles zunichte mit dem Hinweis, er sei doch «nicht der Weihnachtsmann».

Der Präsident wird mit dem Klassendünkel der Pariser Eliten identifiziert. Die Endlosdebatte, wo Macron politisch stehe – sein Reformkurs ist rechtsliberal wie sein Wirtschaftsminister, seine Europapolitik sozialdemokratisch und SPD-nahe – geht am Wesentlichen vorbei. Macron ist in erster Linie Vertreter der Eliteverwaltungsschule ENA. Er steht, wie er sagte, «weder rechts noch links» oder, wie die Sozialistin Martine Aubry nachdoppelte, «weder links noch links» – er ist Technokrat.

Wie all seine engsten Mitarbeiter, darunter der erzkonservative Premierminister Edouard Philippe, hat Macron nach der ENA als Finanzinspektor begonnen. Wenn die beiden das Arbeitsrecht oder die Reichensteuer revidieren, tun sie das nicht mit politischen Argumenten, sondern um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen oder brachliegendes Kapital in die Wirtschaft umzuleiten. Mit dem gleichen pragmatischen Ansatz dirigieren die ENA-Seilschaften den ganzen französischen Zentralstaat. Macron sieht sich selber nicht als der Sonnenkönig oder Napoleon, als die er gerne karikiert wird, sondern ausdrücklich als «premier de cordée», als Erster der Seilschaft.

Manager, nicht Vaterfigur

Die «Enarchen» sind für Frankreich gewiss nichts Neues. Bisher hatten sie aber unter der Kontrolle einer Regierung und eines Staatschefs gestanden, die einem politischen Lager angehörten. Jetzt definieren sich Macron und sein Regierungschef nicht mehr über ihre politische Couleur. Das Gefühl vieler Franzosen, von einer abgehobenen, abstrakt denkenden ENA-Kaste regiert zu werden, wird noch verstärkt durch Macrons Persönlichkeit. Der Ex-Banker verkörpert nicht die fürsorgliche Vaterfigur eines Charles de Gaulle, Jacques Chirac oder François Mitterrand, sondern den brillanten, philosophisch geschulten Manager, der besser als die Wähler zu wissen glaubt, was sie wollen und brauchen.

Macron sitzt momentan fest im Sattel. Laut einer Umfrage zu seiner Halbjahres-Bilanz im Élysée würde er heute um vier Punkte klarer gewählt als im Mai. Dies aber vor allem deshalb, weil die übrigen Kandidaten von Jean-Luc Mélenchon bis Marine Le Pen noch schlechter abschneiden würden. Macron hat ausserdem Glück: Die westliche Konjunktur zieht eher an. Das verringert automatisch die Zahl der Arbeitslosen, das entscheidende Kriterium der heutigen französischen Politik. Macron wird natürlich seine Arbeitsreform dafür verantwortlich machen, obwohl sie erst in mehreren Jahren greifen wird.

Selbst Sarkozy, der von Macrons erstem Halbjahr so beeindruckt ist, warnt allerdings: Der Präsident trete zu selbstsicher auf, und das könnte in einem sozial weiterhin gespaltenen Land zu einer unerwarteten «politischen Eruption» führen. «Es wird schlecht enden», prophezeit der Ex-Präsident, der selber schlecht geendet hatte. Doch wenn einer nicht an sich, an seinem Geschick zweifelt, ist es Macron.